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Die Heimat der schrägen Geschichten.

Kopfgeister - Band 1

Kopfgeister
Band 1
9. November 2000

NERO IMPALA


Inhalt

Prolog

,,Komm..., es ist spät...``

Ja, das war es wohl. Aber mir war es egal -- Scheißsegal.

Sag mal weinst du oder ist es nur der Regen, der von deiner Oberlippe tropft?

Es waren Tränen. Tränen und ein passende Ort dafür.

,,Einen Augenblick noch...``, meine Stimme war kraftlos.

,,Schon gut...``

Ein Friedhof im November. Es war feucht und es war kalt. Was auch sonst? Die Kälte kroch mir in die Knochen. Aber auch das war mir egal. Es war alles ziemlich sinnlos geworden. Aber, seit wann mach Dummheit Sinn?

Die Blumen auf dem Sarg, schienen der Kälte des Wetters und der Kälte des Momentes trotzen zu wollen. Obwohl die Dämmerung bereits eingesetzt hatte, ging von ihnen ein Leuchten aus, ein Reflex von Schönheit und Liebe. Als wenn die sterblichen Überreste, die dort in dieser Kiste verwahrt wurden, der Endgültigkeit des Todes lügen strafen wollten.

Seht her! Hier bin ich! Mir kann Nichts etwas anhaben -- Jetzt nicht mehr!.

Stiefel und Fäuste hatten es schon gekonnt. Mit genug Haß und entsprechender Gewalt läßt sich das Leben aus seiner zerbrechlichen Hülle heraustreiben.

Meine Tränen wetteiferten mit dem Nieselregen. Wenn es einen Gott gab, dann war er wohl gerade zu ziemlich zynischen Witzen aufgelegt: Die Sonne war zwischenzeitlich soweit gesungen, daß sie am Horizont unter der Wolkendecke hindurchstrahlen konnte. Ein paar rodgoldene Strahlen fielen direkt auf den Sarg und ließen ihn im herbstlichen Dunst überirdisch schön aufglühen -- Wie kitschig! Bäh!

Erleuchtung? Ich war weiß Gott kein religiöser Mensch, aber im Anblick dieses Lichtes kippte meine Stimmung. Die Trauer war wie weggeblasen. Ob ich es wollte oder nicht, ich weiß es nicht mehr, aber irgendwie schlich sich ein (diabolisches) Grinsen auf meine Lippen. Ein Idee machte sich in meinem Kopf breit. Eine sehr, sehr böse Idee.


Es war spät -- Aber es war nicht zu spät, um etwas zu tun. Ganz im Gegenteil. Es war Zeit ein Zeichen zu setzen! Auf meine Art!

über das Inselleben und andere Katastrophen

Die Ereignisse von denen ich berichten will, begannen in den Sommerferien am Ende der 9. Klasse. Das liegt jetzt fast drei Jahre zurück. Vielleicht sind ein paar Basisdaten zu meiner Person ganz hilfreich: Mein Name ist Sven, Sven Jacobsen, und -- ja -- ich werde Svenni genannt. Das ist bei diesem Namen wohl unvermeidlich. Ich war zum Zeitpunkt der Handlung (fast) 16 Jahre alt, so um die 1,76 Meter groß (oder klein, je nach Geschmacks- und Ansichtssache), blond (Aber das geht wohl aus meinem Vorname wohl schon hervor. Alle die Sven heißen sind bekanntlich blond.) und natürlich auch blauäugig. Was kann ich für meine skandinavischen Gene? Man möge sich bei meiner dänischstämmigen Mutter beschweren.

Zu Beginn dieser Geschichte lebte ich mit meinen Eltern auf der Ostseeinsel Fehmarn. Man mag es kaum glauben, aber selbst auf diesem provinziellem Eiland besaßen wir nicht nur Fernsehen und Telefon, nein, es gab sogar eine Schule: das Inselgymnasium. Unter uns Schülern auch liebvoll ,,unser Inselknast`` genannt.

Ich wurde nicht auf Fehmarn geboren. Dafür, daß ich dort wohnte, war mein Paps verantwortlich, beziehungsweise seine Lieblingssportart, dem Windsurfen. Da er es sich leisten konnte, hatte er, als ich so ungefähr 3 Jahre alt war, ein Haus auf Fehmarn gebaut und war mit uns dort hingezogen.

Allerdings hatte sich das mit dem Surfen bei meinem Paps mitlerweile stark gelegt. Zum einem hatte er kaum noch Zeit. Als Finanzmakler war er mit einem 14 Stunden Tag gesegnet und pendelte täglich zwischen Kiel oder Hamburg und Fehmarn. Manchmal, wenn's mal wieder sehr dick kam, bleib er sogar die gesamte Woche in seiner Stadtwohnung oder dem hamburger Arpartment seines Brötchengebers. Der andere Grund, warum er kaum noch surfte: Ich surfte um Klassen besser als er! Das schien ihn zu wurmen. Tja, es hatte ihn niemand gezwungen, mir unbedingt das Surfen beibringen zu wollen. Selbst Schuld!

Damit hätte ich auch gleich meine eigene Lieblingssportart erwähnt: Windsurfen, und neuerdings Kitesurfen. Kitesurfen ist nur etwas für völlig durchgeknallte Idioten, also zum Bleistift für mich. Man nehme einen zu groß geratenen Lenkdrachen, stopfe noch Luftschläuche (Tubes) rein damit das Ding nicht sinken kann, hänge vier Leinen dran und lasse sich dann mit einem Kite- oder Wakeboard über und aus dem Wasser ziehen. Isse cool, musste probieren!

Alles hat bekanntlich seine zwei Seiten, auch ich und das Thema Sport. Auf und unter Wasser war ich zwar fit wie ein Turnschuh, aber sobald Bälle ins Spiel kamen (egal ob Fuß-, Hand-, Basket- oder Wasserball): Totalausfall. Ich dürfte in unserer Klasse die sportlichste Sportniete aller Zeiten gewesen sein. Oder anders ausgedrückt: wer wurde routinemäßig bei Mannschaftsauswahl als letztes gewählt? Bingo, klein Svenni!

Und noch etwas. Zu Beginm der ganze Geschichte war ich schon schwul, d.h. mehr oder weniger. Ich wusste, dass ich es war, war aber noch ungeoutet und, man wird es vermutet haben, noch Jungfrau.


An jenem Schuljahresende war ich eigentlich fast zufrieden mit mir. Das Klassenziel so halbwegs geschafft, also versetzt, mit mir selbst ins Reine gekommen (mein privates Coming Out) und am wichtigsten: endlich Ferien.

Das mit dem Klassenziel und dem ins Reine kommen hingen ursächlich miteinander zusammen. Hatte ich doch die letzten eineinhalb Jahre mehr Phasen durchlebt als jeder bessere Zwei-Phasen-Gebiß-Reiniger.

Jeder Schwule kennt das: Phase I -- Die Erkenntnis. Mann stellt fest, daß irgend etwas mit einem anders ist. Die anderen Jungs beginnen mit den Mädchen zu fummeln, aber man selbst fummelt nur an sich selbst rum. Fantasien von Mädels wollen sich dabei erstaunlicher weise partout nicht einstellen, was sie aber plangemäß sollten. Stattdessen schieben sich immer wieder Bilder von süßen Jungs (etwa dem Schnukel aus der Parallelklasse) ins Bild. Irgendwie merkwürdig und auch etwas unheimlich.

Phase II -- Gespanntes Abwarten. Es ist wohl nur eine Phase und die geht wieder vorbei. So denkt man. Immerhin stand es so in der Bravo von der Schwester des Schulfreunds und die muß das ja wissen (Nicht die Schwester des Schulfreundes. Die Bravo!) So oder so ähnlich läuft das dann eine ganze Weile. Doch irgendwie will diese ,,homoerotische Phase`` nicht aufhören. Ein leichter Anflug von Panik machte sich langsam in einem breit und Mann ist reif für die nächste Phase:

Phase III -- Warum ich? Der Zeitpunkt an dem Mann eine Entscheidung treffen muß.


Bei mir lautete die Entscheidung: Nachlesen! Homosexualität, die -- Sexuell abnormes Verhalten zum eigenen Geschlecht, Geisteskrankheit, siehe auch Perversion. Ok, daß Medizinenlexikon war schon recht alt, aber wer achtet als verunsicherter 15jähriger auf ein Erscheinungsdatum: 1964. Ich hatte vorerst mit dem Schock zu kämpfen, ein perverser Geisteskranker zu sein, auch wenn ich mich nicht unbedingt wie einer fühlte. Aber was in wissenschaftlichen Fachbüchern steht ist ja bekanntlich die absolute, weil eben wissenschaftliche Wahrheit, oder?

So richtig sicher, war ich mir da nicht mehr. Phase III schien sich zur unfreundlichsten Phase zu entwickeln.

Das war so ungefähr genau der Zeitpunkt, an dem ich für die erwachsene Umwelt ziemlich unerträglich wurde. Meine schulischen Leistungen trudelten im Sturzflug prompt von einer guten Zwei auf eine wackelige vier. Irgendwie begann ich plötzlich so ziemlich alles in Frage zu stellen. Kein Wort ohne Gegenwort. Nach Außen! Nach innen stellte ich mir eigentlich immer und immer wieder nur eine Frage: Warum ich? Hätte es nicht jemanden anderen treffen könne? Dem fetten Carsten aus der Parallelklasse zum Beispiel, den mag eh niemand. Erstaunlicherweise ließen mich meine wehrten Eltern während dieser Zeit halbwegs zu Frieden.

Surfen mal anders -- mit ohne Wasser

Phase IV -- Erkenntnis! Gelobet sei das Internet! Preiset den Gott CPU und seine Engel die Speicher und Festplatten! Die letzten Weihnachten hatten mir einen PC samt Internetzugang eingebracht und daß trotz meiner bescheiden-miserablen Schulnoten.

Mammi, Papi und Oma sei Dank!

Computer hatten mich irgendwie schon immer interessiert und ich hatte auch bei Freunden mit solchen Dingern rumgespielt. Nein, daß ist untertrieben. Wir hatten in unserer Schule eine Computer-AG. Die Kisten waren zwar aus dem vorletzten Jahrhundert und ein Internetzugang gab es auch nicht bei jedem, aber immerhin.

Diese Weihnachten paßten für mich und meinen neuen Computer perfekt: ich hatte Zeit (die anderen Jungs aus meiner Schule hatten ihre Freundinnen) und es war kein Surfwetter (Weihnachten fällt ja kalendarisch bedingt meistens in den Winter und wer surft schon gerne zwischen Eisschollen). Also, ran an die Kiste. Als erstes mußte Windows dran glauben. Von meinem besten und ältesten Freund Thimo, von dem gleich noch zu berichten sein wird, hatte ich mir Linux besorgt und ihn nebenbei auch noch als meinen persönlichen PC-Guru eingespannt (Thimo, nicht das Linux). Nach knapp zwei Stunden war alles installiert, eingerichtet, DSL angestöpselt und los gings.

Bei meinen ersten Gehversuchen half mir mein persönlicher PC-Wizard. Als echter PC Crack durfte er die öde Konfigurationsarbeit machen und mir das Wichtigste verklickern: e-Mail, Surfen ohne Wind (geht-doch-gar-nicht!), Suchmaschinen, Spiele. Halt das ganze ABC der EDV wurde mir in einem Crash-Kurs verklickert. Thimo war geduldig (im Gegensatz zu mir) und erklärte wirklich alles (ein sehr mühsames Unterfangen). Naja und ich bin halt auch nicht ganz so dumm, wie ich aussehe und kapierte das meiste dann doch recht schnell.

Schließlich, nach reichlich fünf Stunden, war es endlich soweit. Thimo ging nach Hause, ich war alleine! Nur ich, mein Rechner und das Internet: Suchmaschinen aufgerufen und die Suchbegriffe eingegeben, die ich seit Monaten eingeben wollte.

Man kann sich sicherlich denken, welche Begriffe es waren, die mir unter den Fingern brannten. Und genau so kann man sich denken, wie ernüchtert ich nach Eingabe eben jener Suchbegriffe war. Was ich damit meine? Also, wenn das, was ich da alles las und in zuweilen eindeutigen Bildern sah, daß war, was ich war, dann wollte ich nicht das sein, was ich nunmal war.

Kommen noch alle mit?

Mit anderen Worten: Ich war geschockt! Wenn schwul sein bedeutete, total tuckig aufgebrezelt oder in merkwürdigsten Leder- und/oder Gummizeugs rumzulaufen, um dann darin noch merkwürdigere Dinge miteinander zu machen, dann wollte ich doch lieber Mönch werden. Auch was so in den diversen Chatrooms ala IRC und Co ablief, war überhaupt nicht mein Ding. Alle wollten nur Sex mit mir haben. Spätestens nachdem ich mein Alter, Größe und Aussehen beschrieben hatte. Ich wollte kein Sex. Naja eigentlich wollte ich den schon, aber nicht um des Sex Willen. Und vor allen Dingen nicht mit Leuten, dessen Sabber schon fast aus der DSL-Leitung gequollen kam. Ich wollte einen Freund haben. Jemand der so fühlte wie ich, mit dem man Reden konnte, jemanden mit dem man knuddeln und kuscheln konnte. Ich wollte jemanden in den ich mich verlieben konnte.

Aber mein erste Versuch war Essig. Nein, es war eigentlich noch viel schlimmer. Ich war von dem, was ich im Internet las und sah angeekelt. Ich war von mir selbst angeekelt. Mir kam die Defintion von Homosexualität aus dem Medizinwörterbuch wieder in Erinnerung. Ich schaltete die Kiste aus und wimmerte mich in den Schlaf.


Mein emotionaler Absturz dauerte zwei Tage. Danach begann die Vernunft und Neugier über den empfundenen Ekel zu siegen. Das, was ich bisher gesehen hatte, konnte unmöglich alles gewesen sein. Vieleicht war ich auch nur mit zu hohen oder falschen Erwartungen an die Sache rangegangen. Mit diesen Gedanken im Kopf startete ich also einen zweiten Versuch. Diesmal wollte ich etwas systematischer vorgehen.

Bingo! Das sah doch gleich viel besser aus. Es kommt offenbar doch auf die richtigen Suchbegriffe an. Es gab also auch noch eine andere Seite, schwul zu sein. Endlich fand ich, was ich suchte: Coming-Out-Storys, Seiten für junge Schwule und die Erkenntnis: Du bist nich allein. Wow! Von ,,am Boden zerstört`` zu ,,Himmel hoch jauchzend`` in zwei Stunden war schon nicht schlecht.

Dies war der Moment! Langsam begann ich zu verstehen. Langsam begann ich zu begreifen, wer und was ich war und seit dem mit ganzen Herzen bin: schwul, nicht mehr, aber auf keinen Fall auch weniger.

Die nächsten Monate war dann sehr viel surfen angesagt. Allerdings weniger auf dem Wasser wie früher. Ich hätte nie gedacht, daß schwul zu sein, ein Ausbildungsberuf wäre. Aber ich lernte, las und, ich muß es zugeben, sammelte auch das eine oder andere Bild. So für gewisse einsame Stunden, nach denen man dann eine andere Unterhose braucht.

Um Ostern herrum hatte ich mir sogar soviel Mut angesurft, daß ich mich im IRC mit anderen Junx über ihre Erfahrungen augetauschen konnte. Obwohl ich mir bei manchen der Junx nicht sicher war, ob die wirklich noch Junx waren.

Ich unterhielt mich mit vielen. Ich tauschte mich mit ihnen aus. Es war nett und befreiend, mich mit Junx zu unterhalten, die änliche Erfahrungen gemacht hatten, wie ich. Einer von ihnen aber, stach vor allen anderen herraus. Wir lagen sofort auf der gleichen Wellenlänge.

Er schien genau das gleiche durchgemacht zu haben, wie ich, war aber wohl schon etwas weiter mit seinem Coming-Out. Er hörte mir zu (naja, eigentlich müste das wohl heißen er las mir zu. IRC ist doch eher tastaurgebunden) und fand danach immer die richtigen Worte. Es schien, als wenn wir uns schon seit Jahren kennen würden. Aber das wichtigste war: Er sorgte dafür, daß ich mich wieder selbst respektierte und mich so nahm wie ich bin. Er war es, der mein zersplittertes Ego wieder zusammen fügte. Ein tolles Gefühl.

Eine Sache hatte ich allerdings nicht übers Herz gebracht. Mein IRC Chat-Freund (Ircname #CKent77), so muß ich ihn wohl nennen, meinte, ich sollte es meinen Schulfreunden sagen oder zumindesten meinen besten Freund. Ich hatte ihm von Thimo erzählt und er meinte, wenn er wirklich mein bester Freund sei, dann kann das gar nicht schief gehen. Vieleicht würde ich sogar ein positive Überraschung erleben.

Er hatte recht, ich hatte mir sowieso vorgenommen, daß Thimo es als erster erfahren sollte. Aber letzten Endes fehlte mir dann immer wieder der Mut. Naja, vieleicht in den Sommerferien...

Sonnenuntergang, oder Kitsch komm raus du bist umzingelt

Wie gesagt, die Sommerferien hatten begonnen. Ich war schwul und stolz darauf (so still für mich alleine). In der Schule hatte ich nochmal gerade eben die Kurve gekriegt und eigentlich allen Gund fröhlich zu sein. Doch trotzdem geriet ich in melancholische Stimmung. Wenn schon schwul, dann doch bitte nicht alleine! Das Verhalten meiner Schulfreunde machte die Sache auch nicht besser, eher im Gegenteil. Um das zu verstehen, muß ich vieleicht kurz erklären, wie es auf unser Insel im Sommer so läuft.

Fehmarn ist nicht nur nur eine Insel, es ist eine Ferieninsel. Manche sagen, es ist die Ferieninsel. Sind (Schul-)Ferien, werden wir mit Touries überflutet. Hauptsächlich über 50jährige Ehepaare und junge Familien mit ihren Kids. Tja, wir sind halt eine familienfreundliche Insel. Und was machen Touries? Alles, was man so im Urlaub macht: Baden, Sonnen, Fahradfahen, Surfen(!), Tauchen, Schwimmen und Shoppen, Shoppen und nochmal Shoppen. So ziemlich jeder Fehmarner, der ein Häuschen besitzt, besitzt auch mindestens ein oder mehrere ,,Fremden-`` oder ,,Gästezimmer``. Die Insel lebt von den Urlaubern. Für uns Jungs und Mädels war das eher beschi...eiden. Fehmarn ist sautauer, zumindestens für jemanden mit durchschnittlichen Taschengeld wie mich. Aber es gab da noch eine andere Sache: Die Töchter der Gäste.

Dieses Jahr hatte Schläfrig-Hohlstein als eines der ersten Bundesländern Ferien bekommen. Erst in ein bis zwei Wochen würden die ersten Urlauber mit ihren Töchtern bei uns eintreffen. Meine Freunde fieberten dieser Gästeflut schon sehnsüchtig entgegen. Wir nannten diese Jahreszeit deswegen auch immer die ,,Jagdsession``. Im Gegensatz zum blassen Großstadtbewohner, waren wir meistens schon im Frühjahr ziemlich gebräunt, ähm durchgeknuspert. Fehmarn ist halt eine Sonneninsel. Für uns eigentlich normal, waren die Stadtmädels immer ganz wild auf uns Inselboys, ähm ja, auf mich leider auch. Nach zwei bis drei Tagen, hatte jeder Junge aus meiner Klasse, der halbwegs passable aussah, eine Freundin für die nächsten zwei Wochen. Und alle genossen es!

Und während alle meine Freunde versorgt und glücklich waren, blieb ich solo. Denn selbst, wenn die Gästeflut auch einen süßen schwulen Jungen an unsere Küste gespült hätte, ich hätte nie den Mut gefunden ihn anzusprechen.

Das war der Grund, warum ich mich nicht richtig auf die Ferien freuen konnte. So vertrieb ich mir die meiste Zeit mit Surfen (diesmal auf dem Wasser).

Und dann passierte die Sache mit Thimos Vater...


Thimo Camron-Bach war von allen meinen Freunden, mit Abstand mein bester Freund. Wir kannten uns seit ich drei Jahre war, also quasi seit unserer Sandkastenzeit. Wir waren quasi unzertrennlich, egal ob Kindergarten, Grundschule oder Gymnasium. Thimo und Sven, wir waren das dynamische Duo. Nicht, daß wir keine anderen Freunde gehabt hätten. Ganz im Gegenteil. Es gab da so eine lockere Gruppe von 7 bis 8 Leuten: Thimo, Maik und Maike, Sören, Stefan, Kai, Anne und ich. Die reinste Horrorgang. Sollte Bauer Hansen jemals erfahren, warum sein Güllegrube explodierte, werden wir vermutlich unseres Lebens nicht mehr froh werden. Aber die Beziehung zwischen Thimo und mir, war immer etwas besonderes gewesen. Das man mich jetzt keinesfalls falsch versteht. Thimo war durch und durch hetero. Was schade war, da er ziemlich gut aussah.

Zwischen Thimo und mir herrschte so etwas wie ein Gleichklang des Geistes, wie es das nur zwischen besten Freunden gibt. Wir verstanden uns ohne Worte. Ein gegenseitig ausgetauschter Blick und wir wußten sofort, daß wir das gleiche dachten. Oder es kam vor, daß ich etwas dachte und Thimo es aussprach. Das ganze natürlich auch umgekehrt. Sören meinte irgendwann mal, das unsere Gehirne wohl miteinander verkabelt sein müssten.

Durch einen Schiksalsschlag, anders konnte man das nicht nennen, wurde unsere Freundschaft dann absolut unzertrennlich.

Es gibt Dinge, die sollte man mit fünfzehn Jahren nicht erleben müssen. Thimos Vater starb. Nein, das ist untertrieben, er krepierte. Langsam und unaufhöhrlich zehrte ihn eine Form von Knochenkrebs auf. Wenn ich je ein harmonischeres und liebevolleres Verhältnis zwischen Vater und Sohn erlebt habe als zu meinem eigenen Vater, dann war es das zwischen Thimo und seinem Vater. Um so mehr litt Thimo.

Ich weiß eigentlich nicht, was ich in dieser Zeit für ihn besonderes gemacht habe, aber es schien richtig gewesen zu sein. Im Grunde war ich einfach nur für ihn da, wenn er jemanden brauchte: um zu Reden, um zu schweigen oder um sich an meiner Schulter ausweinen zu können. Vieleicht hatte ich auch nur im richtigen Moment meine vorlaute Klappe gehalten. Ich empfand das als Selbstverständlichkeit: für einen Freund da zu sein, ob im guten, in schlechten oder, wie damals, in beschissenen Zeiten. Außerdem lenkte es mich ein wenig von meinen eigenen Problemen ab.

Die Leiden von Thimos Vater dauerten gut ein dreiviertel Jahr. Fast täglich wurden seine Morphiumdosen erhöht. Einen Tag werde ich niemals vergessen. Wir waren bei ihm zu Hause, als sein Vater bat, mich alleine, ohne Thimo, zu sprechen. Er war schon sehr dünn und hager, aber man sah immer noch seinen klaren Verstand, hinter den gleichzeitig müden und trotzdem hellwachen Augen aufflackern.

``Tu morturi salutant! - Die Totgeweihten grüßen dich! Sven...`` Thimos Vater versuchte unter schweren Schmerzen zu lächeln und sein Humor war noch bissiger als sonst. Doch dann wurde plötzlich sehr ernst: ,,Ich möchte mich heute bei dir bedanken.``

Ich wollte gerade etwas erwiedern, aber ein kurzes Kopfschütteln ließ mich sofort verstummen. Dann führ er fort.

,,Ich spüre, das es bald zu Ende geht. Ey, sei nicht traurig, für mich wird es eine Erlösung sein. Ich habe meinen Frieden mit der Welt geschlossen. Und außerdem, wer will schon ständig eine lebende Leiche im Hause haben? Als Urne auf der Fensterbank werde ich viel handlicher sein.``

Man hätte seinen Humor als ätzende Verbitterung misverstehen können, doch dann hätte man ihn falsch verstanden. Das war seine Art. Er meinte es genau so: ,,Hey, ist schon OK was passiert. Shit happens!``

,,Ich möchte dir danken, daß du die ganze Zeit für Thimo da warst. Ich weiß, du willst jetzt sagen, daß es selbstverständlich war. Aber das war es nicht! Ich bin froh. Thimo kann stolz sein, einen so guten Freund wie dich zu haben. Danke, Svenni.``

Die kleine Rede schien ihn sehr angestengt zu haben. Er schloß die Augen. Mir quollen die Tränen in die meinigen, mein Hals war zugeschnürt, das atmen fiel mir schwer. Gerade als ich dachte, daß er eingeschlafen war und gehen wollte, öffente Svens Vater seine Augen.

,,Warte! Ich habe noch eine Bitte. Du solltest es ihm sagen! Er hat es verdient, es zu wissen. Frag mich nicht woher ich es weiß. Versprich es mir!``

Ich mußte schlückten. Thimos Vater wußte, daß ich schwul war und daß genau zu einer Zeit, als ich noch selbst mit mir am kämpfen war.

,,Ich versprechs!``

,,Danke, Sven!``

Er schloß die Augen. Dies waren die letzten zwei Worte die ich je von ihm gehöhrt habe. Zwei Tage später schlief er friedlich ein. Es mag herzlos klingen, doch der Tod von Thimos Vater war eine Erlösung für die ganze Familie. Die Trauerfeier war nochmals sehr hart. Sowohl für Thimo als auch für seine Mutter. Aber danach begann es ihm von Woche zu Woche besser zu gehen. Er kam langsam über seinen Verlust hinweg, ohne ihn zu vergessen oder zu verdrängen. Ich hingegen hatte ein schlechtes Gewissen, eins das mit jedem Tag wuchs. Bisher, hatte ich noch nicht den Mut aufgebracht, mein Versprechen gegenüber Thimos Vater einzulösen. Die Zeit verging. Es wurde Sommer.

Ein ehrenwerter Hacker

Wie ich, surfte Thimo für sein Leben gern. Er hatte sich dieses Jahr verständlicherweise nicht der Mädchenjagd angeschlossen. Die Trauer um seinem Vater war noch zu groß.

Eigentlich war Thimo der Typ auf den die Mädchen, und solche Typen wie ich, abfahren: eine tolle, nein geile, supersportliche, aber nicht übertrieben muskulöse Figur, ein süßes Gesicht mit sensible, melancholische Augen in denen man ertrinken könnte. Seine schlimmste Waffe aber, war sein Hundeblick -- entwaffnend und tödlich. Mit diesen Blick hatte er sogar unsere Lateinlehrerin kleingekrigt.

Allerdings war Thimo kein Draufgänger, der alle zwei Wochen eine Neue hatte. Dafür waren ihm Beziehungen zu wichtig. Er war der erste in unserer Klasse, der mehr als ein Jahr mit der gleichen Freundin zusammen war. Wenn es nach ihm gegangen wäre, wären sie wahrscheinlich immer noch zusammen. Naja, Maike seine damalige Freunding, die Zwillingsschwester von Maik (Manche Eltern scheinen nicht zu wissen, was sie ihren Kindern mit solchen Namen antun.), hatte sich letztes Jahr der Jagd angeschlossen und hatte einen Jungen erobert, den sie, aus meiner Sicht heraus, auch für sich behalten konnte. Diese Eroberung hielt sogar recht lange. Maike, war eine fleißige Briefeschreiberin. Ich glaube aber, der wahre Grund warum Maike Schluß gemacht hatte, war, daß sie nicht wußte, wie sie mit der Krankheit von Thimos Vater und ihrer Auswrikung auf Thimos Stimmung, umgehen sollte.

Aber diese Überlegung behielt ich vorsichtshalber für mich. Erstaunlicherwiese hatte sich Thimo nie zu diesen Dingen mir gegenüber geäußert. Weder zur Beziehung zu Maike, noch warum sie zu Ende ging. Ich wollte auch nicht nachfragen, wenn er darüber sprechen wollte, würde er es irgendwann tun.

Da wir nun beide (Thimo und ich) solo waren, verbrachten wir die meiste Zeit zusammen auf dem Wasser. Thimo surft mindestens so gut wie ich. Er war etwas stämmiger als ich gebaut. Während ich eher mehr so den Körper eines Schwimmers hatte und auch immer noch habe, war Thimo mehr der Typ eines Allroundathlethen.

Kein Fett, alles Muskel, die dabei aber nicht unförmig wie bei einem Bodybuilder wirkten, sondern vielmehr die natürliche Form seines Körpers unterstrichen - Ein Traumman und dazu noch verdammt gelenkig. Thimo kam mit allen Arten von Ballspielen klar, inklusive einer Leidenschaft für American Football! Ich empfand es als totale Verschwendung, daß dieser Mann hetero war!


Es war ein Freitag Abend. Wir hatten den ganzen Tag gesurft und waren jetzt ziemlich müde. Der Wind hatte sich gelegt und wir genossen die letzten Sonnenstrahlen am Strand. Eigentlich ein wunderschöner Tag. Doch irgendwie, war die Stimmung merkwürdig gedrückt. Thimo war merkwürdig. Er war die ganze Zeit über nicht richtig bei der Sache, als wenn er mit einer Entscheidung zu kämpfen hatte. Zum Abend nahm dann diese seltsame Stimmung auch noch deutlich zu.

Normalerweise reden wir recht viel. Doch als wir zusammen am Strand saßen, schwiegen wir diesmal nur. Mir wurde die Situation immer unbehaglicher.

,,Thimo, was ist los?``

Ein tiefens Luftholen, ausatmen Mut sammel.

,,Sven, du bist doch mein bester Freund?``

War das eine Fangfrage, daß wußte er doch. Warum fragte er sowas? Ich wurde nervös. Hatte ich irgendwas falsch gemacht?

,,Ich denke schon. Wieso?``

,,Warum vertraust du mir dann nicht?``

Was war das? Wie jetzt? Mein Herzschlag setzt aus, ich spürte eine sehr unangenehmes Ziehen in meiner Brust. Was wollte er von mir?

,,Wie meinst du das?``, meine Gegenfragen waren noch nie sonderlich intelligent.

Thimo holt nochmals tief Luft. Ich ahnte, daß mir der nächsten Satz bestimmt nicht gefallen würde.

,,Warum hast du mir nie erzählt, daß du schwul bist?``


Mir blieb die Sprache weg. Woher wußte Thimo, daß ich schwul war? Hatte seine Familie den sechsten Sinn? Eine Dynasti von Gedankenlesern? So richtig einen klaren Gedanken zu fassen, war fast unmöglich. Ich saß nur da. Hatte meinen Blick auf mein Badetuch gesenkt und brachte kein Wort raus.

Tausende Gedanken gleichzeitig durchzuckten mein Hirn. Warum hatte ich solange gewartet? Zu lange! Wer weiß es sont noch? Warum habe ich es ihm nie erzählt? Gibt es in der Hölle Eiskrem? Ich hatte mein Versprechen gebrochen. Könnte die Welt jetzt nicht explodieren. Warum passiert mir sowas?

Dann bekam ich auf einmal höllische Angst. Angst davor, daß er meine Freundschaft und ja auch irgendwie meine Liebe falsch verstehen könnte. Mir wurde in diesem Moment klar, das ich, auf eine völlig asexuelle Art, diesen Jungen liebte. Diese Erkenntnis machte mir Angst. Angst ihn zu verlieren. Möglicherweise würde er auf die Idee kommen, daß, als ich ihn während der Krankheit seines Vaters getröstet hatte, nur an ihn ranmachen wollte und mich nun dafür hassen.

Ich schähmte mich. Meine Augen wurden feucht und glasig. Die ersten Tränen sickerten aus meinen geschlossenen Liedern hervor. Mein Puls war zu einem ohrenbetäubenden Hämmern angeschwollen. Meine Hände ballten sich zu Fäusten.

,,Sven, bist du schwul?``, die Frage wurde klar, mit respektvollen Ernst aber auch sehr nachdrücklich gestellt. Diese eine Frage, gerade mal drei Worte, erlaubten keine Ausflüchte. Also dann: die Wahrheit.

,,Scheiße! Ja!``, das kam ein Tick zu heftig. Ich öffnete schnell meine Fäuste und spreizte alle Finger. Nur nicht agressiv werden. Hier stand jetzt alles auf dem Spiel. Meine, in den letzten Monaten mühsam wieder erarbeitete, Selbstachtung macht Puff und war weg. Und trotzdem fühlte ich mich wunderbar erleichtert. Beginnt so Schizophreni? Meine Augen produzierten Sturzbäche von Tränen. Ich stand völlig neben mir und hatte das Gewühl, alles aus weiter Ferne zu betrachten. Man kann es auch anders ausdrücken: Mir war zum kotzen und ich flennte meinen ganzen Frust über meine Situation hinnaus.

,,Ey! Nich doch! Komm her!``

Was war das? Thimo nach mich in den Arm. Ich heulte ihn auf seine nackte Brust und er streichelte durch mein Haar. Was passierte hier?

,,Thimo, hasst du mich denn jetzt nicht?``

,,Sven, sagmal spinnst du! Warum sollte ich das?``

,,Ich bin schwul! Einer dieser elenden Arschficker und perversen Säue.``

Meine Selbstachtung hatte sich definitv in nichts aufgelöst. Mein ganzer Selbsthass war wieder da. Warum eigentlich?

Thimos Gesicht wirkte schmerzhaft verzogen, als wenn ich ihn geschlagen hätte: ,,Hör sofort auf damit! Du bist der beste Freund den man haben kann. Und nicht etwa, obwohl du schwul bist. Sondern weil du so bist, wie du bist!``

,,Was?``, meine Augen, die wohl aussehen mussten, wie zwei rote Laternen glotzten Thimo an.

,,Sven, du bist ein Arschloch! Warum hast du mir nie früher gesagt, daß du schwul bist? Du bist der aroganteste, dickköpfigeste Torfkopf auf der Welt. Warum mußt du immer alles alleine durchstehen wollen? Warum läßt du dir nie von den Leuten die dich lieben helfen?``

,,Ich hatte Angst!``, meine tränenverquollenen Augen bohrte kleine Löcher in mein Badetuch, ,,Ich hatte solche Angst, du würdest es nicht verstehen. Du würdest mich verachten! Mich hassen!``

Thimo nickte. Ein etwas gequältes Grinsen war auf seinem Gesicht. Mit einer nickenden Kopfbewegung, die alles mögliche bedeuten konnte, kam dann eine Entgegnung die ich nun überhaupt micht erwartet hätte: ,,Ach Sven, Ich weiß!``

Das war der nächste Schock. Woher wußte Thimo, daß ich schwul war? Aber Thimo schien noch viel mehr von mir zu wissen. Seinem Gesichtsausdruck war nichts zu entnehmen. Ich hätte losbrüllen können. Ich wusste einfach nicht, was gerade passierte. Ich versuchte irgendwie meine Gedanken zu sortieren. Also, Thimo wusste, daß ich schwul war. Woher? Warum kommt er damit klar? Bisher hatte er noch nichts Negatives von sich gegeben. Soweit bestand wohl noch Hoffnung auf ein Happy End.

Irgendwas musste ich jetzt sagen, also versuchte ich die Flucht nach vorn: ,,Woher weisst du es?``

Thimo seufzte. Sein Gesichtsausdruck war merkwürdig. Er schien etwas sagen zu wollen, sagte dann aber nichts.

,,Bitte! Thimo, ich muß es wissen! Woher weisst du es?``

Thimo sah mich nachdenklich an. Er schien zu überlegen. Seine Augen wirkten völlig nach innen gekehrt. Mir war, als wenn in Thimos Kopf ein Kampf zwischen zwei Alternativen ausgefochten wurde. Dann ging ein Ruck durch ihn hindurch. Er hatte eine Entscheidung getroffen. Ich konnte fast sehen, wie der andere Gedanke, was immer es auch gewesen sein mag, weit in die hintersten Winkel seines Kopfes geschoben wurden.

Ein verschmitzer Gesichtsausdruck machte sich auf seinem Gesicht breit, dieser merkwürdige Moment von eben war verschwunden.

,,Du bist machmal ziemlich nachlässig und viel, viel zu vertrauensvoll.``

Oh-oh, wo hatte ich da was vertorft? Angst und Panik kehrte zurück. Das nächste Fragengewitter durchzuckten mein Gerhirn. Wo war ich nachlässig gewesen? Wie hatte ich micht verraten? Wenn Thimo es wusste, wer wusste es sonst noch? Die zwei schwulen Zeitschriften, die ich mir bei einem Ausflug nach Lübeck mitgrbracht hatte, waren immer gut versteckt und vor allen verschlossen. Da blieb eigentlich nur...

,,Mein Computer?``

,,Nicht ganz! Junge, du warst ja sowas von vorsichtig. Aber eigentlich war genau das dein Fehler!``

Ich verstand gar nichts mehr. Mein verdadderter Blick löste bei Thimo ein spöttisch-überlegenes Grinsen aus: Hab dich Kleiner!

,,Mein lieber Sven...``, wenn Thimo so anfing, dann musste man sich auf eine längere Ansprache einstellen. Mir sollte es recht sein, dann musste ich wenigstens nichts sagen und konnte meine Gedanken sortieren.

,,Du warst sehr vorsichtig, dich nicht zu verraten. Du bist aber an die Sache viel zu paranoid rangegangen. Ich habe noch nie erlebt, daß jemand jedes mal, nach dem er im Internet gesurft hat, sowohl die Surfhistory, als auch die lokalen Hauptspeicher- und Festplattencaches des Browsers löscht. Außer bei dir! Wenn du gesurft hast, ist dein Rechner jungfräulich. Antiseptisch sauber! Also irgendwas musstest du zu verbergen haben.``

Ich ahnte worauf das hinauslief. Wenn die anderem aus unserer Gang bei mir mal im Internet waren, konnte man später immer sehen wohin: Spiele, Sport (meistens Ballsport - Wiederlich!) und hin- und wieder eine Softsexseite, d.h. die eine oder andere weibliche Brust. Ich hatte mir hingegen angewöhnt immer nach mir aufzuräumen. Nicht das jemand zufällig über einen süssen, knackigen Jungen stolpert. Ok, ich hatte natürlich auch ein par Bilder, URLs und Stories gesammelt, aber die lagen alle in einem verschlüsselten Ordner. Thimo fuhr fort:

,,Ich habe dann mal ein bischen auf deinem Rechner weitergeforscht. Ich weiß, daß hätte ich nicht tun dürfen. Das ist ja eigentlich Privatsphere. Naja, irgendwie war ich neugierig geworden und wurde dann auch prompt fündig. Ich fand Megabyte über Megabyte verschlüsselter Dateien. Du hattest was zu verbergen! Hundertpro!``

Man muß wissen, daß Thimo eins nicht mag: Ungelöste Rätsel. Mit meiner offensichtlich zu neurotischen Aufräumerei, hatte ich genau das Gegenteil von dem erreicht, was ich eigentlich erreichen wollte. Ich hatte Thimo eine Nuß gegeben, die er einfach knacken musste. Hatte ich es schon erwähnt: ich bin ein Trottel. Eigentlich hätte es nur gereicht ab- und an, ne nackte Frau als Jpg rumliegen zu lassen und er hätte nichts bemerkt. Zu spät. Nun wäre das Fehlen von Bilder des anderen Geschlechts noch kein Hinweis auf Homosexualität, ich mußte also noch mehr falsch gemacht haben. Thimo war aber auch noch nicht mit seinen Erklärungen zu Ende:

,,Als erstes überlegte ich mir, was das wohl sein könnte, daß du zu verbergen versuchtest. Also illegale Dinge schloß ich aus. Das du was mit Drogen zu tun hatest, glaubte ich eigentlich auch nicht. Dafür surfst du zu gut und bist viel zu fit. Was blieb? Sex! Aber warum solltest du irgendwelche Sexbildchen verstecken, das tut nun wirklich niemand. Zu mindestens niemand, den wir kennen. Bei Maiks Computer sieht man die ersten Titten schon bei booten. Aber bei dir? Keine weibliche Brustwarze weit und breit. Dein PC ist so ziemlich der asexuellste, der mir je begegnet ist. Und das bei einem fast 16 jährigen Jungen, bei dem eigentlich die Hormone kochen sollten.``

Das mit den Hormonen stimmte schon. Aber bei Maik lag Thimo meiner Meinung nach falsch. Ich war mir ziemlich sicher, daß Maik seine Tittenbildchen nur deswegen so demonstrativ zeigte, um seine Schwester zu ägern. Was auch immer prima funktionierte. Maike hat sich dann mal versucht zu rächen. Dazu hatte sie das Bild eines perfekt gebauten, absolut geil aussehenden Jungen heimlich in Maiks Rechner als Boot- und Hintergrundbild installiert. Der Bildschirmschoner bestand zudem aus einer netten kleinen Stripslideshow des gleichen Jungen. Als diese Bombe explodierte, war ich gerade bei Maik. Naja, was soll ich erzählen: Maik wurde krebsrot vor Zorn und war drauf und dran, seine Schwester ermorden zu wollen. Ich hingegen, lief aus ganz anderen Gründen rot an.

Glücklicherweise blieb mein kleines Geheimnis damals noch unendeckt. So wie Thimo mich gerade sezierte, wäre die kleine Szene anders verlaufen, wenn er damals auch dabei gewesen wäre. Ach ja Thimo, einmal in Fahrt, war er kaum zu bremsen:

,,Ich muß gestehen, ich hab' dann den Wald vor lauter Bäumen nicht gesehen. Es passte für mich nichts zusammen. Du hattest irgendwas zu verbergen, daß niemand oder besser ich nicht sehen und wissen sollte. Es musste etwas mit Sexualität zu tun haben, aber nicht mit Frauen. Tja, da hatte ich wohl eine ziemlich lange Leitung, aber zu dem Zeitpunkt, wär ich nie auf die Idee gekommen du könntest schwul sein. Homos waren für mich immer Typen, über die man blöde Witze macht. Tut mir Leid Sven, aber ich hatte mir daüber nie Gedanken gemacht.``

Thimo machte eine Pause. Ich merkte, daß das nächste was er sagen wollte, schmerzhafte Errinnerungen hervorholten.

,,Dann krepierte Paps.``, es sollte abgeklärt klingen. Die Tränen in Thimos Augen sagten aber etwas anderes. Er holte tief Luft, wischte die Tränen aus den Augen und fuhr dann mit gesengtem Blick fort: ,,Ich konnte mich mit der Sache nicht mehr beschäftigen. Ach, Scheiße, es war mir völlig egal. Ich war einfach nur froh, wenn ich mich bei dir ausheulen konnte. Mum war selbst völlig fertig, als daß ich hätte zu ihr gehen können.``

Thimo hob seinen Kopf und schaute mir direkt in die Augen. Er hielt mich mit seinen Augen fest: ,,Aber genau das war die Lösung! Du mußtest schwul sein! Niemand der anderen Jungs hat mich je in der Zeit in den Arm genommen. Ganz im Gegenteil, die zuckten schon zurück, wenn sie sahen das ich schlecht drauf war und haben sich sofort verpisst. Du bist nie zurückgezuckt! Für dich schien es nie unangenehm zu sein, von einem anderen Jungen berührt zu werden. Wie auch immer: Du hast nicht zurückgezuckt, ganz im Gegenteil, es kam Wärme und unendlich viel Zuneigung von dir rüber. Genau das, was ich brauchte.

Aber irgendwie merkte ich, daß du offensichtlich unter deiner Situation litts. Da beschloß ich dir zu helfen!``

Wie hat er mir geholfen? Moment mal, er hat mir geholfen? Ich verstand nicht was er meinte und schaute Thimo fragend an. Statt einer Antwort öffnete er seine Moneybox, holte ein Blatt Papier herraus und schob es mir schweigend zu. Hochglanz Tintenstrahlpapier. Auf dem Papier war ein Farbbild. Das Farbbild zeigte ein Portraitfoto von mir!

Verdaddert und entsetzt starrte ich mein Bild an. Was? Wie? Woher hat er das? Dann fiel es mir wie Schuppen aus den Haaren. Es gab nur einen einzigen Menschen, den ich je ein Bild von mir gegeben hatte: #CKent77.

Erstens kommt es anders, und zweitens als man denkt

,,Aber du bist doch gar nicht schwul!``, die Antwort auf das Bild war sicherlich nicht die intelligenteste aber etwas schlagfertigeres fiel mir nicht ein.

,,Das ist doch egal. Nicht alle 16 jährigen Gayboys im IRC sind 16. Manche sind noch nicht mal männlich. Aber, Sven, daß ist doch gar nicht der Punkt! Du brauchtest eine Schulter an der du dich endlich mal ausquatschen kontest. Und wenn du schon nicht die echte lebende Schulter wolltest, dann mußte es halt eine virtuelle sein.``

,,Wie hast du mich im IRC gefunden? Zufall? Geraten? Ich hab' immer einen anderen Nick verwendet als sonst.``

Das etwas verlegene Grinsen von Thimo sprach Bände. Als er sich dann noch mit der Zunge über seine Zähne leckte, war es mir klar. Der gute Junge hatte mal wieder gehackt.

,,Naja, das war schon ein bischen, äh, heikler. Nee, keine Angst nix Illegales. Also, du hast beim surfen eigentlich immer nen Messanger an -- Unter deinem allgemein bekannten Nick. Fehler, mein Junge! Ganz, ganz großer Fehler! Einen Ping und ich hatte deine IP-Adresse. Schnell ein par Agenten von der Leine gelassen, die alle einschlägigen Channels abgrasten und nach ein par Minuten hatte ich dich im Sack: #SurfBoy! Was für ein einfältiger Nickname. Du Trottel, du!``

Ich hatte zwar nur die Hälfte verstanden von dem was Thimo da erzählte, aber das mit meinem Alter-Ego-Nick stimmte -- leider! Oh, verdammter Shit! Erst jetzt wurde mir so richtig klar, was ich gemacht hatte. #CKent77 gegenüber hatte ich mein ganzes, noch recht kurzes schwules Leben ausgekotzt: Allen Frust und alle Ängste. Aber auch alle meine Wünsche und Träume hatte ich gebeichtet. Halt ein Seelenstriptease in Reinkultur.

Ich dachte, daß ich immer sehr vorsichtig beim Chatten gewesen war und hatte eigentlich nie etwas von mir erzählt. Bis auf CKent77, er schien mich genau zu verstehen, er wußte immer schon vorher, was ich sagen wollte und wie ich etwas meinte. Was für ein Wunder: CKent77 alias Thimo kannte mich seit der Sandkiste, da sollte er einen schon ganz gut kennen.

Wieder mal war es an der Zeit meine Gedanken zu sortieren. Eigentlich hatte Thimo mich beschissen, als er diese #CKent77-Nummer abgezogen hatte. Auf der anderen Seite wär ich wohl nie ohne seien Hilfe mit meinem persönlichen Comming-Out klargekommen. Wie stand den jetzt der Spielstand? Etwas peinlich war, daß ich #CKent77 ziemlich genau erzählt hatte, wie geil ich Thimos Aussehen fand.

,,Und?``, irgendwas mußte ich sagen.

,,äh, tja, sorry Sven. Eigentlich wollte ich dich nicht ausspionieren, aber ...``

,,Aber was?``, oops, war meine Stimme etwas agressiv? Thimo sah mich traurig an, aber auch eine Spur von Angst war in seinen Augen zu sehen. Wieso?

,,Ich merkte, daß dich was bedrückte. Ganz besonders nachdem Paps starb. Mensch, Scheiße, Sven, mach mir das nicht so schwer! Verdammt, ich wollt dir doch nur helfen...Jetzt kuck nich so böse.``

Mist, daß wollte ich eigentlich gar nicht. Eigentlich wollte ich Thimo in den Arm nehmen und knuddeln. Um erlich zu sein, ich ärgerte mich vielmehr über mich selbst. Warum war ich nicht ehrlich zu Thimo gewesen, statt zu seinem Alter-Ego? Warum hatte ich nicht das Versprechen eingelöst? Aber da war noch mehr. Unterschwellig lag noch etwas anderes Luft, etwas das ich nicht greifen konnte. Thimo strömte eine Form von Verletzlichkeit aus, die ich bisher noch nie bei ihm erlebt hatte. Ich kam mir schuldig vor, so agressiv reagiert zu haben.

,,Thimo, bitte, ich bin nicht böse auf dich. Ich bin nur sauer auf mich!`` und dann erzählte ich Thimo von dem Versprechen, dass ich seinem Vater gegeben hatte. Und das ich es gebrochen hatte.

,,Puh, mein alter Herr war schon ziemlich cool. Aber warum denkst du, dass du das Versprechen gerbrochen hast? Du hast es mir doch erzählt. Naja, nicht direkt und du wustest auch nicht, dass du es mir erzählt hast. Aber erinnere dich, was ich dir im Chat geschrieben habe: Erzähl deinem besten Freund, dass du schul bist, er wird es verstehen!``

,,Witzbold! Du, Thimo, jetzt nicht #CKent77, hast mir aber immer noch nicht gesagt, was du davon wirklich hälst...``

Statt einer Antwort nahm mich Thimo in den Arm: ,,Ich bin dein Freund! Reicht das als Antwort?``

Das war er wieder, dieser traurige Blick: ,,Ich muß dir noch etwas anderes sagen...`` Aha, jetzt kam er endlich raus damit. Mir wurde plötzlich wieder unbehaglich.

,,Mum und ich verlassen die Insel. Wir ziehen in Mums Heimatstadt.``

,,Nein! Sag, daß das nicht wahr ist. Wann denn? Warum? Ich brauch dich jetzt! Mit wem soll ich denn sonst alles bequatschen?``

Das war wirklich ein ziemlicher Dämpfer. Wenn man weiß aus welcher Stadt Thimos Mutter kam, wird einen erst die Tragik der Situation klar: Portland, Maine, USA.

,,Ich möchte hier eigentlich auch nicht weg. Daß heißt, ich weiß es eigentlich nicht genau. Teilweise will ich schon. Aus den gleichen Gründen wie Mum. Irgendwie erinnert hier so viel an Paps. Mum kommt damit wirklich schlecht klar. Noch schlechter als ich. Naja, gestern kam sie mit dem Vorschlag einen Neuanfang zu wagen.``

Mir wurde übel, etwas griff nach meinem Herz: Thimo zog weg: ,,Wann?``

,,In einem Monat. Wir sind noch die ganzen Ferien da. Aber dann...``

,,Sag, mal sind wir für diese ganze Scheiße nicht viel zu jung?``

,,Kann schon sein...``

Tja, und so saßen wir Schulter an Schulter am Strand und schauten zu, wie die Sonne vor unseren Augen in die Ostsee plumpste.

Fragen über Frage -- Und Antworten, die man eigentlich nicht will

Wir saßen noch eine ganze Weile am Strand. Wir sprachen nicht miteinander. Jeder hing seinen eigenen Gedanken nach. Erst viel später auf dem Heimweg fanden wir unsere Sprache wieder.

,,Sag mal, sollen wir dir nicht in der nächsten Wochen einen netten Jungen einfangen. Du weißt doch Jagdsession!``

,,Thimo, mach keinen Scheiß. Und halt dich bitte zurück! Über mein nächstes Coming-Out will ich selbst entscheiden!``

,,Wie? Soll ich etwa Svens-Coming-Out-Seite wieder vom Netz nehmen? Die hat mir echt Arbeit gemacht.``

,,Thieh-moh!``

,,Ok! Ok! War nur eine Scherz. Ganz locker bleiber... Aber wie sieht es denn nun wirklich mit deinem Sexualleben aus?``

,,Traurig. Es findet nicht statt. Aber das weißt du doch #CKent77! Was bedeutet das eigentlich?``

,,Noch nie was von Clark Kent gehöhrt?``

,,Thimo der Supermann - Naja, Einbildung ist auch ne Bildung``, das war eine Lüge. Thimo hatte nun wirklich den Körper eines Supermanns. Lechz!

,,Ok, aber mal im ernst. Isses wirklich so schlimm? Dir müssten die Jungs doch zu Füßen liegen, so wie du aussiehst.``

Ja, Thimo, bitte, bitte, erzähl mir mehr. Das geht ja runter wie öl. War aber leider nur von theoretischer Bedeutung: ,,Wenn ich Sie den finden würde. Wie sieht man das denn einen Jungen an, daß er schwul ist? Ich habe kein Gaydar! Und die, denen man es ansieht -- naja, ich weiß nicht. Manche sehen ja auch ganz nett aus, aber wenn ich mit denen was anfangen würde, dann weiß es Morgen die ganze Insel. Du weißt doch, was das hier für ein Dorf ist.``

,,Zugegeben. Aber was suchst du denn eigentlich?``, die Frage sollte ganz unverfänglich klingen.

,,Sowas wie uns. So wie du, oder wie ich -- ok nicht wie ich, daß würde ich wohl nicht ertragen. Halt nen ganz normalen schwulen Jungen. Keine Modetucke, keinen dieser Gayclones und -- das Auge ist mit -- es sollte auch kein Zombie sein. Sportlich wäre auch ganz gut...``

Mir war so als wenn ich ein kurzes aufblitzen in Thimos Augen gesehen hätte: ``Ich glaube, ich habe sowas mal in einem Ü-Ei gefunden. Aber sonst bist du ja recht bescheiden mit deinen Wünschen.``

So ging das noch eine ganze Weile. Wir entschieden, daß wir erstmal zu mir gingen. Meine Mutter wußte, daß man im Sommer selten mit uns vor Einbruch der Nacht rechnen konnte. Aber meisten stand, dann doch noch etwas zu Essen zum aufwärmen bereit. Wofür gibt es denn sonst Microwellen.


,,Hi Mum!``, meine Mutter saß mit meinem Vater in der Küche. Eigentlich hätte ich beide vor der Glotze erwartet, dieser Ort war zu dieser vorgerückten Stunde ungewöhnlich.

,,Na ihr zwei! Und Thimo, freust du dich auf euren Umzug?``

Hm, Neuigkeiten verbeiten sich schnell: ,,Erfahre ich hier mal wieder alles als letzter? Ich habe es eben erst von Thimo erzählt bekommen. Woher wisst ihr das denn schon wieder?``

,,Eben erst von Ellen. So ungefähr vor einer halben Stunde. Sie war vorhin hier und hat es uns erzählt. Naja, dann dürfte der kleine Schock, den wir für dich noch haben etwas kleiner Ausfallen.``

Wer ich? Was kommt den heute noch alles?

,,Tja Svenni, wir ziehen auch um, beziehungsweise weg!``

Ich brauchte erstmal einen Stuhl. Thimo schaute änlich verblüft aus der Wäsche wie ich: ,,Ihr zieht auch weg?``

An Thimo gerichtet: ,,Frag mich nicht?`` An meine Mum gerichtet: ,,Wir ziehen auch weg?``

Jetzt schaltete sich mein Vater ein: ,,Tja, also ich ertrag es einfach nicht, daß du besser surfst als ich. Um das Thema ein für alle mal zu beenden, ziehen wir aufs trockene Land!``

Das meinte er nicht erst, oder doch?

,,Nein, vergiss es, daß war nicht erst.``, kann mein Vater Gedankenlesen, ,,Ich bekomme einen neuen Job. Ich werde die Leitung einer Biotechfirma übernehmen und sie an die Börse bringen. Das geht aber nicht aus der Ferne. Svenni, es tut mir echt leid, aber wir müssen umziehen. Ich weiß, du hast hier deine Freunde und es ist nicht gerade fair, dich da raus zu reißen. Ich, nein wir, deine Mutter und ich, werden das irgendwie wieder gut machen. Versprochen!``

Ich schaute Thimo an, Thimo schaute mich an. Mir viel die Gabel aus der Hand. Tja, damit war wohl ein Lebensabschnitt gerade zu einem Ende gekommen. Ein Neuanfang stand uns bevor.


Ich hätte eigentlich traurig sein sollen, aber dem war nicht so. Ok, ich begann jetzt schon meine Freunde zu vermissen. Aber derjenige, wegen dem es mir wirklich schwerfallen würde, wegzuziehen, zog selbst weg. So stellte sich die Frage, was würde ich wirklich verlieren und was könnte ich umgekehrt gewinnen?

Thimo meldete sich zu Wort: ,,Unser kleiner Svenni hier, scheint ja die Sprache verloren zu haben. Also stell ich mal die Frage: Wohin geht ihr denn?``

,,Habe ich das noch nicht gesagt? Berlin! Wir ziehen nach Berlin``

Oh nein, nicht in diesen Moloch von Stadt. Bitte nicht dorthin!

,,Warum den ausgerechnet da hin?``, die Berliner Touries auf Fehmarn waren zahlenmäßig immer stark vertreten. Naja, ich hatte das nicht wissenschaftlich genau gemessen; sie fielen mir aber immer am unangenehmsten auf. Und ausgerechnet da mußten wir jetzt hinziehen. Da hatte doch jeder Schrebergarten mehr Einwohner als unsere ganze Insel. Und surfen? Wo kann ich da Surfen? Auf dem Wannsee?

,,Svenni, du siehst ja nicht sehr begeistert aus?``, wo lernen Mütter eigentlich diesen speziellen besorgten Blick. Ob es dafür wohl Kurse gibt?

,,Ich weiß nich'! Das is doch 'ne riesen Stadt. Ich kenn da niemanden. Lübeck und Kiel sind mir ja fast schon zu groß und in Hamburg verlauf ich mich. Ach, ich will nicht alle meine Freunde auf einmal verlieren. Es reicht mir schon, daß Thimo wegzieht.``

,,Wir sehen ja ein, daß das nicht leicht für dich wird!``, Papa mal wieder. Die Vernunft in Person, ,,Das Problem ist: Ich muß umziehen. Nicht für eine Woche, einen Monat oder ein Jahr, sondern wahrscheinlich für die nächsten 10 Jahre. Die Gelegenheit, die sich da bietet, kommt wahrscheinlich nur einmal in Leben. Finanziell wird sich das für uns auf jeden Fall lohnen. Einmal vorrausgesetzt daß alles klappt, werden wir recht sorgenfrei in die Zukunft sehen können.``

Mir war damals nicht klar, was er damit meinte. Obwohl, verstanden hatte ich das schon, aber begriffen hatte ich es nicht. Wir waren nie arm, aber wohl auch nicht reich. Ich hatte also keine Vorstellung davon, was es heißt, um seinen Arbeitsplatz Angst haben zu müssen. Also, eigentlich intressierte mich das auch gar nicht. Unter einem sorgenfreien Leben stellte ich mir etwas ganz anderes vor und das war männlich und sah gut aus.

Mum versuchte sich mal wieder als Moderator: ,,Was dein Vater sagen will ist: Es tut ihm leid, daß wir umziehen müssen. Aber es muß sein und es wird uns hoffentlich alle weiterbringen. Wir werden es irgendwie auch bei dir wieder gutmachen, daß wir dich hier rausreißen. Das versprech ich dir. Großes Indianerehrenwort. Es wird für uns alle ein riesige Umstellung werden, nicht nur für dich. Und noch was: Wir geben dieses Haus nicht auf. Wir werden es als Gästehaus bewirtschaften lassen. Aber es wird immer ein Zimmer, nein, dein Zimmer, bereitstehen, wenn du zum surfen oder um deine Freunde zu besuchen herkommen willst.``

Naja, das war schon mal ein Wort. Das mit dem ,,wieder Gutmachen`` wollte ich mir aber trotzdem merken und bei passender Gelegenheit darauf zurückkommen. Eigentlich war das mit dem Umzug gar nicht sooo schlimm. Ich hatte hauptsächlich Angst davor, daß ich nicht wußte, was mich erwarten würde. Ich maulte daher noch ein bischen rum. Bevor ich ins Bett ging verabschiedete ich mich noch von Thimo, der nach Hause wollte.

,,Ach Svenni, ich wollte noch...``, Thimo brach den Satz ab, wieder war dieser traurige Blick in seinen Augen.

,,Was?``, ich war wirklich müde und das hörte man meiner Stimme wohl auch an.

,,Ach, nicht so wichtig... Das hat noch Zeit. Bis Morgen dann.``

,,Bis Morgen.``

Ich war tot müde und konnte nicht schlafen. Die erste Hälfte der Nacht verbrachte ich mit grübeln. Umzüge, Thimo, ich, Berlin... Das konnte ja heiter werden.

Landeier in der Großstadt

Uns Inselbewohnern sagt man eine gewisse Trägheit und Behäbigkeit nach. Wenn wir etwas bräsig wirken, dann liegt das warscheinlich an der plattdeuschen Sprache. Aber der Eindruck täuscht. Es muß nur alles immer wohl durchdacht und überlegt werden. Das braucht seine Zeit. Wir machen uns sogar einen Plan, bevor wird aufs Klo gehen. Dafür passiert es uns dann aber auch nie, daß wir ohne Klopapier dasitzen.

Die Nacht über hatte ich alles nochmals wiedergekäut: Thimo, seinen Umzug, mein schwul sein, meinen Umzug, meine Freunde, mein Coming-Out und und und. Es schien alles miteinander in einem Knäul verheddert zu sein und ich steckte mittendrin.

Eigentlich, wenn ich ehrlich zu mir war, gab es nur eine Lösung: Augen zu und durch.

Nach dieser grundlegenden Entscheidung wurde meine Laune prompt besser. Ok, wir ziehen nach Berlin, kann ja auch ganz spannend werden. Vor allen Dingen soll man es ja als Schwuler dort, viel, viel leichter haben.

Das Frühstück verwendete ich deswegen hauptsächlich darauf, weitere Informationen über unseren geplanten Umzug aus meinen Elter heraus zu bekommen. Die Daten entpuppten sich als ganz intressant. Der Umzug war für in vier Wochen geplant, einen Tag nachdem Thimo wegzog. Wir würden in den Südwesten von Berlin in einen Stadtteil namens Zehlendorf ziehen. Eine Schule in der Nähe war auch schon für mich ausgesucht worden, die sogar ganz ordentlich sein sollte. Der neue Laden meines Vaters befand sich hingegen außerhalb von Berlin in Teltow, einer Stadt südlich im Speckgürtel. Nach dem Umzug, würde ich noch zwei Wochen Zeit zum einleben haben, da die Schulferien in Berlin dieses Jahr zwei Wochen später als in Schläfrig Holstein lagen. Diese Information, war mir allerdings vorher schon bekannt. Neu war hingegen, dass bereits fürs Wochenende eine Fahrt geplant war, damit wir uns das Haus und Berlin ansehen konnten. ,,Das Haus`` bedeutete mit anderen Worten ausgedrückt, dass meine Eltern bereits ein Haus gekauft hatten.

Das klang doch alles gar nicht mal so schlecht. Thimo, den ich am späten Vormittag an unserem Stammstrand traf, war gleicher Meinung.

,,Sag mal, meinst du, daß ich da am Wochenende mitkommen könnte? Ich stehe meiner Mutter bei unseren Umzugsvorbereitung eh nur im Weg und würde gerne Berlin und dein neuens Zuhause sehen, bevor ich Deutschland auf wiedersehen sage.``

,,Warum eigentlich nicht? Wir können ja mal fragen.``

Die Antwort meiner Eltern fiel erwartungsgemäß positiv aus. Sie hegten wohl insgeheim die Hoffnung, daß Thimos Einfluß mich gnädiger stimmen könnte.


Um den ganzen Samstag Zeit zu haben, fuhren wir breits am späten Freitag Nachmittag. Nach viereinhalb Stunden Fahrt ereichten wir Berlin. Erstaunlicherweise fand mein Vater unser Hotel, obwohl sein Orientierungssinn eher schwach ausgeprägt war. Möglich, dass das neue Navigationssystem in seinem Wagen nicht gängzlich unnütz war.

Statt in unserem neuen Haus zu übernachten, war eine Übernachtung im Hotel nötig, schließlich besaß das Haus noch keine Möbel geschweige denn ein bzw. mehrere Betten. Am späteren Abend nahmen wir daher im Hotel ein leichtes Abenbrot ein und beließen die Besichtigung beim nächsten Tag. Lange Autofahrten machten mich immer recht müde, daher blieb ich nicht mehr lange auf und verabschiedete mich recht bald. Thimo und ich teilten uns ein Zimmer, meine Eltern hatten ein eigenes.

,,Ok, ich gehe dann mal. Thimo kommst du auch?``

,,Geh schon mal vor. Ich komm in einer halben Stunde nach. Ich muß noch kurz etwas mit deinen Eltern besprechen.``

Thimo hatte etwas mit meinen Eltern zu besprechen? Das war merkwürdig. Aber ich war zu müde, um mich damit auseinanderzusetzen. Ich war sogar so müde, daß es mir zwar auffiel, aber nicht weiter in mein Bewustsein vordrang.


Am nächsten Morgen fand ersteinmal eine kurze Lagebesprechung statt. Wir saßen alle am Frühstücksbüffee und machten uns über die reichhaltige Auswahl an Leckereien her. Währenddessen wurde der Tagesplan diskutiert. Mein Vater erzählte, daß er die Schlüssel für das Haus erst am späten Nachmittag erhalten würde. Wir hätten also noch genug Zeit uns das Stadtzentrum anzusehen. Einen Stadtplan und eine U/S/Bus-Tageskarte würde es an der Hotelrezeption geben. Wir sollten nur gegen 16:00 Uhr wieder im Hotel sein. Auf meine Frage, was wir den machen sollten, für den Fall, dass wir uns verlaufen täten (Ich war mir meines Orientierungssinns in dieser Stadt nicht wirklich sicher. Wobei, was hieß in dieser Stadt? Ich verlief mich in jeder Stadt), begann meine Mutter zu grinsen und legte eine kleine in Geschenkpapier verpackte Schachtel auf den Tisch.

,,Hier, ein kleines Geschenk dafür, daß du das Schuljahr doch noch geschafft hast. Und als kleine Wiedergutmachung für den Umzug.``, Ich liebte die Bestechungsversuche meiner Eltern.

Aber mit einem Geschenk hatte ich nicht gerechnet. Im Mittel absolvierte ich dieses Schuljahr gerade mal einer Vier. Deswegen war ich um so erstaunter, als ich die Schachtel öffnete. In ihr fand ich ein Handy mit Prepaid-Karte. Wow! Als Wiedergutmachung für den Umzug gar nicht mal so schlecht.

,,Wir dachten uns, daß das Ding in Berlin ganz hilfreich sein könnte.``

,,Danke! Wow! Damit hätte ich jetzt nicht gerechnet.``, und eigentlich auch nicht verdient.

Zwei Erziehungsberechtigte sahen sich glücklich und strahlend an. Was wollte ich mehr.

,,So und nun schwirrt ab!``

Ich und mein dummes Gesicht

Wir schwirrten ab. Als erstes versuchten wir herauszubekommen, wo wir uns eigentlich in Berlin befanden. Was soviel hieß, wie das Hotels auf einem unhandlichen Falkplan wiederzufinden. Offensichtlich hatten meine Eltern ein Hotel im westlichen Zentrum Berlins ausgesucht, unweit von Kuhdamm, Zoo und Gedächniskirche. Also direkt dort, wo wohl fast jeder Touri anfängt; also gnau solche Leute wir wir. Da es sowohl Thimos, als auch mein erster Besuch in diesem Moloch war, entschieden wir uns vorerst den Empfehlungen eines kleines Stadtführers (gab es im Hotel) zu folgen und den üblichen Trampelpfaden des typischen Berlintouristens abzulaufen: KaDeWe, Europacenter, Gedächniskirche und Kudamm.

So gegen Mittag saßen wir bei McDoof und schoben uns einen BigMac rein, als Thimo mit einemmal begann mich ziemlich blöd anzugrinsen. Er schien sich über irgendwas sehr zu amüsieren. Eigentlich war er eher dabei, sich über mich zu amüsieren. Ich war mir aber keiner Dummheiten oder Peinlichkeit bewußt. Soweit ich sehen konnte, steckten mir weder Pommes in der Nase, noch hatte ich mich ausnahmsweise mal nicht mit Soße bekleckert.

,,Was ist?``

,,äh, nichts. Was soll sein.``, sprachs und grinste blöd.

,,Thimo, du grinst wie ein Honigkuchenpferd, was ist los. Hängt mir Ketchup von der Nase?``

,,Nee, nichts, hmmpfff, alles in Ordnung.``, das Grinsen verbreiterte sich zu einem Lachen. Ich kam mir hingegen immer blöder vor.

,,Lügner! Du platzt doch gleich.``

,,Na gut, aber ich warne dich, daß wird für dich sehr schwer werden. Bist du sicher, daß du es wirklich wissen willst?``

,,Raus mit der Sprache, was ist an mir so komisch?``

,,Noch nichts. Aber das Gesicht, daß du gleich machen wirst. Ich habe dich gewarnt!``

,,Das ich gleich machen werde?``

,,Hihi, Genau!``, jetzt begann er sich auch noch vor Lachen zu krümmen und mit den Fäusten auf den Tisch zu klopfen.

,,Schieß los!``

,,Moment noch!``, damit schnappte er sich seine Digicam und richtete sie direkt auf mich aus, ,,Dann dreh dich doch bitte mal um und schau auf die Straße!``

Was konnte denn auf der Straße so merkwürdiges sein, daß ich ein dummes Geischt machen wurde? Es würden vermutlich ja wohl kaum, nackte tanzende Männer darauf herumhüpfen.

Ich setzte mein bestes Pokerfache auf, um Thimo zu zeigen, dass mich nichts erschüttern könnte, und drehte mich demonstrativ gelangweilt ganz, ganz langsam um. Der sollte was erleben! Schließlich gibt es nichts, was mich beeindrucken könnte.

Ich hatte mich getäuscht, es gab etwas: Tanzende (halb-)nackte Männer!

In meinem Kopf machte es Klick, ich ließ meinen BigMac aufs Tablett platschen, der Auslöser der Digicam macht Piep und Thimo brach in einen Lackkrampf aus.

,,W-W-W-W...``, mein Gehirn hatte offensichtlich mein Sprachzentrum abgeschaltet.

,,Was...``, Thimo versuchte mir beim artikulieren ganzer Wörter zu helfen.

,,Was iss...isst..ist...``, Thimo hatte recht gehabt. Ich muß das dümmste Gesicht aller Zeiten gemacht haben, ,,Was ist das?``

,,Ahhh, haben wir unsere Sprache wiedergefunden?``, Thimo genoß die Situation. Offensichtlich wusste er ganz genau was da auf dem Kudamm vor sich ging, ,,Ich wusste, es würde dir gefallen.``

Nach mehreren Minuten ungläubigen Starrens meldete sich langsam mein Verstand zurück. Als erstes, d.h. nach dem ich die motorische Kontrolle über meinen Körper zurückerlangt hatte, verließ ich das amerikanische Schnellrestaurant und trat auf die Straße hinaus. Langsam, ganz langsam, wagte ich es, mich umzublicken.

Was ich sah, sprengte mein Vorstellungsvermögen: Der ganze Kudamm und damit meine ich nicht den Fußweg sondern die Fahrbahn, war übersäht mit tanzenden Menschen: halbnackten, gutaussehende Jungs und Männern tanzten zu House- und Technomusik, die von Verstärkerwagen verströmt wurde. Ich kannte solche Bilder nur aus dem Fernsehen von der Love-Parade, aber die war soweit ich wusste erst in zwei Wochen und zudem nicht auf dem Kudam. Aber ich sah noch mehr: Sich küssende Jungs, Männer und Frauen in den schrillsten Verkleidungen, in Leder und Gummi (werkwürdig, sehr sehr merkwürdig), Frauen die andere Frauen küsten (wie kann man nur Frauen küssen?), noch mehr Musik, Transparente, Regenbogenfahnen, junge Leute, alte Leute, aber vor allen Dingen fröhliche, feiernde Leute. Schwule und lesbische Menschen, wohin das Auge sah. Und alle am feiern.

,,Willkommen auf dem CSD, Svenni!``, Thimo war neben mich getreten.

Merk mal was! (Dummes Gesicht Teil II)

,,Du wusstest es! Du alter Arsch wusstest es und hast nix gesagt.``

,,Schuldig im Sinne der Anglage. Um nichts in der Welt, wollte ich dein dummes Gesicht verpassen.``

So zeigte sich mal wieder, daß ich viel zu kopflastig strukturiert war. Natürlich wusste ich alles über den CSD, alles was man über das Internet darüber erfahren konnte. Aber leibhaftig hatte ich sowas noch nicht gesehen. Theorie 1, Praxis 5, so müsste meine Benotung wohl ausfallen.

Es war überwältigend. Ich gebe zu, ich hatte weiche Knie und Tränen in den Augen. Tränen der Freude. Als wenn eine magische Energieform aus den feiernden Menschen ausströmte und in mich einsickerte. Diese Erfahrung war berauschend. Meine Gefühle machten mich regelrecht High.

Mehr und mehr Wagen kamen an uns vorbei, jeder unter einem anderem Thema. Schwulenverände präsentierten sich, ein Lesbenclub, diverse schwule Clubs von zart bis hart, eine Pornofilmfirma (na, wer es braucht), noch mehr Clubs und Discos, eine Selbsthilfegruppe schwuler Väter (ziemlich spät für ein Coming-Out, Jungs!), eine Schwulengruppe des DGB, der Sozis, der Christdemokraten und FDPler, der Verband der schwulen Unternehmer im Anzug und Krawatte (grusel), schwul-lesbische Sportvereine und eine schwule Jugendgruppe, deren Adresse und Telefonnummer ich mir natürlich sofort notierte. Zwischen all diesen Wagen tummelte sich das Fußvolk: ganz normale Jungs wie Thimo und ich, viele in unserem Alter, viele auch etwas älter, aber auch Transen, Drag-Queens, dicke, dünne, grüne und blaue (ja wirklich, zwei Jungs hatten sich blau und grün angemalt), angezogene, halb- und ganznackte Schwule, Leseben und sogar ein paar Heteros, welche daran erkennbar waren, dass sie zumeist als Päarchen krampfhaft händchenhaltend mitliefen. Es gab nichts, was es nicht gab. Wahnsinn. Konkret. Konkret krassester Wahnsinn.

Ok, mit manchen Dingen konnte ich nichts anfangen, z.B. zog eine Lederlesbe ihre Sklavin am Halsband quer hinter sich her. Auf der anderen Seite sagte ich mir: wenn's denn Spaß macht? Ich muß es nicht mögen, Hauptsache die beiden mögen es. Denn genau das war ein Punkt, der haften blieb und der mich am meisten beeindruckte: Alles wurden hier akzeptiert. Man war einfach schwul oder lesbisch und verdammt stolz darauf. Ich fühlte mich -- ja wie eigentlich -- zu Hause. Hier konnte ich das sein, was ich war. Kein Verstecken, kein zurückhaltenes überlegen, ob es wohl auffiel, wenn ich einen anderen Jungen mit den Augen auszog und anschmachtete.

,,Ich will dich nicht aus deinen Träumen reißen, aber wir müssen los.``, Thimo tippte mit dem Finger auf seine Uhr. Vor lauter Staunen hatte ich völlig das Zeitgefühl verloren.

Ganz geistesabwesend brachte ich nur ein mattes ,,Schon?`` über die Lippen.

,,Ja, leider. Komm jetzt oder wir kommen zu spät ins Hotel.``

,,Schade -- Du, ich möchte da am liebsten mitwandern.``

,,Ich weiß.``, seufzte Thimo und sah dabei merkwürdig traurig aus.


Schweren Herzens riß ich mich los. Allerdings war das gar nicht so einfach. Bisher hatte ich nur Augen dafür, was auf der Straße passierte. Neben der Straße sah es aber nicht viel besser aus. Der ganze Strarßenrand war gesäumt mit Schaulustigen jeder Colour: Schwule und Lesben die lieber der Demo zusahen, anstatt mitzumarschieren, ein japanisches Ehepaar, dass das alles nicht glauben wollten und daher ihre Fotokamera heißlaufen ließen, normales Touristenvolk die einfach nur neugierig waren (O-Ton: ,,Seht, daß ist Berlin!``), Funk- und Fernsehreporter die offensichtlich intensiv berichteten (später erführ ich, daß der ganze CSD live im 3. Berliner Fernsehprogramm übertragen wurde.), ein Horde Omis die mit vergnügter Stimmung dem Treiben wohlwollend zusahen (O-Ton :,,Ach, diese jungen Leute feiern aber schön. Schade, daß das zu unserer Zeit noch nicht ging.``).

Es gab aber auch unschöne Bilder, die mich stimmungsmäsig wieder etwas runter zogen. Eine Kleinfamilie (Vater, Mutter und Kind) standen an einer Straßenkreuzung und wollten den Kuhdamm überqueren, schienen aber panische Angst zu haben.

Sie: ,,Herbert, hier kommen wir nicht rüber!``

Er: ,,Wir warten auf eine Lücke und dann schnell rüber!``

Sie: ,,Nein. Das kann ich nicht, die sind alle wiederlich!``

Kind: ,,Du Mami, warum küssen sich die zwei Männer da?``

Sie: ,,Weil sie krank sind! Schau da gar nicht hin -- Sie haben Gott gefrevelt und werden dafür schwer bestraft werden!``

Angwidert und erstaunt von der unvermuteten Existenz eines der sterotypischten Klischees, wandte ich mich ab. Denen war eindeutig nicht mehr zu helfen.

Im großen und ganzen blieb aber mein gute Stimmung erhalten. Eigentlich fühlte ich mir großartig. Ich hätte Bäume ausreißen können. Möglicherweise fällt meine Beschreibung auch etwas zu klischeehaft aus, aber man muß mir zu gute halten, daß ich wohl nicht ganz zurechnungsfähig war. Ich sah alles nur durch eine wunderschöne rosa Brille. Thimo schien das zu spüren: ,,Mensch, du glühst ja regelrecht vor Glück. Du schwebst ja geradezu...``

,,Stimmt! Und noch was: ich habe einen Entschluß gefaßt. Schnell, laß uns los!``

Thimo nickte, grinste, sagte aber nichts.

Es war der perfekte Tag, heute mußte es einfach sein.

My home is my castle

Im Hotel angekommen wurde wir schon von meinen Eltern erwartet. Mein Vater hatte inzwischen die Schlüssel für das Haus aufgetrieben, so daß wir sofort Richtung Haus starten konnten. Die Fahrt dauerte etwas über eine dreiviertel Stunde, hauptsächlich deswegen, weil wir wegen des CSDs nirgends richtig durchkamen. Die meisten Straßen in der näheren Umgebung waren gesprerrt. Das Navigationssystem im Auto schien vom CSD nichts zu wissen und versuchte uns natürlich immer wieder mitten in die gesperrten Straßen zu leiten. Nach mehreren Versuchen und einem nicht unerheblichen Umweg, waren wir dann aber doch auf dem richtigen Pfad.

Wir ließen den Innenstadtbreich hinter uns und fuhren in Richtung Südwesten Hohenzollerndamm, Clayalle, Mexikoplatz und dann dort irgendwo in die Büsche. Anders konnte ich mir das damals nicht merken. Wie gesagt, mein Orientierungssinn war nicht der Beste. Jedenfalls bogen wir irgendwo da in der Nähe in eine kleine Strase mit Kopfsteinpflaster ein. Die Grundstücke schienen alle recht groß zu sein (für Berliner Verhältnisse), aber nicht riesig. Stadtvillen, ein paar Neubauten aus den 70iger und 90igern, ein paar hässliche Hütten aus den 30igern, alles war vertreten. Überwiegend waren die Häuser schon etwas älter und das eine oder andere auch etwas sanierungsbedürftig. Das gleiche galt für die Vorgärten. In vielen Fällen, insbesondere bei den Stadtvillen, waren die Häuser weit auf dem Grundstück nach hinten gesetzt, während der vordere Bereich von sehr hohen und wohl auch alten Bäumen bewachsen war. Alles wirkte schon etwas angestaubt aber trotzdem gemütlich.

Mein Vater brachte den Wagen vor einer ehemals weißen Mauer zum Stehen und wir stiegen aus. Am linken Ende jener Mauer befand sich eine verschlossene Einfahrt für Autos und ein Tor für Fußgänger. Während Paps das Tor aufschloß, erläuterte er unser neues Zuhause.

,,Unser Haus wurde Ende der sechsizger von einem Architekten als Designstudie gebaut. Letztes Jahr wurde es grundsaniert und auf den neusten Stand der Haustechnik gebracht.``

Wir traten durch das Tor, aber von einem Haus konnte ich nichts erkennen. Ein Kiesweg zog sich ein Stück Weg von der Autoeinfahrt zu einem Carport hin. Von unserem Fußgängertor verlief ein Steinweg verschlungene Pfade zwischen üppigen Hecken, Sträuchern, Wällen und Bäumen entlang. Dies war kein normaler Garten, eher die Idealvorstellung eines romantischen Waldes. Es war Anfang Sommer und Sommerzeit, so daß gegen 18:30 die Sonne noch recht hoch stand und das Grundstück in ein mildes Licht tauchte. Durch die Blätter der hohen Bäume lag ein Teil im Schatten, ein Teil im Sonnenlicht und ein anderer Teil war gesprenkelt mit Lichtstrahlen. Alles wirkte etwas verwunschen, märchenhaft und irrlichternd. Keiner konnte sich der bezaubernden und berauschenden Wirkung dieses Gartens entziehen.

Nach einer letzten Biegung sahen wir endlich unser neues Haus. Wie nicht anders zu erwarten, war dieses Haus auch anders als alle anderen Häuser die ich bisher kannte. Es schien aus mehreren Ebenen zu bestehen, die ineinander übergingen. Typisch für die späten sichziger war, das es keinerlei runden Ecken besaß. Dafür hatte es massenweise qubische Erker, Ein- und Ausbuchtungen. Es war wirklich etwas eigen oder wie mein Vater sagte eine Designstudie.

Wir hatten uns von der Nordseite genähert, an der sich auch die Eigangstür befand. Diese Seite hatte fast keine Fenster, nur zwei schmale Schlitzfenster mit Riffelglas, die vermutlich ein Klo erhellten. Paps entschärfte eine Alarmanlage, schloß das Haus auf, wir traten ein und standen sofort im Wohnzimmer, einen Flur gab es nicht. Aber ein Wohnzimmer im eigentlichen Sinn auch nicht. Der Eingangsbereich bildete eine kleine Ebene, die den Blick auf den gesammten Raum ermöglichten. Zur linken ging eine kleine, breite Steintreppe fünf Stufen zu einer anderen Ebene hinauf. Dort schien die Küche mit einem Tresen und Eßtisch zu sein. Außerdem bildete diese Ebene quasi eine Gallerie die sich noch ganz an der linken Wand langzog. Von der Gallerie gingen zwei Türen zu anderen Räumen ab.

Rechterhand gab es eine Durchgang zu anderen Rümen. Aber am beeindruckensten war der Raum vor mir. Ein par Meter vom Eigang führten fünf Stufen in den eigentlichen Wohnbereich hinnab. Die Südseite war vollständig zu einer riesigen Terrasse hin verglast, an der rechten Seitenwand befand sich ein offener Kamin, die Sitzgruppe, eine ledergepolsterte Bank, davor war nochmals eine Ebene tiefer gelegt (zwei Stufen) und zog sich im Halbrund um den Kamin. Auf der linken Seite befand sich das normale Wohnzimmer.

Das ganze Haus wirkte gigantisch, allerdings fehlten noch sämtliche Möbel. Man kennt das ja, ist ein Raum erst einmal vollgemüllt, wirkt er gleich viel kleiner. Mein Urteil stand jedenfalls sofort fest: ein Traumhaus.

,,Paps, daß Haus ist cool. Ich nehms! Wo wohnt ihr?``

,,Nicht so schnell mein Sohn, du wohnst hier nämlich gar nicht.``

Wieso betonte er das du so merkwürdig und warum sollte ich hier nicht wohnen.

,,Komm mal mit!``

Zwei Fragezeichen leuchteten in meinen Augen auf, aber ich folgte. Wir gingen durch den Durchgang rechts vom Eingang und befanden uns in einem Flur. Drei Türen, zwei Stufen hoch, eine 90 Grad Biegung nach links, zwei Türen, eine 90 Grad Biegung rechts, drei Stufen abwärts und dann eine Außentür. Paps schloß sie auf. Rechter Hand (daß müsste Norden) sein befand sich ein weiße Mauer, links war der Garten, und vor uns lag ein ungefähr 5 Meter Steinweg der mit einem Glasdach abgedeckt war. Am Ende befand sich ein Bungalow (Flachdach) und eine Tür. Paps schloß sie auf. Hinter der Tür kam ein kleiner Flur ins Sichtfeld.

Auf der rechten Seite gab es zwei Türen und in der Mitte einen Abzweig, zu einem weiteren Eingang, wahrscheinlich zum Pfad der an die Straße führte. Hinter einer der Türen war ein tolles grosses Badezimmer, hinter der anderen Tür ein leerer kleiner Raum. Die linke Seite hatte nur eine Tür.

,,Willkommen in deinem neuem Zuhause!``, Paps strahlte mich an.

Wir hatten gerade die Tür durchschritten und standen in einem riesigen Wohnzimmer. Die Süd- und ein Teil der Ostseite bestanden aus Glasschiebetüren die von der Decke bis zum Fußboden gingen (wie auch schon im Haupthaus). An der linken Seite der Rückwand befand sich eine Miniküche, ebenfalls mit Tresen. Ansonsten war der Raum auch unmöbliert.

,,Das hier, war als Gästebungalow geplant. Mum und ich dachten uns, du wärst alt genug, um in die eigene vier Wände zu ziehen. Du hast einen eigenen Eingang und bekommst einen eigenen Schlüssel. Na was meinst du?``

Ich meinte gar nichts. Ich war platt. Mein eigenes Häuschen. Ich konnte nur dankbar und treudoof in Paps Augen gucken.

Thimo, dröge wie eh und je, brach dann das Schweigen: ,,Gratuliere!``


Tja, was soll ich sagen. Ich war begeistert. Thimo war unverhohlen neidisch. Mum und Paps waren glücklich, daß ich nichts zu mäkeln hatte und offensichtlich mit ihrer Planung einverstanden war. Friede, Freude, Eierkuchen.

Wir schauten uns dann noch den Rest des Hauses an. Es gab einen Keller mit Sauna und Swimmingpool (Wow!), dabei ist Keller nicht das richtige Wort, da man aus an einer Seite des Kellers durch große Glasfenster in den Garten schauen konnte.

,,Der Pool wird übereigens von Sonnenkollektoren beheitzt. Es gibt einen Erdwärmespeicher, der die Hitze des Sommers aufnimmt, so daß man sie im Winter nutzen kann. Überhaupt handelt es sich um ein Niedrigenergiehaus, dessen eh schon vorzügliche Energiebilanz durch die Sanierung nochmals verbessert wurde.``

Dann waren da noch Schlaf-, Arbeits und Gästezimmer. So langsam wurde mir unheimlich, hatten meine Eltern im Lotte gewonnen? Das Haus muß doch mindestens eine Million Mark gekostet haben.

,,Es war teurer. Aber mach dir darüber keine Gedanken. Es gehört uns und wir mußten uns dafür nicht verschulden. Erinnerst du dich an Tante Magarethe?``

,,Entfernt``, ich war 5 Jahre als sich starb. Tante Magarethe lebte in den USA, sie war Anfang der Fünfziger ausgewandert. Tantchen galt, soweit ich das wußte, als reich, genaugenommen steinreich.

,,Die gute Seele hatte keine Nachkommen und hat dich, ihren Großneffen, zum Erben erklärt. Allerdings nicht sofort und nicht auf einmal und auch nicht alles. Das Vermögen steckt in einer Treuhandgesellschaft. Ein Teil geht an wohltätige Zwecke und einen Teil erhälts du. Tantchen hatte zwei Auflagen an dein Erbe gebunden: die Stiftung muß erhalten beleiben und das Geld das du erhälts soll für Heim und Hof und andere besondere Zwecke eingesetzt werden sollte.``

,,Für mich?``, ich kam mal wieder nicht mit.

,,Ja! Dies alles ist mehr oder weniger deins. Da du noch nicht volljährig bist, haben wir da einfach über deinen Kopf entschieden.``

,,Hmpf``, war dieser Tag noch zu toppen? Erst der CSD, jetzt schon Großgrundbesitzer, ,,Thi-mo?``

,,Ja?``

,,Kneif mich mal!``

,,Kein Problem.``

,,Au! Das tat weh!``

Nein, kein Traum! Ich befand mich wohl doch im siebten Himmel. Jetzt müßte eigentlich nur noch ein Traummann aus den Wolken fallen...

,,Sagt mal, was haltet ihr davon zur Feier des Tages schön Essen zu gehen?``

,,Perfekt!``

,,Jo!``

,,Ich dachte schon, hier wird nie danach gefragt.``

TexMex, oder heiße Nachrichten zu heißen Essen

Diesmal übernahm meine Mutter die Initiative. Wir saßen alle im Wagen und fuhren zu einem nahegelegenen Restaurant. Meine Mum hatte eine Empfehlung von einer Freundin erhalten und wollten es daher ausprobieren. Verständlicher Weise kannten wir sonst noch nichts in Berlin.

Es handelte sich um ein schönes, neues, modernes Restaurant mit leicht mexikanisch angehauchter Küche. Auch die Einrichtung war im lateinamerkikanischen Stil gegalten. Wir mussten einen Augenblick an der Bar warten, bekamen dort aber einen Cocktail (Thimos und meiner allerdings mit ohne Alkohol).

Nach kurzer Zeit wurden wir zu unseren Tisch geführt und gaben unsere Bestellungen auf. Ich entschied mich für Fajitas, Thimo nahm Buritos, Paps ein Steak und Mummi gegrillten Fisch. Die Getränkebestellung war unspektakulär: Cola, Cola, Weizenbier und ein Weißwein, Wasser gab es ohne Bestellung und gratis.

Das Essen schmeckte vorzüglich. Nach kurzer Zeit, fühlten wir uns alle pudelwohl und lehnten uns gesättigt in den bequemen Restaurantstühlen zurück. Jetzt war es an der Zeit meine Bombe platzen zu lassen. Wenn nicht heute, wenn nicht in diesem Moment, so dachte ich mir, wann denn sonst. Der Tag war so perfekt gelaufen, es konnte gar nichts schief gehen.

,,Mum, Paps, ich möchte mich nochmals bedanken. Das Haus ist toll, wir werden da sicherlich alle gut wohnen. Ich glaub ich kann mich inzwischen durchaus mit dem Gedanken anfreunden, nach Berlin zu ziehen.``

Es schadet nie erstmal eine gute Stimmung zu verbreiten. Ein Blick in die glücklichen Augen meiner Erziehungsberechtigen ließen keinen Zweifel aufkommen, meine kleine Einleitung hatte ihr Ziel erreicht.

,,Aber, ich möchte euch noch etwas wichtiges erzählen. Etwas, daß mir sehr, sehr wichtig ist...``

Alle Augen waren auf mich gerichtet. Thimo nickte mir kaum merklich aufmunternd zu -- Danke Thimo.

,,Mummi, Paps -- Ich bin schwul! So nu isses raus...``

Schweigen, Stille, die Zeit fror ein. Mir kam es so vor, als wenn im Restaurant schlagartig alle Geräusche verstummt waren. Mein Blick nahm die Umgebung in Superzeitlupe wahr. Kurzzeitig war ich aus der normalen Realität getreten. Was wird passieren? Quällende Sekunden vergingen, Sekunden die mir wie Stunden vorkamen. Ich brüllte in mich hinnein: Mensch sagt doch was! Irgendwas! Herrgottnochmal!

,,Wolltest du uns nicht noch etwas wichtiges sagen?``, daß war mein Paps. Mit einem Ruck war ich wieder im normalen Raum-Zeit-Kontinuum.

,,Shit! Das hab' ich doch! Ich bin schwul. Euer Sohn ist einer dieser Homosexuellen.``

,,Ja und? Was erwartest du jetzt?``, wieder Paps.

,,Ja, aber -- äh, daß ist doch... ich meine... müßte man da nicht...``

,,Stimmt! Da war was. Erinner mich Montag daran, den Sparvertrag für unsere zukünftigen Enkel zu kündigen. Das entfällt ja jetzt.``

Hilfe, in welchen Film war ich denn da hereingeraten? Mein Sprachzentrum versagte mir den Dienst, mein Kleinhirn wollte einen Tiquilla und mein Großhirn wusste mal wieder nichts mit einer derartigen Situation anzufangen und weigerte sich daherm einen Kommentar abzugeben. Dumm gelaufen. Meine Idee mit meinem Coming-Out war wohl doch nicht allzu schlau.

In solchen Situation kann ich eine Sache besonders gut: dumm gucken. Ich guckte als dumm und schaute dabei der Reihe nach alle Anwesenden an.

Thimo grinste. Thimo grinste? Warum grinste dieser blöde Kerl. Moment mal, bei meiner Mutter begannen die Mundwinkel ebenfalls zu zucken. Sie versuchte krampfhaft ein Lachen zu unterdrücken. Ich hoffte inständig, daß ich bei ihr keinen hysterischen Anfall ausgelöst hatte.

,,Klaus, du bist gemein. Verarsch Svenni nicht. Dem ist das verdammt wichtig.``

Jetzt grinste auch mein Vater: ,,Sven, es ist alles ok. Ich bin stolz auf dich. Nicht weil du schwul bist. Das ist für uns völlig ok. Nein, ich bin, wir sind, stolz auf dich, daß du uns vertraust. Und wir verspreche dir, daß wir dein Vertrauen nie enttäuschen werden. Du wirst immer auf uns bauen können. Ich glaube, wir haben da einen ziemlich passablen Sohn großgezogen.`` Sprachs und knufte mich in die Seite, während meine Mum mir durch die Haare wuschelte. Ich war mir unterprozent sicher, daß in diesem Moment in großen, leuchtenden Buchstaben ,,Dorftrottel`` auf meiner Stirn aufflammten.

,,War doch gar nicht so schlimm -- Gibts hier noch was zu trinken?``, dieser Kommentar kam -- natürlich -- von Thimo.


Der restliche Abend verlief einfach super. Meine Eltern wollten natürlich alles ganz genau wissen: wann ich es zuerst gemerkt hatte und ob und wie ich damit klar kam. Andererseits waren sie erstaunlich respektvoll und zurückhaltent. Peinlichkeiten wurde netterweise ausgelassen. Mann kennt das, oder? Mütter haben diese einzigartige Gabe immer exakt das auszusprechen, was man auf jeden Fall umbedingt für sich behalten möchte. Am besten vor der versammelten Verwandschaft. Aber an diesem Abend war alles anders. Ein lockeres, entspanntes und doch ernstes Gespräch. Ich sprach über meine Ängste und Träume, meine Eltern hatten ihre Fragen und die waren sogar erstaunlich intelligent -- für Eltern. In nachhinein muß ich eingestehen, daß ich ziemliches Glück hatte, solche Eltern zu haben. Aber soetwas gibt man nur ungerne zu.

Sehr beeindruckt waren Mum und Paps von der Geschichte mit Thimos Vater und meinem speziellen Versprechen. Wie Thimo waren auch sie der Meinung, daß ich auf einer zwar ziemlich verquere, aber für mich wohl absolut typische Weise, das Versprechen doch noch eingehalten hatte, indem ich Thimo alles im IRC gebeichtet hatte. Mum und Paps bedankten sich dann bei Thimo, daß er mir während der Zeit meines eigenen Coming-Outs beigestanden hatte.

Ich konnte natürlich nicht umhin meine Eltern zu fragen, ob sie sehr überrascht wären, daß ich nun schwul sei. Nein, eigentlich nicht, war die Antwort meiner Mutter. Sie hatte es seit gut einem Jahr vermutet. Mütter halt -- die wissen immer, wie es ihrem Baby geht.

Auf meine Frage, ob sie das denn nicht stören würde, wurde Paps nochmals sehr ernst. Wirklich sehr ernst.

,,Sven, daß ist jetzt sehr wichtig. Mich stört es nicht das du schwul bist. Genausowenig wie es deine Mutter stört. Aber uns stört etwas anderes...``

Das klang äußerst ernst!

,,Was mich oder besser uns stört ist, daß du überhaupt diese Frage stellst!``

Ich versuchte seinem Gedankenganz zu folgen, kam aber noch nicht ganz mit.

,,Wie meinst du das jetzt?``, ich kratzte mich am Kopf.

,,Ok, das ist jetzt wohl von Hinten durch die Brust ins Auge: Wenn du uns fragst, ob uns dein schwulsein stört, dann betrachtest du es selbst offensichtlich als Makel. Etwas für das man sich schämen müßte.``

Stimmt, da war was dran. Irgendwo schlummerte immer noch ein Rest Schamgefühl in mir der Homosexualität als anormal betrachtete. Ich mußte mal wieder an das medizinische Wörterbuch denken und an seine unvorteilhafte Definition von Homosexualität.

,,Ich glaub, ich weiß was du meinst.``

,,Gut! Denn du solltest das niemals tuen. Du bist ein ganz lieber Junge. Ein toller Sohn, der viel zu gut surft. Und jetzt sag mir, was soll dran verkehrt sein, einen anderen Menschen zu lieben?``

,,Nichts?``

,,Genau! Und warum sollte dann das Geschlecht des anderen oder der anderen eine Rolle spielen? Genau - gar keins! Du weißt, ich bin kein religöser Mensch. Aber ich denke, die Fähigkeit zu Lieben ist wohl eine der besten und schönsten Gaben, die wir Menschen mitbekommen haben. Nutze sie, daß du und dein zukünftiger Freund glücklich miteinander seid. Das kann einfach nicht falsch sein, egal was andere sagen mögen. Akzeptiere dich wie du bist! Naja, was Eltern sagen ist den Kindern meistens eh egal. Mir wars egal. Aber bei dieser Sache, glaub mir mal nicht als dein Vater sondern als einen Freund: Schäm dich niemals dafür wer oder was du bist! Niemals! Verstanden?``

Ich hatte meinen Paps noch nie so erst gesehen, es war ihm wirklich sehr wichtig. Ich verstand was er meinte. Wenn ich selbst nicht zu mir stand, war ich verwundbar. Das war genau das, was ich mit Thimo erlebt hatte, als er mich fragt, ob ich schwul sei. In dem Moment war ich verwundbar gewesen. Entsetzlich verwundbar. Wie sehr verstand ich erst jetzt. Hätte Thimo damals anders reagiert, ich wüßte nicht, wie es dann weitergegangen wäre.

,,Paps -- danke!``

,,Komm her, Kleiner!``, auch wenn's mal wieder kitschig klingt, Paps nahm mich in den Arm. Und das schlimmste daran, es war mir nicht mal peinlich.

Jugend forscht!

In dieser etwas nachdenklichen Stimmung klang der Abend aus. Thimo war schon die ganze Zeit sehr still gewesen. Naja, die meiste Zeit hatten wir auch nur von mir gesprochen, wahrscheinlich kam er sich etwas deplaziert vor. Ich würde mich dafür noch bei ihm entschuldigen müssen.

,,Du Thimo, tut mir leid, daß wir den ganzen Abend nur von mir gesprochen haben!``

,,Ey, is schon gut...``, das klang irgendwie traurig.

Wir führen ins Hotel zurück und sagten uns gute Nacht. Nach einer kurzen, aber erfrischenden und reinigenden Dusche nach dem langen Tag, lagen wir dann in unseren Hotelbetten. Das Licht war schon aus, als ich Thimos Stimme hörte.

,,Svenni, schläfst du schon?``

,,Nein...``

,,Darf ich dich was fragen?``

,,Schieß los! Soll ich das Licht anmachen?``

,,Nein -- bitte -- laß es aus.``

,,Ok!``, Thimo klang bedrückt. Wieso?

,,Wie merkt man eigentlich, daß man schwul ist?``

,,Hm, warum fragst du?``, was hatte er denn?

,,Bitte, antworte einfach...``

,,Naja, so wie ich es vorhin beschrieben habe oder wie ich es dir im Chat erzählte. Frauen, Mädchen, irgendwann merkte ich, daß ich mit denen nichts angfangen konnte. Alle in der Schule hatten eine Freundin und gaben damit auch mehr oder weniger an. Das war wohl der Punkt: ich verstand das nicht. Was ist an den Mädels dran? Denk mal an Maik mit seinen Tittentick. Ich empfand dabei nichts, wenn er die Vorzüge von großen und kleinen Brüsten erklärte. Mädchen lassen mich kalt. Das klingt jetzt blöd. Mit manchen kann man sich unterhalten. Ja, manche sehen gut aus, sehr gut sogar. Aber, daß ist es irgendwie nicht... Wenn ich hingen manche Jungen sehe, schnürt es mir den Hals zu. Ich kann nicht anders, als mit den Augen über ihn streicheln, der Körperform zu folgen. Es tut fast weh. Es schmerzt. Was meinem Schwanz dann macht, will ich erst gar nicht erwähnen. Man sieht den Typen und möchte ihn berühren, ihn lieben. Wie sagt man dazu: Schmetterlinge im Bauch? ``

Ich mußte Luftholen. Mir war das selbst noch nie so klar gewesen. Leider wurde mir dann aber noch etwas anderes klar. Nach einer kleinen Pause fuhr ich mit leicht trauriger Stimme fort.

,,Diese Momente, wenn ich einen Jungen begehre; mich nach einem Menschen sehne ihn zu lieben, zu berühren, zu halten, ihn in den Arm zu nehmen... Es sind die einsamsten Momente in meinem Leben.``

Das sprechen viel mir hörhbar schwer.

,,Wie könnte ich ihn ansprechen. Wahrscheinlich ist er hetero. Wird er mich auslachen? Wird er mich vieleicht schlagen? Das sind die Fragen, die mir dann durch den Kopf schießen. Deswegen hab' ich die Sommer immer so gehaßt: Alle Jungs hatten eine Freundin. Und was war mit mir: Durch Burg liefen die süßesten Typen rum und alle unerreichbar...``

Es war still. Ich hatte meine feuchten Augen geschlossen. Eigentlich hatte ich mehr mit mir selbst gesprochen als auf Thimos Frage von vorhin zu antowrten.

,,Ich weiß!``, Thimos Stimme klang belegt und sehr leise. Ich hatte den Eindruck ein Schniefen zu höhren.

,,Thimo?``

,,Svenni, ich glaub ich hab' mich in dich verliebt...``

,,Wie...``, ich war iritiert, ,,Wie verliebt?``

,,Sven, ich habe auch diese Gefühle. Mir zerreißt es das Herz! Mir schnürt es den Hals zusammen! Mir ist schwindelig! Aber...``

Weiter kam er nicht. Ich hatte mich in meinem Bett aufgestzt. Das Licht von der Straße war hell genug und meine Augen hatten sich an die Dunkelheit gewöhnt, um zu sehen wie Thimo seinen Kopf in seinem Kopfkissen vergrub. Er weinte.

,,Aber du bist doch hetero!?``, war das jetzt eine Frage oder eine Feststellung. Oder wollte ich mir nur etwas selbst bestätigen?

,,Wieso bist du dir da so sicher? Ich bin mir da nämlich nicht sicher, ich glaub ich bin nicht hetero?``, nicht hetero, ja was ist er denn dann?

,,Aber du hattest Freundinnen?``

,,Hmpf``

,,Hmpf, was?``

,,Das war nichts. Weißt du warum Maike Schluß gemacht hat? Willst du es wirklich wissen? Ich hab' ihn nicht hoch bekommen! Wir haben rumgeknutscht und solch Zeugs. Aber Maike wollte Sex. Poppen! Ich konnte nicht, er wollte nicht. Nein falsch, ich wollte auch nicht. Ich fand das nur merkwürdig und abtörnend. Naja, du kennst Maikes direkte Art. Mit so einem Schlappschwanz wollte sie nichts zu tun haben. Sie meinte ich wäre wohl doch noch zu jung und unreif.``, Thimo kotzte die Worte unter heftigen Schniefen raus.

,,Und weiter?``, ich versuchte so vorsichtig und einfühlsam wie nur möglichzu sprechen.

,,Ach nichts weiter. Ich dachte mir nichts dabei. Vieleicht hatte Maike ja recht und ich war wirklich noch zu unreif. Oder sie war einfach nicht die Richtige. Bei der richtigen würde es bestimmt klappen.``

Ich schwieg. Manchmal muß man einfach seine Klappe halten können. Thimo wurde etwas ruhiger.

,,Dann kam die Sache mit Paps. Und dann kam die Sache mit dir. Was du da geschrieben hast, in deinen e-Mails, im Chat. Deine Gefühle, Ängste, Wünsche...Sie sprachen mich an. Ich verstand sie sofort. Ich glaub mein Alter-Ego #CKent77 war nur deswegen schwul, weil ich es auch bin...``

Ja, werter Leser, Svenni verdient den ersten Preis für die längste Leitung. Der Groschen fiel in Superzeitlupe, verharrte kurz im Münzschacht und lachte mich aus. Ich Idiot war die ganze Zeit so ichfixiert, so egozentrisch, daß ich nicht gemerkt hatte, was Thimo mir die ganze Zeit, die ganze Zeit seit dem Abend am Strand mitteilen wollte. Er war ebenfalls schwul. Thimo war schwul! Und ich war blind, blind in meiner ichbezogenen Ignoranz es nicht zu merken. Svenni, der Nabel der Welt. Der größte Idiot der Welt. Ich war ein Arsch von einem Freund.

,,Thimo, oh Thimo. Es tut mir leid. Ich bin so ein Arsch, ein Idiot. Ich war so egoistisch mit meinem Coming-Out und habe nichts bemerkt. Es tut mir Leid. Aber warum hast du, um himmelswillen nie was gesagt?``

Eine blöde Frage. Er hatte es die ganze Zeit versucht, ich habe es nur nicht hören wollen, weil ich mit mir selbst viel zu beschäftigt war. Auf der anderen Seite, warum hat er nie die Klappe aufgemacht und es offen ausgesprochen? Ok, wer im Glashaus sitzt sollte nicht mit Steinen werfen.

,,Ich wollte dich nicht verlieren...``

,,Warum denn das?``

,,Du bist mein bester Freund. Wenn ich dir gesagt hätte, daß ich schwul bin...``, er fing wieder an zu weinen.

,,Ich versteh dich nicht. Ich bin schwul, du bist schwul. Toll! Endlich jemand mit dem man sprechen kann. Wo ist das Problem?``

Ich verstand ihn wirklich nicht mehr. Was lief hier verkehrt? Thimo holte tief Luft, ich sah wie er sich die Tränen mit dem Oberbett aus den Augen wischte.

,,Sven. Ich will dich nicht als besten Freund!``

Mein Herzschlag setzte aus. Eine Pause. Eine Ewigkeit.

,,Ich will dich als Freund, als meinen Freund!``

Wäre das Licht im Zimmer an gewesen, hätte man sehen können, wie mein Unterkiefer runterklapte. Endlich machte es wirklich Klick. Mein Traummann wollte mich! Och nöh. Konnte Liebe so kitschig und blöd sein. Er hatte nichts gesagt, weil er in mich verliebt war und nicht wußte, wie ich reagieren würde. Und ich, der ihn im für hetero gehalten hatte, hab' aus dem gleichen Grund ihm nie gesagt, wie vernarrt ich in ihn wirklich war. Schön blöd!

,,Svenni! Scheiße, sag doch was! Bist du jetzt sauer? Wenn ich nicht dein Typ bin, sag es einfach. Vergiss es. Shit, hätte ich doch nur die Klappe gehalten...``

Da gab es nur noch eins: Ich stand auf, ging zu Thimos Bett, nahm sein Gesicht in meine Hände und sagt: ,,Halt den Mund!`` Dann küsste ich Thimo. Ich hatte noch nie einen Mann, einen Jungen so geküsst. Ich streichelte sein Haar, seine Strin, seine Wangen. Thimos Augen, in denen ich schon immer versinken wollte, wurden immer grösser. Einen kurzen Moment wurde er stocksteif, Abwehrhaltung, bis er begriff was passiert war, dann war es vorbei und er ließ sich fallen. Tränen schossen in seine Augen -- Tränen des Glücks.

Ich schlüpfte zu Thimo ins Bett. Irgendwie entledigten wir uns unserer Nachtkleidung. Wir hatten uns schon ein paar Mal in den Armen gehalten, aber dieses mal war es anders. So eng umschlungen, so nah waren wir uns noch nie. Ich spürte das Glühen seines Körpers, jedes feine Zittern unter den Berührungen meiner Hände. Ich spürte wie er es genoß sich hinzugeben.

Da lagen wir im Bett, eng umschlungen, fast nur ein einziger Körper. Wir küssten uns. Küsse, die ich so tief und intensiv noch nie erlebt hatte. Ich hätte nie gedacht, dass man von Küssen dermassen berauscht werden kann. Ich begann seine Brust zu küssen, leckte mit meiner Zunge an seinen Brustwarzen. Erst an der linken, dann arbeitete ich mich zur rechten vor. Thimos Körper war perekt ausgearbeitet, keine Haare. Meine Lippen wanderten über die Wellen seines Bauchs abwärts. Ich konnte jeden Muskel seines Washbrettbauchs mit meinen Lippen spüren und liebkosen. Irgendwann ereichte ich seinen Schwanz. Stahlhart stand er steif empor. Da hatte Maike aber wirklich was verpasst.

Ich zuckte zurück, ich hatte doch noch nie...

,,Bitte Svenni, höhr nicht auf...``

Das hätte er nicht sagen müssen. An Aufhören dachte ich in jenem Moment am aller wenigsten.

Braucht man für Sex eine Anleitung? Wozu? Ich wusste was mir gefällt, dass war immerhin ein Ausgangspunkt. Und so nahm ich das erstmal in meinem Leben den Schwanz eines anderen Jungen in meine Hand. Glühend und hart wie Fels, aber trotzdem weich und zart, Er fühlte sich lebendig, kraftvoll, energiegeladen an, ganz anders als wenn ich Klein Svenni in die Hand nahm. Thimo stöhnte leicht auf. Ich war auf dem richtigen Weg. Ich massierte sein gutes Stück, mal mit festen Druck, mal weich, fast streichelnd. Ein Schauer durchströmte Thimos Körper, ich fühlte, dass er eine Gänsehaut bekam. Er atmete schwer und tief.

Ich berührte mit meinen Lippen seine Eichel und küsste sie leicht. Thimo fing an zu vibrieren, Muskeln spannten sich, um sich gleich wieder zu lösen. Die Athmosphäre war mit Hochspannung geladen. Langsam arbeitete ich mich vor. Thimo krallte seine Hände in das Bettlacken. Spastische Muskelkontraktionen wanderten in Wellen von seinen Kopf bis zu den Füssen.

,,Mach weiter, bitte...``, seine Stimme war nur noch ein Wimmern.

Und dann tat ich es. Was für ein Erlebnis. Ich spührte ihn; intensiver als ich mir das je vorstellen konnte. Und er schmeckte gut, wirklich gut.

Ich hätte es nie für möglich gehalten, aber Thimos Schwanz wurde in meinem Mund noch härter und sogar noch etwas größer. Nach ein paar Minuten war er nicht mehr zu halten, unvorstellbar kräftige Krämpfe durchzuzuckten Thimos Körper als er kam. Und es kam viel, sehr viel und sehr gewaltig. Thimos Schwanz erplodierte geradezu. Berauscht von seinem Orgasmus, diesem Naturereignis, gab es für mich auch kein Halten mehr. Ich kam so wie ich noch nie gekommen war. Ich schleuderte eine Fontäne direkt auf Thimos Bauch. Völlig entkräftet sank ich auf Thimo nieder. Wir umarmten uns, wir hielten uns fest. Tränen rannen aus unseren Augen. Das erst mal hätte nicht besser sein können.


Völlig erschöpft lagen wir nebeneinander. Eng aneinandergekuschelt, uns gegenseitig streichelnd. Ich glaube wir waren sogar beide kurz eingeschlafen, wachten dann aber beide kurze Zeit später wieder auf.

,,Thimo, nach meinen intensiven Untersuchungen muß ich feststellen: Maike hat keine Ahnung. Du bist nicht zu unreif. Sie war wohl einfach nur die falsche für dich.``

,,Du kannst wohl nie ernst bleiben?``

,,Nö, aber so willst du mich doch, oder?``

,,Soll ich dir das Beweisen?``

,,Wie willst du denn das machen?``, das war die falsche Frage. Jetzt war ich es, der sich am Bettlacken festkrallen mußte. Eben noch schlaff und klein, wurde mein kleiner Svenni wachgeküst und stand prompt wie eine eins. Thimo schien ganz genau zu wissen, was man dafür tuen musste, dass er auch genau so blieb oder noch etwas zunahm.

Dieser kleine Teufel, in null-koma-nix war ich dem Wahnsinn nahe. Jetzt merkte ich, wie sich jeder einzelne Muskel in meinem Körper verkrampfte. Meine Hände krallten sich dermaßen in das Bettlacken und ballten sich dabei zu Fäusten, daß ich meine Fingernägel in meinen Handballen spürte. Und dann passierte es. Ich hatte mal irgendwo gelesen, daß man sagt der Orgasmus sei der kleine Tod. In diesem Moment verstand ich, was damit gemeint war. Ich starb diesen Tod. Und war glücklich.

,,Thimo ich liebe dich.``

,,Ich weiß...``

Trübe Zukunftsplanung

Obwohl unsere Nacht dann sehr kurz wurde, waren wir rechtzeitig zum Frühstücksbüffee pyhsisch anwesend. Es war so gegen neun Uhr und wir waren sogar ausreichend frisch. Wir waren sogar vor meinen Eltern am Frühstückstisch. Ich hatte einen Pott Milchkaffe vor meiner Nase, Thimo ein großes Glas O-Saft. Für ein Hotel, war sowohl Kaffee als auch O-Saft überraschend gut.

,,Das gestern Nacht...``, begann ich etwas verträumt.

,,Ja...``, die Stimme meines Freundes war mit einem schmusiges Schnurren, wie bei einer Katze, unterlegt.

,,Es war...``

,,Ja ja, es war...``

Wir sahen uns an und lächelten. Da war es wieder, jeder von uns beiden wußte, was der andere gerade dachte.

,,Aber?``, in der Konsequenz, wußte Thimo natürlich auch, was mir gerade unangenehmes die Stimmung begann zu verhageln.

,,Es hätte nicht passieren dürfen...``, nicht, dass wir es nicht beide gewollt hätten. Von Bereuen war gar nicht erst die Rede.

,,Ja, ich weiß, was du meinst. Wir haben ein sehr feuchtes Problem.``

,,Und das Problem heißt Atlantik. Wieviel Kilometer liegen zwischen Portland und Berlin?``

,,Zuviele!``

,,Und? Was nu?``

,,Willst du es wirklich wissen? Wir haben noch gute drei Wochen! Drei Wochen nur für uns! Wenn die auch nur ansatzweise so werden, wie gestern, dann reicht das für ein ganzes Leben.``

,,Stimmt, nach drei Wochen mit dir im Bett muß ich ins Pflegeheim!``

,,Und mich muß man künstlich ernähren...Aber mal im ernst. Meinst du wirklich zwischen uns wird sich irgend etwas ändern, nur weil da ein paar tausend Kilometer Salzwasser zwischen uns liegen. Nie! Nie und nimmer.``

,,Du meinst...?``

,,Genau. Wir werden immer Freunde bleiben. Immer -- so oder so! Und denk nicht in den eingefahrenen Gleisen heterosexueller Zweierkisten. Glaubst du wirklich, daß ich von dir erwarte keusch und enthaltsam zu leben und dich für mich in aufsparst, bis du mich oder ich dich in den Ferien besuche? Niemals! Ich verlange sogar von dir, daß du dir einen Freund suchst! Ich will, dass du dich hoffnungslos in ein knackiges Kerlchen verknallst. Darauf hast du doch all die Jahre gewartet. Dafür hast du mit dir und deinem Gewissen gekämpft. Du mußt dich ja nicht gleich durch das Berliner Telefonbuch poppen. Aber das wirst du auch nicht, dafür kenn ich dich viel zu gut.``

,,Du bist ein Lügner, allerdings der süßeste den ich kenne. Du kannst mir nichts vormachen. Du wirst wochenlang dein Kopfkissen vollheulen, genauso wie ich meins. Mußt du wirklich nach Amiland ziehen? Kannst du nicht bei mir bleiben?``

Thimo konnte mir nicht in die Augen schauen und ich wollte nicht, dass er es tat. Er sprach leise und mit belegter Stimme: ,,Nein, daß kann ich nicht. So sehr ich mir wünschte, bei dir zu bleiben, so sehr weiß ich, dass ich Mum unmöglich verlassen kann. Nicht jetzt. Ich habe keine Wahl. Nein, ich kann nicht hier bleibe, genau so wenig, wie du nach Amiland ziehen kannst.``

,,Also ist unsere Beziehung schon am Ende bevor sie angefangen hat?``

,,Meinst du das ernst?``

,,Nein, eigentlich nicht...Ich glaube es wäre anders, wenn ich dich gestern erst kennengelernt hätte. So in der Art der erste Freund. Aber mit dir ist das irgendwie anders.``

,,Ah, jetzt verstehst du, was ich meine. Kopf hoch wir haben noch drei wundervolle Wochen.``

,,Erinner mich, daß ich mir eine Familienpackung Vitamintabletten kaufe, sonst steh ich das niemals durch.``

,,Arsch!``

,,Wichser!``

Für die nächsten drei Wochen hatte wir den Gedanken an unsere baldige Trennung in die hintersten Winkel unserer Gehirne verdrängt.


Wir wollten schon den Frühstückssaal verlassen, als endlich auch meine Eltern auftauchten.

,,Was ist denn mit euch beiden?``, meine Mutter glotzte wechselweise Thimo und mich an.

,,Nichts? Was sollte sein?``

,,Haben wir uns mit Frühstücksei bekleckert?``

,,Nein, ihr beiden strahlt wie zwei Kernbrennstäbe.``

War das so offensichtlich?

,,Hat Thimo dir sein kleines Geheimnis gebeichtet?``

,,Was? ihr wußtet das?``, kreischte ich los.

Thimo griff sofort ein: ,,Seit zwei Wochen. Deine Eltern machten sich sorgen, weil du am Ferienanfang so deprmiert, zugeknöpft und melancholisch warst. Wie deine Mum dir ja schon gestern erzählte, ahnte sie ja schon länger, daß du schwul bist. Na ja, vor zwei Wochen sprach sie mich an und fragte mich, als deinen ältesen und besten Freund, ob ich wüsste, warum du so traurig warst und ob es sein könnte, daß du vielleicht homosexuell sein könntest.``

,,Aber...``, weiter kam ich nicht.

,,Nix aber. Ich habe natürlich nichts gesagt. Ich meinte, wenn dem so sei, würdest du es ihnen sicherlich irgendwann sagen. Was ich aber sagte war, daß ich schwul bin. Das fiel mir übriegens alles andere als leicht. Ich wußte aber, daß man deinen Eltern vertrauen kann. Außerdem konnte ich die Richtung wohin alles lief besser steuern. Aus meinen eigenen und unseren gemeinsamen Erfahrungen, wußte ich, daß du eher dicht machen würdest, sollte man dich direkt angehen. Dann kam die Sache mit dem Umzug und ich hatte das Gefühl, daß die Zeit drängte. Bevor ich über den großen Teich segelte, wollte ich, daß du endlich aus dem Schrank kamst. Das war ich dir, nach all dem, was du für mich getan hast, einfach schuldig.``

,,Und weiter?``

,,Den Rest kennst du. Ich zwang dich endlich auzupacken. Letzte Woche am Strand. Es war vielleicht nicht fair...``

,,Doch, war es. Und ich bin dir dankbar.``

,,Wie auch immer...Die zweite Sache, war das mit deinen Eltern. Wie bekommt man dich dazu es endlich deinen Eltern zu erzählen? Da kam mir die Idee mit dem CSD. Ich wußte, dass der CSD dir gefallen würde, ich wußte, dass er dich in eine positive Stimmung versetzten würde und ich hoffte, dass er zum ausschlaggebenden Anlaß werden würde, dich zu Outen. Außerdem wollte ich dir ja auch noch etwas beichten...``

,,Dann hatte ich die ganze Zeit nur das gemacht, was du mit mir geplant hast?``

,,Oh, mein Kleiner hat es begriffen! Du warst meine kleine willenlose Marionette...``, Thimos Grinsen war eine Frechheit, aber so super süß. Ich hätte über diesen Schnukel sofort herfallen können und ihn durch die Stimmulierung tieferliegende Körperregionen für seine kleinen Intrigen bestrafen wollen. Vermutlich wäre die Hotelleitung über sexuelle Handlungen im Frühstückssaal wenig begeistert, wesswegen ich meinem Drang dann doch nicht nach gab.

Wie ich schon früher erwähnte, machen wir Norddeutschen für alles und jedes einen Plan. Thimo war da keine Ausnahme. Er hatte mein Coming-Out generalstabsmäßig geplant. Hut ab!


,,Aber deswegen strahlt ihr doch nicht so, oder?``, meine Mutter schaltete sich wieder ein und schaffte auf Anhieb eine Punktlandung.

Thimo und ich liefen knallrot an. Ertappt. ,,Oh, ihr zwei habt...`` Schuldbewusstes Decke oder Fußboden ansehen unsererseits.

,,Oops, tut mir leid. Das war jetzt wohl etwas indiskret. äh, herzlichen Glückwunsch. Ihr seid wirklich ein süßes Paar!``

,,Laß die beiden. Das ist denen peinlich. Sind doch fast noch Kinder.``

Eltern, wie schaffen sie es immer wieder, dass man sich am liebsten in Luft auflösen möchte?


Nach dem Frühstück war unsere Rückreise nach Fehmarn geplant. Koffer packen und los. Auf der A24 war sehr wenig Verkeht und wir kamen gut durch. Die A1 war dafür umso verstopfter. Höhe Neustadt kamen wir in einen Stau vor einer Baustelle, aber auch den ließen wir letztendlich hinter uns zurück. Am frühen Nachmittag waren wir wieder auf unserer Insel. Mir kam sie plötzlich sehr klein vor. Eng und klein. Ich war schon mittendrin mich von meinem früheren Inselleben loszulösen. Thimo erging es nicht anders.

Es war Sommer und es war noch Zeit genug. Wir waren an unserem Stammstrand. Gute 4Bf aus südöstlichen Richtungen waren Ideal für eine Runde Kitesurfen. Fliegen, schweben, träumen...

Am Ende lag ich mit Thimo am Strand. Eng umschlungen. In einem Kitschroman, solche, die meine Oma immer laß, hätte gestanden: ,,Sie surften auf den Wellen ihrer Gefühle, auf der Brandung ihrer Liebe.`` -- Oder so änlich. Es mag superkitschig klingen, aber so fühlten wir uns. Die Farben von Meer, Sonne, Wolken, Getreidefeldern und Wiesen, waren kräftiger, leuchtender. Erde und Wasser dufteten intensiver. Ich fühlte mich seit sehr langer Zeit wieder richtig lebendig und war mir sicher, daß es Thimo genauso ging.


,,Was machen wir eigentlich mit den anderen?``, meine Hand lag auf Thimos Brust, als wenn sie da schon immer hingehört hätte.

,,Na, die werden doch alle mit ihrer Jagdbeute beschäftigt sein.``

,,Das mein ich nicht. Sollen wir ihnen von uns erzählen?``

,,Was Outen, hmmm...Warum eigentlich nicht. Die Bombe würde ich zum Abschluß noch gern platzen lassen.`` Regieanweisung: Hämisches Grinsen einblenden.

,,Du Arsch! Und wenn's nicht gut ankommt und die total ätzend reagieren?``

,,Und wenn schon? Nicht mal eine Woche später sind wir weg. Wenn die tatsächlich die totalen Spießer sind Who cares!.``

,,Außerdem hast di noch etwas mit Maike zu klären. Ich kann doch unmöglich zulassen, daß sie dich als Schlappschwanz in Erinnerung behält.``

,,Untersteh dich!``

,,Nöh...``

,,Warte, dir zeig ich wie du dich unterstehen wirst...``, und schwups wurde ich von zwei kräftigen Händen zu Boden gedrückt. Ich ergab mich natürlich nicht sofort. Etwas Gegenwehr mußte schon sein. Nur etwas -- nicht zuviel.

Mutterwitz und Planspiele

In den nächsten zweieinhalb Wochen waren wir mit zwei imens wichtigen Dingen beschäftigt. Zum einen beschäftigten wir uns intensiv miteiander. Dabei drangen wir dann auch sehr tief in unsere Freundschaft ein. Sehr anstrengend, aber auch sehr, befriedigend.

Die andere Sache, mit der wir uns beschäftigten, war eine Party, oder besser die Party. Die Party, die wir als Abschied von unseren Freunden und unserem Inselleben planten. Zwischenzeitlich hatte es sich natürlich rumgesprochen, daß sowohl Thimo mit seiner Mutter, als auch ich mit meinen Eltern wegziehen würde. Das traf die Anderen unserer kleinen Inselgang hart. Wurde dadurch kurzerhand die Gruppe, um ein Viertel dezimiert. Ein paar andere Leute, deren Namen ich aus verständlichen Gründen nicht preisgeben werde, waren aus ganz anderen Gründen entsetzt. Wußten sie doch nicht, wo sie die Lösungen ihre Hausaufgaben von nun an herholen sollten. Da gab es dann in Zukunft nur eins: selber denken. O-Ton eines Betroffenen (Name der Readaktion bekannt): ,,Ich und selber denken: Was für eine absurde Idee! Svenne, daß kannst du mir nicht antun!``.

Doch konnte ich. Sogar mit einem Lächeln auf den Lippen.

Die einhellige Meinung zu unserem Wegzügen war natürlich bedauern und miese Stimmung. Nur die Aussicht auf ein fette Abschlußfete, ließ die Laune wieder leicht steigen.

Für die Fete hatten wir uns die Scheune von Thimos Großeltern (väterlicherseits) ausgesucht. Sein Opa lebte nicht mehr und Oma hatte nichts dagegen. Mit der Landwirtschaft hatte Oma schon vor Jahren aufgehört und die Felder auch nicht verpachtet. Stattdessen machte sie sie zu Geld, indem sie sie mit einer satten EG-Abfindung stillgelegte. Von jenem Geld hatten sie sich dann anschließend einen kleinen Windpark zugelegt, der nochmals mit Geld gefördert wurde. Ziemlich pfiffig die alte Dame. Und da Thimo ihr absoluter Lieblingsenkel war (Welch Kunstück, er war auch ihr einziger Enkel), gab es hin und wider recht ansehnliche Zuwendungen. Segel und Bretter können unverschämt teuer sein.

Wir nutzten die Scheune hauptsächlich als Lagerplatz für unsere Surfboards und Riggs und als Treffpunkt für unsere Inselgang. Dazu hatten wir das Teil in den letzten Jahren auf vordermann gebracht. Das Gebäude war zwar nicht verfallen oder baufällig, dafür aber ziemlich verwarlost gewesen. So lag massenweise Gerümpel in der Scheune, das Dach war an manchen Stellen undicht und Strom gab es, bis auf eine funzelige Lampe gar nicht. Über die Zeit haben wir das Teil dann saubergemacht, das Dach abgedichtet, frisch gemalt, Stromleitungen und Licht (teilweise bunt und in Farbe) komplett neu verlegt, eine Soundanlage installiert und einen kleinen beheizbaren, verglasten, abschließbaren Raum mit Tisch und Stühlen eingebaut. Mit anderen Worten: Der ideale Platz für Feten.

Wenn Party, dann Mitbringparty. Funktionierte immer. Bei diesen Feten gab es immer mehr als genug zu essen und zu trinken. Je mehr kamen, desto besser war auch die Auswahl. Nur die Getränke organisierten wir per Umlage vorher. Genau so, war auch unsere Abschlußfete geplant. Alle wurden eingeladen, daß heißt nicht nur der Kern sondern die ganze Klasse inklusive Anhang. Wen jemand noch jemand anders mitbringen wollten, toll! Party On! Wobei ich allerdings die ganze Zeit insgeheim hoffte, daß bestimmte Subjekte nicht kommen würden. Aber einladen mußten wir sie schon.

Als Thimo und ich dann zusammenzählten, wieviele wohl aufkreuzen würden, kamen wir auf über fünfzig Leute. Das konnte nicht nur, dass mußte wirklich lustig werden. Die Chancen, daß ich mehr als die Hälfte der Leute auf meiner eigenen Party nicht kennen würde, standen nicht schlecht.

Während der gesamten Zeit hielten Thimo und ich unser kleines gemeinsames romantisches Geheimnis für uns. Das wir wenige Tage nach unserer Fete für Monate getrennt sein würden, verdrängten wir. Im Verdrängen von Wahrheiten hatten wir. Jetzt war erstmal Spaß angesagt.

Zwischenzeitlich kümmerten sich unsere Eltern, meine und Thimos Mutter, um die jeweiligen Umzugsvorbereitungen. Möbel wurden ausgesucht. Toll, ich sollte eine komplette neue Zimmereinrichtung erhalten. Irgendwie waren sie froh, wenn wir uns nicht in die Vorbereitungen einmischten.


Eine Woche vor der Party, bat mich Thimo Abends noch mit ihm nach Hause zu kommen. Er hatte geplant, sich an diesem Abend gegenüber seiner Mutter zu outen, wollte dies aber nicht alleine tun.

Thimos Mutter kochte mindestens so gut wie meine. Zentraler Ort der Familie Camron-Bach bildete von da her naturgemäß die Küche und hier, zeitlich gesehen, das Abendbrot. Abendbrot wäre allerdings daß falsche Wort. Thimos Mutter arbeitet tagsüber und, da wir in den Sommerferien meistens das Mittagessen ausfallen ließen, bildete das erwähnte Abendbrot üblicherweise die Hauptmahlzeit. Es gab Curryhuhn, eines meiner Lieblingsgerichte.

Wir saßen alle gemütlich zusammen und hatten gerade unseren letzten Happen verdrückt. Der übliche Smalltalk lief.

,,Und wie laufen eure Partyvorbereitungen?``

,,Gut Ellen. Thimo hat die Soundanlage auf Vordermann gebracht. Kai wird als DJ zufrieden sein können. Ich muß mich noch um das Licht kümmern. Einer der Strobes hat ne kaputte Röhre.``, ich dutzte Thimos Mutter, auf ihren ausdrücklichen Wunsch, schon seit Jahren.

,,Nich so technisch. Thimo! Was ist ein Strobe!``

,,Stroboskop! Die Blitzlichtdinger...``

,,Danke das du mich vorwarnst!``, Ellen zog ein Gesicht, als wenn sie auf eine Zitrone gebissen hätte, ,,Wenn ihr die habt, werde ich bestimmt nicht vorbeischauen!``

So ging das schon den ganzen Abend. Belangloses Geplauder. Hauptsächlich zwischen Ellen und mir. Ich merkte das Thimo die ganze Zeit dabei war, seinen ganzen Mut zu zu nehmen. Er wartete nur auf den richtigen Zeitpunkt. Uns war klar, daß er es seiner Mutter vor der Party erzählen mußte. Ich versuchte daher, das Gespräch langsam absterben zu lassen, damit Thimo eine Möglichkeit bekam loszulegen.

Ellen wollte gerade aufstehen, um die Teller in den Geschirrspüler zu stellen, als Thimo sich einen Ruck gab.

,,Mum, bitte bleib sitzen! Ich hab' dir was wichtiges zu sagen.``

,,Oh, das klingt erst. Was hast du ausgefressen? Habt ihr wieder einen Gülletank gesprengt?``

Oops, sie wußte davon? Woher wußte sich das?

,,Nein Mum. Bitte jetzt keine Witze. Ich mein es ernst.``

,,Entschuldigung Thimo. War nicht so gemeint.``

Na, welche Variante würde Thimo wohl wählen: Die direkte oder die indirekte.

,,Mum, ich bin verliebt!``

Ok, die indirekte also. Das gab ihm aber auch nur maximal 30 Sekunden Schonfrist.

,,Na super. Wie heißt den die Person?``

Ach schau an! Ellen wählte die geschlechtsneutrale Formulierung. Thimo du hast gewonnen, deine Mutter weiß längst bescheid. Aber Thimo schien die Brücke, die ihm seine Mutter baute, nicht bemerkt zu haben.

,,Es ist komplzierter...``, Ich konnt nur zusehen, wie er sich wie ein Wurm wand. Helfen konnte ich ihm jetzt nicht. Das einzige, was ich machen konnte war, ihm einen aufmunternden Blick zuzuwerfen.

,,Ist es nicht...Thimo ich bin deine Mutter. Was soll daran schwierig sein, sich in jemanden verliebt zu sein?``

,,Ach, Mum, es ist kein Mädchen...``, er schämte sich. Was er nicht sollte. Aber wer kann schon über seinen eigenen Schatten springen. Ich war ja auch nicht viel besser gewesen.

,,Es ist ein Junge...Es ist Svenni! Ich bin schwul!``

Thimos Augen waren feucht geworden.

,,Ich weiß...``, jetzt wußte ich, wo Thimo diese zwei Worte her hatte. Das schien wohl das Familienmotto zu sein.

Thimo, der bisher seinen Blick nach unten gerichtet hatte, schaute sofort hoch, in die Augen seiner Mutter. Ellen lächelte. Und schüttelte den Kopf.

,,Glaubst du wirklich, ich weiß das nicht. Mütter wissen sowas.``

,,Und?``

,,Nix und! Kauf dir Kondomo!``

,,Das ist alles?``

,,Wollt ihr Nachtisch?``

,,Mummi!``

,,Ok, es ist nicht ganz alles mein Sohn. Wenn du umbedingt die Langversion haben willst, sollst du sie bekommen. Erst einmal das Selbstverständliche: Ich liebe dich, ob schwul, bi, hetero oder was auch immer. Ich will, daß du glücklich bist. Svenni ist süß!``, und wurde sofort knallrot, ,,Und damit du das alles richtig einordnen kannst, werd ich euch jetzt was erzählen, was nur sehr wenige Menschen wissen. Vieleicht wird es dich überraschen, aber bevor ich deinen Vater kennengelernte, habe ich ein paar Jahre mit einer Frau zusammengelebt und durchaus auch einige homoerotische Erfahrungen gesammelt, die ich für mein Leben nicht missen möchte. Möchtet ihr jetzt Nachtisch?``

,,Du?``, Thimos Augen sprangen fast aus seinem Schädel. Er war wirklich verblüfft.

,,Ja ich! Ich weiß Kinder können sich das nicht vorstellen, aber Eltern haben auch Sex. Nicht das ich lesbisch oder bi wäre, ich würde mich immer als hetero bezeichnen. Aber mit Susan war es etwas völlig anderes. Es war schön und vor allen Dingen anders. Irgendwie weiblicher.``

,,Tante Susan aus New York?``, Tante Susan war eine von Thimos Nenntanten, also keine echte Verwandte.

,,Genau die!``

,,Uff!``

,,Eine Sache noch. Svenni ich find es toll, daß ihr zusammengefunden habt. Ihr paßt gut zusammen. Aber ihr habt auch ein Problem. Kaum habt ihr euch gefunden, reißen wir euch, ich und deine Eltern, gleich wieder auseinander... Es tut mir Leid, aber ich weiß nicht, wie ich das ändern könnte.``

,,Ja, wissen wir!``, Thimo und ich im Chor.

,,Und was macht ihr?``

,,Nicht drüber nachdenken und es verdrängen.``, ich konnte einfach nur sagen was ich dachte.

,,Wir wissen, daß in drei Wochen Schluß ist. Nein, nicht Schluß. Ich weiß, daß uns dann tausende Kilometer Wasser trennen werden. Ich kann von Svenni nicht erwarten, daß er treu und enthaltsam bleibt. Das ist Unsinn. Dafür liebe ich ihn viel zu sehr. Aber...``, Thimo sprach nicht weiter.

Es gab eine längere Pause in der niemand etwas sagte. Jeder hing seinen eigenen Gedanken nach.

,,Wir kennen uns seit wir drei sind. Thimo kennt mich besser, als ich mich selbst. Ich glaube unsere Beziehung ist anders. Ich weiß nicht genau, wie ich es ausdrücken soll. Wenn Thimo drüben einen Freund findet mit dem er glücklich wird, dann macht mich das auch glücklich. Es würde auch nichts an unserer Beziehung ändern. Ich glaub wir sind über das Stadium purer Verliebtheit schon hinnaus.``

,,Hmmhmm...``, Zustimmung von Thimo.

,,Ich wünsche euch viel Glück. Wirklich!``, Ellen schaute mich und dann Thimo an, ,,Ich glaub sogar, daß das bei euch funktionieren könnte.``

Damit war das Thema Umzug erledigt. Den restlichen Abend mußten wir Ellen alles über uns und wie wir letztendlich zueinander gefunden haben erzählen. Ellen erzählte dann noch ein paar sehr intresannte Geschichten von Susan und ihr. Es wurde ein toller und intressanter Abend. Gegen zwölf schickte uns Ellen dann ins Bett (zusammen), was wir uns natürlich nicht zweimal sagen ließen.

Kleinen überraschungen erhalten die Freundschaft

D-Day. Der Tag der Fete. Ich hatte am Vortag noch Ersatz für die Endladungsröhre des Strobs auftreiben können. Dazu war ich mit Kai nach Lübeck gefahren. Ich klapperte die Elektronikbastelläden ab, während Kai sich um seine Plattensammlung kümmerte. Ich sage nur Vinyl! Kai war DJ und das professionell. Rave in the Fields -- Alien Nation unser Micro Insel-Love-Parade war er einer der Main-Acts, bei der er mitgemacht hatte. Bei einer von N-Joy veranstalteten DJ-Battle hatte er den ersten Preis gemacht. Kai wußte, wie man mit Platten umgeht.

Alles war vorbereitet. Turntables und Technik waren im Glaskasten, dem extra Raum in der Scheune, aufgebaut und getest. Kai hatte eine Profi-PA-Anlage aufgetrieben. Wir würden also Watt statt haben.

Da für den Tag und die kommende Nacht trockenes warmes Sommerwetter mit Tiefsttemperaturen nicht unter 21 Grad vorrausgesagt wurden, verlegten wir die Bar nach draußen. Zwei große Grills und ein Lagerfeuer wurden ebenfalls vorbereitet. Ein leerer Geräteschuppen wurde mit Strohballen ausgekleidet, abgedunkelt und gedämpftes Licht installiert und sollte als Chill-Out-Zone herhalten.

Gegen Mittag war alles fertig.

,,Svenni?``

,,Ja, mein Schatz?``

,,Wollen wir uns wirklich vor rund 50 Leuten outen?``

,,Dumme Idee, oder?``

,,Bist du dir absolut sicher, was du da vor hast?``

,,Nein!``

,,Gut, ich auch nicht. Und?``

,,Wir tun es!``

,,Mehr wollte ich nicht wissen!``

Wir hatten noch Zeit bis zum Start, der für sieben Uhr geplant war und zogen uns nochmal in private Abgeschiedenheit zurück.


T minus 3 Stunden. Die Getränke und eine Kühlanlage, gesponsert von Oma, wurden angeliefert. Wir hatten hauptsächlich Coke und anderen Nonalk-Stuff geordert. Bisher hatten uns die Eltern aller Partyteilnehmer soweit vertraut, daß wir keinen Scheiß machen würden und das ganze ncht in ein wildes Saufgelage ausarten lassen würden. Wir haben sie dann auch niemals entäuscht. Ok, die eine oder andere Bierdose gab es schon, aber nie ist jemand dabei wirklich über die Stränge geschlagen. Hätten wir auch nur einmal versagt, wär das bestimmt die letzte Party gewesen, was niemand von uns riskieren wollte. Dafür waren die Veranstaltungen aber auch immer Off-Limits für alle Erziehungsberechtigten.


T minus 2 Stunden. Wir waren ja keine Kinder mehr. Das jüngste was wir erwarteten war gute 15, die meisten waren 16 oder 17. In diesem Alter sollte man mit den biologischen Funktionen des eigenen Köpers vertraut sein. Alle mit der Planung betrauten Leute waren sich einig, daß es wohl zu Fummeleien kommen würde und das man wohl vorsichtshalber Verhüterlis bereitlegen sollten. Also wurde in unsrer sehr kuschelligen Chill-Out-Zone eine runde Glasschale randvoll mit Kondomen gefüllt. Die Gummis wurden von Sörens Eltern gesponsert. Sörens Vater hatte eine Artzpraxis und seine Mutter führte eine Apotheke. Komentar von Sörens Alten: ,,Sehr vernünftig, daß ihr an sowas denkt. Aber übertreibt es nicht!`` Typsich, immer noch gleich etwas schlechtes Gewissen einreden.

T minus 1,5 Stunden. Thimo rannte wie angestochen hin und her. Mein Kleiner war wohl etwas übernervös. Je ruhiger ich wurde, desto zappeliger wurde mein Liebling.

,,Wieso hast du die Ruhe weg?``

,,Weil alles vorbereitet ist. Sound ok, Licht ok, Holzkohle und Holz ok, Getränke ok, es fehlen nur noch die Gäste. Komm her, laß dich umarmen!``

Etwas Schmusen beruhigte Thimo. Eigentlich konnte es losgehen.

T minus 1 Stunde. Der Rest der Inselgang traf ein.

,,Ihr seid eine Stunde zu früh!``, Thimo mit der Freundlichkeit eines Vorschlaghammers.

,,Nein, sind wir nicht! Wir wollten euch noch sprechen, bevor der ganze Trubel losgeht.``, Kai stand vor den anderen von machte offensichtlich den Anführer.

,,Ok, paßt mal ganz genau auf, ihr beiden.``, und dann begann er eine Schriftrolle zu entrollen und mit grausam übertriebenen Pathos vorzulesen.

,,Wegen der unverzeichlichen Arroganz und Frechheit uns, den Rest der Inselgang Fehmarn in der Ostsee, auf dieser Insel alleine sitzen zu lassen und wegen des nicht minderschweren Verbrechens stehts gute Freunde, Hausaufgabenabschreibhilfen, Chaoten und durchgeknallte Spinner gewesen zu sein, verleihen wir euch hier und heute die lebenslange Ehrenmidgliedschaft in der Gang Fehmarn in der Ostsee. Mein herzliches Beileid, ihr Idioten!``

Sprachs und überreichte uns unter dem Beifall und Gejohle der anderen jeweils eine persönliche Ehrenmidgliedsurkunde.

,,Wir können doch nicht zulassen, daß ihr euch einfach aus den Staub macht.``

Damit war der Startschuß gegeben. Maike, Sören, Kai, Stefan, Maik und Kai traten auf uns zu und packten kleine Abschiedsgeschenke aus. Wir waren baff. Das hätten wir am allerwenigsten erwartet.

,,Mensch Leute, was macht ihr denn da.``, mir schossen Tränen in die Augen. Auch Thimo war sichtlich gerührt.

,,Naja, damit ihr uns nicht ganz vergesst...``, ein verschmitztes Grinsen von Maike.

Die Geschenke waren echt niedlich und auch ein bischen bösartig. Stefan war ein absolutes Fotogenie. Er machte alle Fotos selbst. Mit Chemie, also nix mit Computern. Im Keller des Hauses seiner Eltern hatte er sich eine richtige Dunkelkammer eingerichtet. Seine Fotos und Abzüge waren immer fantastisch. Wir, Thimo und ich, erhielten jeweils drei riesige Bilder. Es waren Fotos vom Surfen und zwar die peinlichsten Momente, die wir je erlebt haben. Ein spekatulärer Sturz von Thimo, bei dem er im hohen Bogen über das Segel flog und sich anschließend vor Schreck in den Anzug schiffte. Dann gab es ein Bild von mir, wie ich mit der Finne meines Bretts ein fremdes Segel aufschlitze. Einem teuren Prototyp. Wenn schon, denn schon.

Von Kai gab es jeweils eine von ihm persönlich selbstgemixte CD. Von Anne gab es Gedichte. Naja, sie ist halt ein Mädchen. Aber eigentlich sind ihre Minigedichte ganz süß.

Den Hammer hatte aber sich mal wieder Maik ausgedacht. Wenn nicht Maik, wer sonst. Allerdings ahnte er nicht, wie sehr er mit seinem Geschenk dabeben gehauen hatte. Maik zog jeweils ein rotes Heft aus seinem Rucksack hervor und überberreichte es mit einem anzüglichen Grinsen und den Worten: ,,Für einsame Stunden!``

Es waren Sammlungen von Tittenbildern. Oh Mann, der Mann muß einfach hormonell gestört sein. So etwas notgeiles wie Maik war mir auch später nie wieder begegnet. Kaum hatte ich die Mappe geöffnet, mußte ich auch schon vor Lachen losprusten. Ich schaute zu Thimo rüber und sah, daß es ihm genauso ging. Thimo wieherte regelrecht los. Maik sah im Gegensatz ziemlich irritiert aus: ,,Ey, ich hab' mir echt Mühe gegeben und die besten und geilsten Schnitten aus meiner Sammlung rausgesucht!``

Thimo fand als ersten wieder Worte: ``Nichts für ungut Maik, ich glaub' dir gern, dass du dir echt Mühe gegeben hast. Die Hefte sehen nach richtig Arbeit aus, aber ich ich glaub wir müssen dir und dem Rest was beichten. Svenni, was meinst du?``

ich war immer noch mit Lachen beschäftigt und konnte nur ,,Mach! Mach!`` japsen.

,,Tja, meine lieben Freunde. Wir hätten es euch später sowieso noch gesagt, aber der Moment ist einfach perfekt. Maik, nicht jeder Junge fährt auf Brüste ab. Ich wills mal auf deine Sprache runterskalieren: Es gibt Jungs, die auf Schwänze stehen!``

Nah, daß hatte bei Maik und den anderen noch nicht ganz Klick gemacht. Uns sahen ein Haufen verwirrter Augenpaar an.

Ich setzte also nach: ,,Mit anderen Worten: Wir sind schwul und zusammen!``

Pause...

,,Ihr zwei seid Arschficker, äh, ich mein Schwanzlutscher, nein, äh schwul!``

Wenn es nicht Maik gewesen wäre der, da sprach, hätte er für diese diskriminierenden Worte sich ein paar eingefangen. Aber ich kannte Maik, er war schon immer etwas vulgärer gestrickt, Mädchen waren für ihn auch nur Mösen.

,,Ich würde es nicht ganz so prollig ausdrücken, aber ja, so im großen und ganzen hast du recht.``

,,Oh Mann, boah, ey, sorry Boys, aber das war nicht so gemeint. Manno Thimo und Svenni sind schwul. Cool!``

Und damit war das Eis gebrochen. Wir hatten uns in unseren Freunden nicht getäuscht. Super, Cool, Wow waren die meistbenutzen Worte. Am meisten verblüfte mich Kai: ,,Wahnsinn, ich hab' nen schwule Freunde! Kraß!`` Ich war mir nicht sicher, was daran so toll war, aber wenn er meint. Kurze Zeit später lagen wir uns alle in den Armen.

Anne faßte die Sache kurz zusammen: ,,Danke Jungs! Das ihr es uns das gesagt habt war verdammt mutig. Ich denk mal, wir sind alle mächtig stolz darauf, daß ihr sonn' Vertrauen in uns setzt. Ihr zwei seid wirklich kraß.``

,,Naja, ich vermute, daß hier ist dann wohl das passendere Geschenk.``

Maike grinste uns blöd an und reichte jeden von uns ein rotes Heft, ziemlich änlich dem Heften, die uns Maik gegeben hatte.

Die Hefte waren voller Bilder süßer Junx.

,,Maike, du wußtest es?``

,,Nich ganz. Ich vermutete es...``, sprachs und schaute Thimo an, der, wie auf Komando, einen knallroten Kopf bekam.

,,Jetzt erzählt aber mal, wie habt ihr zueinander gefunden.``

Die nächste Stunde waren wir dann damit beschäftigt unsere Story zu erzählen. Maik war natürlich hauptsächlich an den derberen Teilen intressiert, sprich am Sex. Der Junge konnte einfach nur mit seinem Schwanz denken: ,,Mir ist es eigentlich egal, ob mir 'ne Frau odern 'n Kerl einen bläst.``

Für den Spruch bekam Maik von seiner Schwester einen Schlag in die Seite.

,,Maik, du bist ein vulgäres, sexistisches Schwein. Aber dafür mögen wir dich ja alle so. Aber da fällt mir ein, wir haben ja auch noch ein paar Kleinigkeiten für euch.``

Thimo und ich, hatten ein paar Abschiedsgeschenke gekauft. Wir hatten nicht damit gerechnet, dass die andern das gleiche vor hatten.

,,Hier Maik! Das ist für dich, damit jeder gleich vor dir gewarnt ist!``

Thimo überreichte ihm ein kleines schwarzes Päckchen, daß sofort aufgerissen wurde. Zum Vorschein kam ein schwarzes T-Shirt. Auf der Vorderseite war ein Aufdruck wie man ihn von CDs kennt: ,,Parental Advisory -- Explicit lyrics!``

,,Ihr Schweine!``, Maik war offensichtlich von seinem Geschenk begeistert (und zog es auch sofort an).

T minus Null

Es war soweit, die ersten Gäste trudelten ein. Ziemlich entspannt und locker ließen wir, Thimo, die anderen und ich, den Abend auf uns zukommen. Es kommt selten vor, aber ich fühlte mich im Einklang mit dem Universum.

Gegen halb acht war die Party im vollem Gange. Es waren nicht fünfzig sondern weit mehr als sechzig Leute gekommen. Wie ich vermutet hatte, waren mir weniger als die Hälfte der Leute bekannt. Weit weniger! Eine ganze Reihe Mädels und Jungs waren Kinder von Feriengästen, wie sich leicht an ihren Dialekten feststellen ließ. Schwäbisch, sächsich, hessisch, berlinerisch -- alles war vertreten, mir war so, als wenn ich sogar niederländisch gehört hätte.

Der Zeitpunkt war gekommen für Thimos kleine Ansprache, schließlich war es ja die Scheune von seiner Oma und er damit der eigentliche Hausherr.

Ein Blick zu Kai und die Musik machte eine akustische Kurve, um sich in einen leisen, sanften Beat als Hintergrundberieselung zu verwandeln. Thimos Mikro war offen.

,,Ähm, hallo erst mal...``

Irritierte Blicke richten sich auf Thimo. Der stand zwischenzeitlich mitten im Lichtkegel eines kleinen Verfolgerscheinwerfers. Mein kleiner als MC.

,,Ok, hab' ich mal kurz eure Aufmerksamkeit?``

Nicken, Murren, fragende Gesichter, aber, ja, die Aufmerksamkeit war da.

,,Also, die Locals kennen je die Regeln. Keinen harten Alk, keine harten Drogen. Bier ist da. Aber knallt euch aber bitte nicht völlig zu.``

Als Antwort gab es ein widerwilliges, doch trotzdem zustimmendes Gemurre von den einheimischen Inselbewohnern und fragende Blicke bei den anderen.

,,Also, das ganze nochmal zu mitschreiben für unsere auswärtigen Gäste. Wie ihr sicherlich bemerkt habt, ist das hier eine erziehungsberechtigtenfreie Zone. Das funktioniert aber nur, weil der Event bei unserem Dorfbullen angemeldet ist und uns unsere werten, aber störenden Eltern halbwegs vertrauen. Was sie, wenn ich das mal so einflechten darf, bisher auch immer konnten. Naja, mehr oder weniger...``

Bei manchen kam es zu einem verlegenes Grinsen und ein paar Köpfe liefen rot an und versuchten in der Menge in Deckung zu gehen.

,,Wer Scheiße baut, wird sofort gegangen. Ich denk mal, wir sind alte genug, daß jeder für sich selbst weiß, was man darf oder was nicht. Also, behave und macht keinen Streß! Ansonsten gilt: Have fun! Futter gibt es draußen, hier legt Kai auf, Chill-Out ist im Schuppen und wenn zwei sich finden, Lümmeltüten gibts da auch, für mit ohne Geld! Macht nichts was ich nicht auch machen würde.``

,,Ja Mama! Mach hinne!``, Maik präsentierte sein loses Mundwerk.

Damit war der von allen erwartete offizielle Teil abgeschlossen. Normalerweise kommt jetzt noch ein ,,Party On`` und Kai legt los. Aber die Musik blieb auf Säusellevel. Ich konnte schon das eine oder andere fragende Gesicht ausmachen, da rief es auch gleich aus dem Publikum: ,,Thimo, nu los! Komm in die Puschen! Was is denn noch...``

Thimo ließ sie zappeln und grinste.

,,Ok, noch eine winzige Kleinigkeit. Wie wohl allgemein bekannt sein dürfte, werde ich und unser lieber Svenni hier -- Svenni, komm doch mal her zu mir -- unser heißgeliebtes Eiland verlassen...``

Ohhh- und Schade-Rufe des Bedauerns aus dem Publikum.

,,Tja sorry. Ihr müßt nun ohne uns erwachsen werden. Ich weiß! ich weiß! Es wird hart werden. Sehr, sehr hart! Und so manch einer wird sich fragen: ,Wie soll ich das bloß schaffen?` Oder: ,Wie können Sie mich in der schwersten Zeit meines Lebens alleine lassen, in meiner Pupertät?`  Und es wird besonders schwer für diejenigen unter euch werden, die ohne uns, ihre Hausaufgaben selbst machen müssen. Doch, so wahr ich hier stehe, so rufe ich euch festen Glaubens zu: ,Ihr werdet es überleben und ihr werdet daran wachsen. Halleluja!` ``

Gejohle und ein weiteres paar rotangelaufene Gesichter. Thimo war mal wieder zur Hochform aufgelaufen. Seine Leihenpredigerimitationen waren berüchtigt.

,,Und damit, meine lieben Brüder und Schwestern, möchte ich schließen. Gehet hin und amüsieret euch! Halleluja...``

Er senkte schon sein Mirkofon, hielt dann aber doch inne, grinste und fuhr fort: ,,Stop! Eine Detailinformation hätte ich doch fast vergessen. Das geht jetzt an alle, die sich Hoffnungen gemacht haben unseren kleinen Svenni hier zu ergattern und heute als Beute abzuschleppen. Liebe Mädels und liebe Junx: der Mann ist vergeben...``, bei diesen Worten zog er mich mit in den Lichtkegel dicht an sich herran. Kurz bevor mich das Licht belendete, konnte ich ein paar traurige Mädchengesichter erkennen. Ich wußte gar nicht, daß ich bei denen so beliebt war.

,,Diese süße Kerl ist nämlich meiner!``

Sprachs und küßte mich. Der Kuß war leidenschaftlich, was soviel hieß, dass sich unsere Zungen aneinander vorbei in den gegenüberliegenden Mund schoben. Wir standen mitten im Lichtkegel. Jeder konnte sehen, wie wir uns umarmten und das wir uns liebten. Ich hingegen bekam von meiner Umgebung nichts mit. Ich hatte die Augen geschlossen und war ganz eins mit Thimo.

Es dauerte dann auch etliche Sekunden bis wir aus unserem Traum erwachten und die Realität um uns wieder wahrnehmbar wurde. Das Publikum gröhlte, jubelte, applaudierte.

,,Party On!``

Kai übernahm die Regie.


Thimo und ich verließen fluchtartig die Scheune und wollten uns erst einmal mit ein paar Grillwürtschen stärken; aber da hatten wir wohl die Wirkung von Thimos Rede unterschätzt. Kaum draußen, wurde ich von einem Mächen, ich glaube Conny aus der Parallelklasse, bestürmt.

,,Duuuu bist schwul? Aber das geht doch gar nicht!``

,,Wieso denn das nicht?``, ich versuchte höflich zu sein.

,,Aber du bist doch sooo süß und sooo niedlich! Du brauchst doch gar nicht schwul sein!``, bei diesen Worten himmelte sie mich mit ihren graugrünen Augen an.

,,Tja, wo sie recht hat hat sie recht...Mit dem niedlich meine ich natürlich!``, Thimo war kurz davor loszuprusten.

,,Äh, Conny! Ich glaub das hat damit nicht viel zu tun wie man aussieht.``

,,Vieleicht hast du nur noch nicht die Richtige gefunden. Was meinst du?``

Es war überdeutlich, wen sie mit der Richtigen meinte. Doch selbst wenn ich hetero gewesen wäre, wäre Conny definitiv keine Option. Ganz im Gegenteil, Conny war ein absolut legitimer Grund schwul zu werden. Gut erzogen wie ich war, blieb diplomatisch und höflich.

,,Conny, daß tut mir jetzt echt leid für dich, aber ich hab' mir das nicht ausgesucht. Ich glaube es ist hoffnungslos, ich steh' auf Junx! Da ist wirklich nix zu machen.``

,,Och, schade! Du bist so süß.`` Dabei schaute sie Thimo böse an, als wenn er ein giftiges Insekt wäre und schwirrte ab. Thimo platzte los vor Lachen.

,,Svenni, du bist sooooo süß.``

,,Danke gleichfalls! Iß deine Wurst, sonst wird sie kalt!``

Jan und das Fegefeuer der Eitelkeiten

,,Camron-Bach bleib stehen!``

Wir waren gerade in Richtung Chill-Out-Schuppen unterwegs, als uns eine harte, eisige, männliche Stimme von hinten anrief. Diese Stimme gehörte zu jener Personengruppe, bei der ich gehofft hatte, sie an diesem Abend nicht höhren zu müssen. Es war die Stimme von Jan.

Ich hielt Jan für ein Arschloch. Arrogant und eingebildet. Jan war 17 und Kapitän der A-Jugend unserer Fußballmanschaft. Er sah, objektiv gesehen, gut aus, war aber nicht mein Typ. Oder besser gesagt, er hätte mir gefallen können, wenn er nicht so ein Arsch gewesen wäre. So war er nur ein absoluter Unsympath. Aber er war das Alphamännchen, der Leitwolf, der anderen Jungs. Die Mädchen rissen sich um ihn und hätten wohl auch alles für ihn getan. Mein Verhältnis zu Jan, konnte man nur als nicht vorhanden bezeichnen. Da meine Abneigung von Ballsportarten jeglicher Art weithin bekannt war, schien mich Jan als niedere Lebensform zu betrachten und ignorierte mich daher weitestgehend.

Bei Thimo sah das Bild völlig anders aus. Jan wußte, daß Thimo um Klassen besser Fußball spielte als er. Wenn im Schulsport Fußball gespielt wurde, konnte man das sofort sehen. Thimo trickste Jan immer aus. Mit absoluter Leichtigkeit und Eleganz nahm er ihm jeden Ball ab.

Zwei Dinge brachten Jan zum kochen: Das jemand besser war als er, und das ein Balltalent wie Thimo dir Frechheit besaß, nicht in einen Fußballverein einzutreten und stattdessen solche Schwachsinnsporten wie Kitesurfen und American Football vorzog. Insbesondere letzteres, da er bei diesem ,,Ami Unsport``, wie Jan es nannte, tatsächlich in einem Verein spielte. Thimo war also das optimale Haßobjekt. Beide begegneten sich daher stets mit ausgewählter Gehäßigkeit. Und bei Gehäßigkeiten konnte mein Kleiner auch ganz gut austeilen. Ein Ritual der beiden war, sich ausschließ mit Nachnamen anzusprechen.

Kaum hatte Thimo Jans Stimme erkannt, ließ er die Schultern hängen. Ich wußte genau was er dachte: ,Nicht der auch noch!`

,,Mayerbrock, was willst du?``

Wir drehten uns um. Ich merkte sofort die Anspannung in Thimos Gesicht. Diese Konfrontation der beiden war lange erwartet worden. Jetzt stand sie unmittelbar bevor. Zuviele Dinge hatten sich zwischen den beiden aufgestaut. Meine Nackenhaare sträubten sich. Ich bekam eine Gänsehaut. Die Luft zwischen den beiden war geladen.

,,Ist es war? Du lutscht seinen Schwanz...``, ein kurzer Seitblick auf mich, mehr war ich nicht wert.

Thimos Hände ballten sich zu Fäusten. Trotz der 22 Grad Celsius wurde es eisig kalt. Zwei Raubtiere kurz vor dem Sprung. Man konnte den Eindruck haben, die Funken in der ionisierten Luft sehen zu können.

,,Und er lutscht meinen! Was dagegen...?``

Gut gekonntert. Jan fixierte Thimos Augen. Jeder Muskel in seinem Körper war angespannt. Wenn nicht ein Wunder geschah, würden die beiden jeden Moment beginnen auf einander einzuschlagen. Ich hatte keine Ahnung wie ich das verhindern sollte.

Endlose Sekunden vergingen. Thimo hielt Jan mit seinen Augen fest und Jan Thimo. Das Funkeln in ihren Pupillen war unheimlich. Es war wir in einem schlechten Western bei denen die beiden Revolverhelden einander gegenüberstanden. Jeder wartete darauf, daß der andere seine Waffe zuerst ziehen würde.

Und dann war das Funkeln in Jans Augen plötzlich weg! Klick. Als wenn jemand einen Schalter umgelegt hat. Jan war weg. Nicht pyhsisch. Er stand schließlich noch vor uns. Aber der Kotzbrocken Jan war weg. Vor uns stand mit einem mal ein süsser, schnuckeliger Jan mit einem frechen Grinsen und fröhlichen Gesichtsausdruck.

,,Nöh, nix dagegen. Ich finds gut!``

,,Wie bitte?``, kam es synchron von Thimo und mir.

,,Naja, glaubt ihr ihr seid die einzigen die Schwänze lutschen? Es ist manchmal gar nicht so leicht, daß Arschloch zu sein...``

,,Du?``

,,Yep! Damit hättet ihr jetzt nicht gerechnet?``

Nee, wirklich nicht. Ich hätte mit allen gerechnet, zum Beispiel dass nächstes Jahr Weihnachten und Ostern auf einen Tag fallen würde oder ich 10 Millionen im Lotto gewinnen würde, ich eine eins in Latein schaffe ( auf meinem letzten Zeugnis stand eine hübsche 5), aber das Jan schwul sein könnte, lag weit ausherhalb meiner Vorstellungskraft.

,,Das ist jetzt keine Verarsche von dir?``

,,Svenni, warum denn? Ist denn das so schwer vorzustellen.``

,,Ja! Eigentlich ist es gar nicht vorstellbar! Was ziehst du hier für 'ne Show ab? Was willst du von uns?``

,,Ok, ich versteh' das du skeptisch bist. Du hast auch allen Grund dazu, aber laßt es mich bitte erklären. Herrgott, Ich-bin-schwul! Das ist die Wahrheit``

Thimo warf mir einen fragenden Blick zu, seine Lippen formten lautlos einen Satz: ,,Was meinst du?``

Ich meinte gar nichts. Ich war genauso ratlos wie Thimo und konnte nur mit den Schultern zucken.

Jan sah uns beide fragend an: ,,Können wir uns setzen?``

,,Ach was soll's? Ok``

Wir hockten uns aufs Gras der Wiese vor dem Schuppen. Das flackernde Licht von Fakeln und Kerzen, die wir zwischen den Scheune, Schuppen und den Essensständen aufgestellt hatten, beleuchtete Jans Gesicht. Ich weiß nicht, ob es der warme Farbton der Kernzenflammen war, aber Jan wirkte wirklich viel netter, freundlicher und gelöst. Das ganze arrogante Gehabe war wie weggewischt. Eigentlich machte er eher einen schüchternen Eindruck. Jan hielt sein Kopf leicht schräg und grinste verlegen als er uns ansah. Mit unsicherer und für ihn ungewöhnlich leiser Stimme legte er dann los.

,,Es stimmt. Wirklich. Ich weiß es seit zwei Jahren. Ihr seid mit die Ersten, die es erfahren sollen. Was ihr da vorhin abgezogen habt...Mann...``

Jan schüttelte seinen Kopf, nahm seine rechte Hand vor den Mund und knabberte an der Stelle zwischen Daumen und Zeigefinger, den Arm dabei auf sein angewinkeltes Knie gestützt. Sein Blick richtete sich hilfesuchend zum dunklen, sternenklaren Himmel. Er sammelte Kraft. Dann schloß er seine Augen, atmete tief ein und richte seinen Blick wieder auf uns. Im Schein der Lichter sahen wir den feuchten Glanz von unterdrückten Tränen in seinen Augen.

,,Das war wirklich heftig. Es hat mich umgehauen. Ihr habt euch vor all diesen Leuten geoutet. Ich war stocksauer. Wieder mal warst du besser als ich und hattest dein Publikum...Und eben, da wollte ich das zwischen uns klären, ein für alle mal!``

Ein schüchterner Blick zu Thimo.

,,Naja, macht keinen Sinn, oder? Da hätte ich mich gleich selbst schlagen können. Leute, es tut mir Leid. Ich war wohl nie so richtig nett zu euch...Und auch nicht fair...``

Blicke zu mir und Thimo. Jan sprach ziemlich konfus, trotzdem kristalliserte sich ein gewissen Sinn herraus. Wir höhrten weiter zu.

,,Thimo, ich muß es erklären. Ich...Also, ich...Ich war in dich verliebt... Scheiße, ich verliebt in einen Jungen. Das ist doch verrückt, krank, annormal...``

Jan sprach nicht nur, sein ganzer Körper sprach. Zweitweise hatte er die Augen geschlossen, zeitweise schaute er ins Leere. Kopf, Hände und Körper bewegten sich und sprachen ihre eigene Sprache. Das war auf keinen Fall eine Show. Jan erzählte und es war echt. Ich konnte es fühlen und ich konnte fühlen was er fühlte.

,,Naja, wenn ich mich in einen Junge verliebte, dann mußte das wohl bedeutete, dass ich schwul war. Ich wollte aber nicht schwul sein. Auf keinen Fall. Schwule sind Weichlinge, Memmen, Warmduscher. Also hasste ich dich! Ich hasste dich dafür, dass du diese Gefühle in mir auslöstest. Ich hasste dich dafür, dass du mir immer und immer wieder zeigtest, dass ich schwul bin.``

Jan machte eine Pause in der er sich beruhigte. Das verlegene Lächeln war wieder da, ein spöttisches, schelmischer Blick lag in seinen Augen.

,,Das war wohl nicht sehr intelligent, oder? Ich war ein verdammter Hohlkopf und wohl auch ein ziemliches Arschloch. Aber das ist vorbei. Thimo, ich möchte mich bei die entschuldigen. Es tut mir leid! Wirklich!``

Thimo wurde rot. Mein kleiner war richtig gerührt. Als er antwortete, klang seine Stimme belegt als wenn er erst einen dicken Kloß runterschlucken musste.

,,Es gibt nichts, für das du dich entschuldigen musst. Jan, ich versteh' dich. Ich hät' mir nur gewünscht, dies hier wäre früher passiert. Das wir uns viel früher ausgesprochen hätten. Und in soweit, es ist ok. Und wenn ich mich dir gegenüber falsch verhalten habe, was ich auch bestimmt habe: Es tut mir ebenfalls Leid. Nebenbei, ich bin froh, dass wir uns nicht geprügelt habe. Ich glaub du bist stärker.``

Man konnte Jans Erleichterung förmlich greifen. Mit Thimo war es ausgestanden. Jan richtete sich als nächstes an mich.

,,Und du Svenni! Tja du warst natürlich der Oberarsch!``

Wieder war da dieses spitzbubenhafte Grinsen, mit dem Jan seine Verlegenheit zu überspielen versuchte.

,,Ich war tierisch eifersüchtig auf dich und deine Freundschaft zu Thimo. Du hattest ihn mir weggenommen.``

Ich konnte nicht mehr und musste loslachen: ,,Oh Mann! Schwule und ihre Beziehungskisten! Jan es ist gut. Mir geht es wie Thimo, ich versteh dich und was du durchgemacht hast. Uns ging das doch nicht anders.``

,,Du bist mir nicht böse?``

,,Tja, laß mich mal überlegen, ich weiß nich' so recht? Ich hab' den Eindruck, mir sitzt jemand ganz anderes gegenüber, als der, den ich zu kennen glaubte. Also dem alten Jan würde ich wohl böse sein und liebend gerne die Fresse polieren, aber dir...Du bist so anders. Weich, nett, auch ganz schnuckelig, aber hauptsächlich scheinst du mir das erstmal, dass ich dich kenne, du selbst zu sein. Wo hast du den Kotzbrocken gelassen?``

Jan wurde rot, soweit man das im Licht der Fakeln sehen konnte.

,,Diesen Kotzbrocken hab' ich gehasst. Genauso gehasst, wie ich es hasste schwul zu sein. Aber er war ein guter Panzer. Eine perfekte Schutzmauer um mein Ego. Alle wollten mit mir zusammen sein. Aber niemand wollte mit mir wirklich befreundet sein. Die hatten alle eher Angst mich nicht als Freund zu haben. Denn was der Leithammel sagt, ist wahr und richtig. Oh Mann, wie mich das ankotzte. Nun, dieser Kotzbrocken ist tot. Es ist von der Fehmarnsundbrücke gestürzt.``

Man merkte deutlich die Verachtung, die Jan seiner früheren Persönlichkeit, seiner Schützhülle um sein wahres, verletzliches ich aufgebaut hatte, entgegenbrachte. Seine Stimme war voll Abscheu. Als er sprach starrte er mit gesengten Blick auf den Boden vor sich. Das letzte, was er sagte, ließ mir eine Gänsehaut über den Rücken laufen.

,,Das perverse daran war: je ätzender ich wurde, je mehr ich das Schwein rausließ, desto mehr Leute fanden mich cool und wollten in meiner Nähe sein. Pah, billige Scherze auf Kosten anderer, war alles was ich tat! Nicht umbedingt ein Mensch den man gern hat.``

Als ich Jan so zuhörte und er mit erstaunlich viel Tiefgang erzählte, wurde mir klar, wie ungerecht wir ihn behandelt hatten. Er war gar nicht der harte Kerl, eher ein sensibler Typ, der Schwierigkeiten hatte den richtigen Weg zu seinem Coming-Out zu finden. Was er durchgemacht hatte, war uns, Thimo und mir, nicht ganz unbekannt. So dachten wir und irrten.

,,Und, wie hast du dann die Kurve gekriegt?``

,,Oh das...Das passierte vor knapp 'nem Monat, unmittelbar nach Ferienanfang. Mein Schutzpanzer war zwischenzeitlich undurchdringlich. Niemand kam mehr an mich ran. Ich ließ aber auch niemanden mehr an mich ran. Die Typen mit denen ich sonst rumhing, zogen sich zurück. Ich stritt mich mit jedem. Elter, Freunde, Lehrer. Unser Trainer vom Fußball wollte mich rausschmeißen und niemand in der Mannschaft sagte auch nur ein Wort. Die Kacke war verdammt am kochen.``

Jan wurde plötzlich ganz Stille. Tränen sickerten aus seinen Augen.

,,Ich wollte Schluß machen...``

Ich war sprachlos. Das hätte ich nie vermutet. Mir stockte der Atmen und kalter Schweiß brach auf meiner Stirn aus. Wenn er meinte, was er gerade sagte, dann hatten wir, Thimo und ich, wirklich keine Ahnung, was in Jan vorgegangen war.

,,Dann rettete mich Felix...``

Ein Engel namens Felix

Bei diesem Namen kam Jans Fröhlichkeit zurück. Er wischte sich seine Tränen weg.

,,Wer ist Felix?``

,,Dreht euch um!``

Hinter uns, in diskreten Abstand, stand ein Junge, so um die 17 Jahre alt, mit blond-gefärbter Igelfrisur, wachen, fröhlichen Augen und einem unverschämt süßen Grinsen.

,,Felix, komm bitte her. Ich will dir Thimo und Sven vorstellen.``

Felix kam und setzte sich zu uns, dass heißt er kuschelte sich an Jan.

,,Dieser freche Kerl hat mein Leben gerettet.``

,,Hallo, ihr zwei. Eure Show vorhin war wirklich cool!``

,,Hallo Felix! Und danke.``

Jan erzählte, was passiert war. Er hatte sich fest vorgenommen seinem Leben ein Ende zu setzen. Ein schrecklicher Gedanke. Eine Option, die sich für mich nie gestellt hatte. Ich empfinde Selbstmord als absurd. Eine feige Kapitulation. Aber so, wie Jan sein Leben beschrieb, konnte ich seine Bewehgründe immerhin nachvollziehen.

Sein Plan war, sich von der Fehmarnsundbrücke zu stürzen. Nicht sehr originell, aber äußerst effektiv. Er war mit seinem Fahrrad bis zur Brückenmitte gefahren. Sein Fahrrad hatte er ans Geländer gelehnt. Es war schon später Abend. Die vorbeifahrenden Autos auf der Bundesstraße würden ihn in der Dunkelheit kaum bemerken. So spät würden auch keine Fußgänger oder Fahrradfahrer die Brücke überqueren. Jan erzählte, daß er schon dabei war, über das Geländer zu klettern, als ihn eine Stimme, wie aus dem Nichts kommend, ansprach.

,,Hast du mal Feuer?``

So blöd der Spruch auch war, er brachte Jan aus dem Konzept. Völlig verdaddert brachte er nur ein ``äh, Moment.`` über die Lippen und begann seine Taschen, nach seinem Zippo zu durchsuchen.

Es war Felix' Stmme. Er hatte genau das beabsichtigt: Jan aus dem Konzept bringen, seine Gedanken in andere Bahnen lenken. Jan gab Felix Feuer.

,,Danke! Aber ich glaube, ich hab' dich von was Wichtigem abgehalten.``

,,Was?``, Jan war völlig verunsichert.

,,Du wolltest doch gerade runterspringen. Nur zu! laß dich von mir nicht aufhalten. Ist aber eigentlich schade.``

,,Wer bist du? Was willst du? Was machst du hier?``

,,Felix. Nichts, da ich ja gerade Feuer bekommen habe. Rauchen. Noch andere Fragen...Ziemlich hoch die Brücke.``, Felix schaute vom Geländer runter, ,,Willst du wirklich da runter springen? Du hast echt Mut. Wenn du Glück hast, bist du sofort tot. Wenn du Pech hast und den Sturz überlebst, wirst du dafür ertrinken, da du dir soviele Knochen brechen wirst, dass du unmöglich schwimmen kannst. Schade, was für eine Verschwendung.``

,,Wie meinst du das? Ich versteh nicht? Woher weißt du, was ich hier machen will?``

,,Ok, ich finde es Schade, dass du deinen Mut an so einen Scheiß wie Selbstmord verschenken willst. Aber du hast Mut, wenn du sowas tun willst. Ich hab schon weiche Knie, nur weil ich auf der Brücke stehe. Höhenangst, du verstehst? Dich versteh ich jedenfalls nicht. Wenn du wirklich so mutig bist, warum stellst du dich nicht deinem Problem?``

Jan starrte Felix an, sagte aber kein Wort.

,,Und nu? Ich hab' nicht den ganzen Abend Zeit. Willst du jetzt springen oder reden?``

,,Bist du ein Seelenklempnter oder was?``

,,Klar! Mit 17 Seelenklemptner und mein Medizinstudium hab' ich im Kindergarten gemacht? Nix da! Ich bin ein ganz normaler Junge wie du, nur daß ich das, was du da gerade machen willst schon hinter mir habe.``

,,Du wolltest dich umbringen?``

,,Yep!``

,,Warum?``

,,Ich vermute aus den gleichen Gründen wie du...``

,,Was weißt du von meinen Gründen? Du kennst mich doch gar nicht!``

,,Ich hab' aber Augen im Kopf. Und ich seh' wenn jemand leidet. Und du leidest.``

Jan sackte langsam in sich zusammen. Er hatte sich mit dem Rücken ans Geländer gelehnt, den Kopf zwischen den Knien und die Arme schützend über dem Kopf verschränkt. Felix hörte ihn leise weinen. Er senkte seine Stimme, nahm jede Agressivität aus ihr herraus und ging zu Jan in die Hocke: ,,Ich bin auch schwul.``

,,Ich bin nicht schwul!``, rückartig richtete Jan seine verweinten Augen auf Felix und starrte ihn an.

Die Blicke der beiden Jungen trafen sich und hielten sich aneinander fest, als Felix antwortete: ,,Doch, das bist du. Deswegen bist du hier. Du hast jetzt zwei Möglichkeiten. Entweder du akzeptierst das und läßt dir helfen, oder...naja, da ist das Geländer.``

Mit gesengten Blick und leiser Stimme fügte er hinzu: ,,Ich möchte nicht das du es tutst. Es gibt einen Menschen der dich vermissen würde.``


Ich war sprachlos. Jans Schilderung war heftig und hatte mich aufgwühlt. Mein Magen hatte sich zusammengezogen. Außer Jan hatte niemand gesprochen. An manchen Stellen nickte Felix zustimmend. Gelegentlich mußte er schmunzeln, obwohl die Geschicht alles andere, als zum Schmunzeln war. Wir saßen ein paar Minuten still da.

Es war Jan, der das Schweigen schließlich brach: ,,Felix, erzähl doch mal deine Seite der Geschichte.``

Felix war noch nicht lange auf der Insel. Er war auch kein Gast, sondern mit seinen Eltern zum Ferienanfang von Bremen nach Fehmarn gezogen. Beim Erkunden der neuen Heimat war ihm dann irgenwann zufällig Jan über den Weg gelaufen. Felix war gerade dabei sich beim Handballverein anzumelden, als der einen Streit des Fußballtrainers mit einem seiner Spieler miterlebte. Der Trainer war gerade dabei diesen Spieler aus der Mannschaft zu werfen. Es war Jan.

Die Art und Weise wie Jan auf den Rausschmiß reagierte, wie er, ohne sich zu verteidigen, es einfach passieren ließ, völlig ohne Emotionen, ließ Felix erschaudern. Die Szene erweckte verdrängte Erinnerungen in ihm. Dunkle Erinnerungen voller Schmerz. Zufällig kreuzten sich die Blicke von Felix und Jan. Nur kurz. Aber dieser kurze Blick genügte, um Felix Ahnungen zur Gewissheit werden zu lassen. Es war ein Blick in seine eigene Vergangenheit.

Felix Selbstmordversuch lag zwei Jahre zurück. Er war damals 15. Mit 14 war ihm klar das er schwul war. Das war für ihn aber kein Problem, er wußte nicht mal, was schwul überhaupt bedeutet. Es war nur ein Schimpfwort. Nichts, was irgendeine Bedeutung besaß. Nur ein Wort. Ein Wort, daß für alles und jedes benutzt wurde, was man ablehnte. Was es wirklicb bedeutet wußte Felix nicht. Felix Problem bestand in ein falscher Freund. Als er seinen vermeitlich besten Schulfreund anvertraute, daß er Jungs viel schöner und netter fand als Mädchen, wurde ihm die wirkliche Bedeutung des Wortes ,,schwul`` schmerzhaft klargemacht: ,,Ihh. Du bist schwul. Das ist pervers. Verpiss dich!``

Das war der Anfang. Sein bester Freund wurde von einer zur anderen Sekunde sein ehemals bester Freund. Eigentlich wurde er das genaue Gegenteil von einem besten Freund. Er wurde sein erbitterster Feind, als wenn er damit erreichen könnte, sich vor einem ekelhaften Geruch reinzuwaschen. Zuerst suchte er nur möglichst viel Abstand. Aber mit der Zeit reichte ihm das nicht mehr. Er begann über Felix Andeutungen und zweideutige Bemerkungen zu machen. Das Mobbing begann. In Felix alter Klasse wurde abweichendes Gruppenverhalten schon immer bestraft. Innerhalb von vier Wochen war Felix ein Ausgestoßener, ein Unberührbarer.

,,Mit 15 wünscht man siche eigentlich etwas anderes. Was mich am meisten getroffen hat war, daß ich mir keiner Schuld bewußt war. Ich verstand nicht, warum mich auf einmal jeder haßte. Naja, irgendwann hatten sie es mir dann sehr deutlich mitgeteilt...``

Bei dieser Erinnerung zuckte Felix schmerzhaft zusammen. Felix fuhr mit seiner Erzählung fort. Nachdem er aus dem Klassenverband völlig ausgegrenzt war und auch nicht wußte, an wen er sich wenden sollte, stürtzte er in ein Loch von Einsamkeit und Selbstmitleid. Und fand keinen Ausweg...

Wie bei so vielen Selbstmordversuchen mit Tabletten, war die Dosis viel zu schwach, um tödlich zu sein, wäre aber stark genug gewesen, um bleibende Schäden zu hinterlassen. Glücklicherweise kotzte Felix die meisten Pillen gleich wieder aus und wurde von seinen Eltern schnell gefunden. Der Psychiater der Klinik war ein Idiot und hätte fast einen weiteren Selbstmordversuch ausgelöst. In der Zwischenzeit hatten Felix Eltern einen Abschiedsbrief gefunden. Erst mit diesem Brief ging ihnen ein Licht auf.

Danach ging alles ganz schnell. Im Gegensatz zu Felix schlimmsten Befürchtungen, wurde er von seinen Eltern nicht verstoßen, obwohl ihm seine lieben Klassenkamaraden sowas vohergesagt hatten. Ganz im Gegenteil. Felix Eltern handelten liebevoll. Felix landete in einer super Therapiegruppe. Eine junge, aufgeschlossene und intelligente Psychologin baute Felix erst einmal Stück für Stück wieder zusammen und sorgte dafür, dass er lernte sich zu akzeptieren. Zu guter Letzt drückte sie Felix die Adresse einer schwulen Jugengruppe in die Hand. Der erste Schritt über deren Türschwelle war der schwerste in Felix Leben.

,,Es war aber auch der wichtigste Schritt.``

Bei Felix Erzählung wurde mir recht mulmig. Ich hätte nicht gedacht, daß ein Coming Out auch dermaßen nach Hinten losgehen konnte. Andererseits freute ich mich für Felix, dass er doch noch die Kurve gekriegt hatte. Er schien mir ein wirklich liebenswerter Junge zu sein. Genau der Richtige für Jan.

,,Soweit meine eigene Geschichte. Ihr versteht jetzt, warum ich sofort wußte, was mit Jan los war. Diesen Gesichtsausdruck, diese traurigen leeren Augen, die mit der Welt abgeschlossen hatten, kannte ich von meinem eigenem Spiegelbild. Ich mußte einfach was tun.``

Felix erzählte weiter.

,,Irgendwie fühlte ich auch, warum Jan so traurig war. Nee, keine Angst, Ich seh' das normalerweise niemanden an, ob er schwul ist. Aber bei Jan war das anders. Ich hab' ihm vieleicht 5 Sekunden in die Augen gesehen. Da wußte ich es. Fragt mich nicht wieso. War einfach so.``

Die nächste Frage die sich Felix stellte war. Was nu? Er entschied sich erstmal Jan unauffällig zu folgen. Natürlich nur soweit, wie das vernünftig möglich war. Die nächsten zwei Tage lag Jan tagsüber unter permanenter Überwachung.

,,Jan bemerkte mich nicht. Hätte er aber müssen. Unauffälliges Beschatten ist was anderes. Ich dackelte einfach nur überall hin, wo er auch hin lief. Das war immerhin nicht kompliziert. Jan saß die meiste Zeit am Strand und bließ Trübsaal. Am dritten Tag war alles anders. Der traurige Gesichtsausdruck der vergangenen Tage war einem kalten, entschlossenen Ausdruck gewichen. Da läuteten bei mir alle Alarmglocken. Wenn er es tun wollte, dann jetzt. Ich ließ ihn keine Sekunde mehr aus den Augen. Am Abend war es dann soweit. Jan fuhr mit seinem Fahrrad auf die Brücke und ich folgte ihm. Als ich ihm am Geländer stehen sah, war die Sache klar.

Ich fang jetzt noch an zu zittern, wenn ich daran denke. Als Jan vorhin erzählte was ich tat, hat er nicht erzählt was ich fühlte. Ich hatte die Hosen gestrichen voll! Scheiße! Wie hält man jemanden von sowas ab. Einfach zu brüllen ,Tu es nicht!` ist doch Mist, daß funktioniert nicht. Ich mußte ihn ablenken. Seine Gedanken auf etwas völlig anderes richten. Da fiel mir nur ,Hast du mal Feuer ein!` . Ich bin nicht so tough wie das vorhin klang. Aber als ich Jan auf der Brücke stehen sah...Erst da merkte ich, dass ich mich in Jan verliebt hatte.``


,,Felix war das beste was mir passieren konnte. Wer will sich wirklich selbst umbringen? Eigentlich hatte ich genau das gesucht. Jemanden, der schreit ,Stop!` . Jemanden der mir einen Grund gab weiterzuleben. Wir saßen bis zwei Uhr Nachts auf der Brücke. Felix erzählte seine Geschichte. Auf eine merkwürdig verdrehte Art hielt er mir einen Spiegel vor. Ich hätte gut einer seiner alten Peiniger sein können, so wie ich Thimo verachtet hatte. Aber das ist Geschichte. Mein Schutzengel hat mich gerettet.``

Mit diesen Worten küßte Jan Felix. Ein Happy End was will man mehr.


Wir klönten noch eine Weile mit den zwei und schlenderten dann wieder zurück auf die Fete. Im Chill-Out-Schuppen war das allgemeine Fummeln ausgebrochen, d.h. diverse Päarchen waren intensiv mit sich selbst beschäftigt. In der Scheune heizte Kai den Tanzvolk mächtig ein. Der Grill war weitestgehend leergefressen, dafür war die Getränkelage noch völlig im grünen Bereich. Zufrieden sah ich Thimo an, der prompt nickte.

,,Läuft gut, oder?``

,,Yo!``

,,Tanzen?``

,,Mit dir?``

,,Hmmm...``

,,Klar!``

We will see again....

Die letzten Gäste verschwanden gegen halb fünf. Das Licht des Morgens tauchte alles in ein völlig eigenes Licht. Thimo und ich lagen aneiandergekuschelt in einem Strohhaufen. Die Musik war aus. Es war fast windstill. Alles war ruhig und friedlich. Glücklich und zufrieden schliefen wir ein.

Gegen Mittag wachten wir wieder auf. Ein unbekannter fürsorglich denkender Mensch hatte einen großen Sonnenschirm aufgestellt, so dass wir die ganze Zeit im Schatten lagen. Andernfalls wären wir völlig verbrannt worden. Dieser Augusttag sollte einer der heißten des Jahres werden. Um zwölf zeigte das Thermometer bereits 31 Grad.

Der erste Weg führte mich unter die Dusche. Kaffee und Frühstück gabs bei Oma. Dort trudelten auch bald Thimo, Kai, Maik und Maike und der ganze Rest der Gang ein. Für die Aufräumarbeiten sollte man gut gestärkt sein.

,,Und wie fandet ihr's?``, ich musste doch wissen, wie unsere Party angekommen war.

,,Suhpah! Mit Abstand der coolste Event der letzten Zeit.``

,,Haben wir irgendwas nicht mitbekommen? Waren alle brav?``

Das war eine Frage an Maik der informell als der Beauftragte für Securityfragen galt. Bei seinen körperlichen Attributen gab es wenige, die ihm wagten zu wiedersprechen. Kraftsportler mit 196cm Köperhöhe.

,,Das übliche. Drei Kids hab' ich vom Hof geschmißen, die versucht haben E's zu verkaufen...``

,,Da hatten wir auch schon mal mehr...Noch was.``

,,Wenn man mal von reihenweise gebrochenen Mädchenherzen habsieht, die ihr zwei mit eurer Show verursacht habt, nichts weiter. Naja, bis auf...``

,,Ja, ich höhre...``

,,Da war'n par Typen. Keine von hier. Also Gäste, ich glaub Berliner. Die fingen an zu stänkern. So ,Scheiß Schwulenparty` und ,Paß auf, dass du dich nicht bückst.` Die hab' ich auch rausgeworfen.``

,,Naja, ich hab' mit sowas gerechnet. Irgendwelche Schäden? Technik? Getränke? Lebensmittel?``

,,Ein par kaputte Glühbrinen. Sonst nichts.``

,,Es wurde alles aufgefressen. Bei den Getränken haben wir noch knapp 5 Prozent übrig.``

,,Und zufrieden?``

,,Ja...War nett.``

Damit war das Frühstück beendet und der Abbau der Fete begann. Zum Abend waren wir mit allen und wir selbst völlig fertig. Die Wettervorhersage hatte recht behalten. Der Tag wurde mit 34 Grad tierisch heiß. Kais Vorschlag baden zu gehen wurde daher einstimmig angenommen. Wir packten Holzkohle, ein par Getränke und Grillfleisch zumsammen und machten uns auf den Weg. Wir kannten einen kleinen, abgelegenen Spot, der nicht so sehr von Touris überlaufen war. Weniger gut geeignet für's Surfen, dafür aber umso besser für's Baden. Kurz bevor wir ankamen, fiel mir mein neues Handy ein, daß ich auch prompt für ein konspiratives Gespräch nutzte.

Von Hitze, Party und Aufräumarbeiten erschöpft war die kühle Ostsee eine Wohltat. Kai und Maike kümmerten sich um den Grill. Es gab am Spot eine Lagerfeurerstelle, die auch zum Grillen geeignet war.

Wir saßen am alle am Strand. Die Würstchen bruzelten auf dem Rost. Wir hingen gemütlich ab. Die Stimmung war schön, aber melancholisch. Es war der Sontag vor der letzten Ferienwoche und Thimo und ich würden in drei Tagen wegziehen. Jeder für sich hing seinen Gedanken nach. Es wurde wenig gesprochen.

,,Was will der Kotzbrocken denn hier?``, Maik war mal wieder sehr direkt.

,,Dieser Kotzbrocken kommt auf meinen ausdrücklichen Wunsch. Hallo Jan! Hallo Felix! Schön das ihr da seid.``

,,Auf deinen Wunsch? Ihr könnt euch doch nicht ausstehen. Von Thimo will ich gar nicht erst anfangen.``

,,Das, lieber Maik, war ein mal!``

,,Häh?``

Damit war es an mir, Maik (und die anderen) über die akuelle Entwicklung aufzuklären. Also erzählte ich, dass Jan, nach zähen ringen mit sich selbst und mit Hilfe von Felix, schwul war und das die beiden zusammen sind. Die genauen Details ließ ich aus. Alles, was ich erzählte, war mit Jan telefonisch abgestimmt. Als ich Jan anrief, hatte ich die Idee, daß Felix und Jan für unsere Inselgang einen guten Ersatz für uns abgeben würden.

Die anderen waren zuerst noch etwas zurückhaltend, aber im Verlauf des Abend lockerte sich die Athmosphäre auf. Jan und Felix gehörten ab sofort mit zur Familie. Bei einem Quatschkopf wie Felix konnte das noch lustig werden.

,,Wenn jetzt jeder schwul wird, sagt mir bitte bescheid, wenn mir das auch passiert.``

,,Maik, ich will dich nicht diskriminieren. Aber ich halte das für ausgeschlossen. Hundertpro!``


Die letzten Tage vergingen wie im Flug. Je dichter der Tag des Abschieds kam, desto finsterer wurde meine Laune. Thimo erging es nicht anders.

Und dann war es schließlich so weit. Wir standen auf dem Fährbahnhof Puttgarden. Der Eurocity Kopenhagen-Hamburg kam aus der Fähre von Rodby gerollt. Möbel, Kleidung, eigentlich alles was Thimo und seine Mutter nicht auf der Haut trugen oder unterwegs beötigten wurde, war schon nach Portland unterwegs. Außer mir waren auch meine Eltern gekommen, um sich zu verabschieden.

Ich stand mit Thimo etwas Abseits.

,,Scheiße! Ich hatte mir fest vorgenommen nicht die weinerliche Tunte zu geben. Aber ich werds wohl nicht durchhalten...``

,,Sehen wir uns bald wieder?``

,,Ich weiß nicht. Mal sehen, vieleicht bekomm ich das Geld für einen Flug zusammen. So über Sylvester in den Weihnachtsferien. Aber das ist noch ein halbes Jahr hin...``

,,Oh man, Svenni. Schau mich nicht so traurig an! Ich heul' sonst auch gleich los...``

Ich will ehrlich sein und nichts verschweigen. Wir vielen uns in die Arme und heulten wie zwei Schloßhunde. Ich hasse Abschiede.

Gute Freunde erkennt man, wenn sie für einen da sind, wenn man sie braucht. Thimo und ich hingen noch wie zwei Kletten aneinander, als wir mit einem mal von Kai, Maike, Felix, Mai, Jan, Sören, Stefan und Anne umarmt wurden.

Gruppengroßmaul Maik: ,,Jungs! Kopfhoch! So schlimm ist das doch nicht...Oh, Scheiße jetzt fang ich auch noch an...``

Wunder über Wunder Maik zeigte Nerven und feuchte Augen.

Der Rest lief ab wie in einem schlechten Film oder Kitschroman. Wir verabschiedeten uns. Thimo stieg in den Zug, um Sekunden später hinter dem Fenster seines Abteils aufzutauchen. Wir drückten beide unsere Handflächen an das Zugfenster und schauten uns -- ein letztes mal für lange Zeit -- in die Augen. Der Bahnhofsvorsteher pfiff in seine Pfeife. Die Türen schloßen sich. Der Zug fuhr ab. Mit ihm verließ mich ein Teil von mir selbst.

Ich war allein.