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Kleriker, Kinder, Gewalt und mein Kindergarten

Im Jahre 1988 erschien das Buch Kleriker: Psychogramm eines Ideals von Eugen Drewermann. Ein zwar extrem interessantes, aber auch quälend zu lesendes Werk. Ich gebe zu, ex nicht vollständig durchgearbeitet zu haben, doch weit genug, um bei den momentan hochkochenden Misbrauchsskandalen hellhörig zu werden. Wir schreiben heute das Jahr 2010, seit 1988 sind 22 Jahre vergangen und doch erscheint mir das Buch aktueller denn je. Das ihm bereits 1991 die katholische Lehr- und im Januar 1992 die Predigtbefugnis entzogen wurde, wunderte mich schon damals nicht (auch wenn angeblich aus anderen Gründen). Viel spannender und im Rückblick schockierender empfinde ich, dass Drewermann schon damals das, womit wir uns heute auseinander setzen müssen, mehr oder weniger prognostiziert hat. In einem Beitrag von n-tv bestätigt er seine damalige Meinung und wird darin auch von anderen Unterstützt. Das Hauptproblem der katholische Kirche und Ursache der Katastrophe, sei ihre »leib-, lust- und frauenfeindlichen Sexualmoral«. Wer könnte dem ernsthaft widersprechen?

Allerdings bin ich der Meinung, dass da noch mehr Ursachen gibt. Wir dürfen nicht vergessen, dass die Fälle von Kindesmissbrauch und -misshandlung bis zu dreißig Jahre zurück liegen. Als ich über das Thema nachdachte, ist mir etwas aus meiner Kindheit eingefallen, was mir zu denken gab - Womit ich nicht das geänderte Design der Fußwegschilder meine, obwohl das alte mit dem Mann mit Hut aus heutiger Sicht, einem verdächtig vorkommt (So richtig freiwillig, scheint das kleine Mädchen nicht mitgehen zu wollen).

Ich bin in Lübeck erst in einen Kindergarten und mit Einschulung in einen Kinderhort gegangen. Vom Kindergarten ist mir nicht mehr viel in Erinnerung geblieben: Die frische Milch, die es zum Frühstück gab und im Winter auch schon mal Eisstücke enthielt, dass wir von 1:00 bis 3:00 immer schlafen mussten, obwohl wir nicht müde waren oder das ekelhaft Essen.

Anders im Kinderhort. Ich wurde 1971 eingeschult, zwei Jahre nach dem die erste sozial-liberale Regierung unter Willy Brandt mit dem Slogan »Mehr Demokratie« den Mehltau der der Adenauer- und Erhardzeit hinweg zu fegen. Mit dem Ruf »Unter den Talaren, Muff von 1000 Jahren« hatten die Studenten Altnazis und elitäre Strukturen in Wissenschaft und Forschung an den Unis begonnen, aufzumischen. 1971, das war die Zeit der 68er, auch wenn ich wissentlich davon nichts mitbekommen habe.

Unwissentlich aber schon, denn in unserem Kinderhort konnte man im Rückblick die Umbrüche in der westdeutschen Gesellschaft tatsächlich beobachten. Die Einrichtung bestand nämlich nicht nur aus dem Hort, sondern auch aus einem Kindergarten. Während letzterer ein Altbau war, zählte ich zu den ersten Kindern, die in den niegelnagelneuen Hort einziehen durften und natürlich hatten wir auch zwei junge, motivierte Betreuerinnen, die ihre Berufsleben bei uns starteten. Geleitet wurden beides durch eine Kindergärtnerin vom alten Schlage. Kontrastreicher kann ein Unterschied kaum ausfallen. Während unsere Betreuerinnen mit uns sangen und spielten, eine hatte sogar eine Gittarre, und sehr herzlich waren, war die Leiterin ein Drachen, unnahbar und kalt. Zum Glück hatten wir Hortkinder zur Leiterin wenig Kontakt. Später, als ich älter war, erzählte mir meine Mutter, dass die Frau nicht nur die Kinder wenig mochte, sondern auch die Betreuerinnen tyrannisierte.

Bei uns prallten zwei Welten aufeinander: auf der einen Seite die autoritäre Betreuerin, die wahrscheinlich schon bei Adolf eine Karriere als BDM-Mädel gemacht hatte, und auf der anderen unsere jungen Betreuerinnen, die eher unter dem Eindruck der 68er und der antiautoritären Erziehung standen. Das der Leiterin auch schon mal die Hand ausrutschte, dürfte niemanden überraschen. »Eine Ohrfeige hat noch nie jemanden geschadet.« war ihr Motto.

Warum ich den Laden mehr oder weniger hasste, war das Essen - der gleiche Fraß wie im Kindergarten - Lübecker Stadtküche, der gleiche Dreck, der auch in den Knästen gereicht wurde. Fleisch bestand zu 80% aus Knorpel und Sehnen, Gemüse war zu Brei verkocht und schmeckte ekelhaft. Essen im Kindergarten und -hort war Aversionstherapie. Aßen wir nicht auf, gab es negatives Feedback, wir lernten die Hand der Leiterin kennen: »Es wird aufgegessen!« Ich nenne es eher runtergewürgt. Was so lange gut ging, bis ich eines Tages widerliche Sülze quer durch den Laden kotzte. Das Zeug wollte einfach nicht drin bleiben.

Natürlich sind diese Erlebnisse nicht mit den Missbrauchsfällen vergleichbar, was auch gar nicht in meiner Absicht lag. Worauf ich hinweisen will, ist die andere Kultur, die damals herrschte. Kinder galten als brav, wenn man sie nicht sah und hörte. Erziehung mit Prügel war zwar nicht mehr die Regel aber auch nicht selten. Die westdeutsche Gesellschaft war vor 1970 eine autoritäre und obrigkeitsgläubige. Die Eliten in Politik und Wirtschaft waren zumeist Männer, die den 2. Weltkrieg aktiv miterlebt hatten und in vielen Fällen Altnazis. Die Zeit um 1970 markiert primär einen Generationswechsel und in Folge dessen, auch ein Wechsel im Denken.

Und genau diesen Wechsel hat die katholische Kirche nie vollzogen, weil sie in sich nach wie vor autoritär und auf absoluten Gehorsam strukturiert ist. Die Enthüllungen haben mich von daher nicht wirklich überrascht. Was mich viel mehr wundert, ist, warum es so lange gebraucht hat, um das Schweigen zu brechen.