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Kopfgeister - Band 6

Kopfgeister
Band VI -- Auf der Kippe

NERO IMPALA


Inhalt


Wiedersehen mit Tim


Bisher assoziierte ich mit Bahnhöfen nur trübe Gefühle. Das lag hauptsächlich daran, dass ich in den meisten Fällen, in denen ich mich auf einem Fernbahnbahnhof befand (Sowas wie S- und U-Bahn zähl' ich jetzt mal nicht mit. Das sind ja gar keine richtigen Bahnhöfe.), ich mich von geliebten Menschen verabschieden musste.

Heut war es ganz anders. Ich absolvierte innerlich Luftsprünge. Timmy kam heute am Bahnhof Zoo an. Das ich weit vor der Ankunftszeit schon auf dem Bahnsteig stand störte mich nicht. Das die Anzeigetafel erst 15, dann 30 Minuten und schließlich eine unbestimmte Verspätung anzeigte, nervte mich dann schon.

,,Der ICE 712 Carolin Reiber aus München hält wegen einer Signalstörung unplanmäßig nicht in Bahnhof Zoo sondern im Mutantenstadel...``

Ich zuckte zusammen. Fortgeschrittene Demenz oder nur ein Tagtraum? Nur ein Tagtraum. Ich saß auf einem der sehr schön designeten, aber völlig unbequemen Stahlrohrsitzen und träumte vor mich hin.

Die Geschichte mit Sven, sein Geständnis uns an die Arschlöcher in unserer Klasse verraten zu haben, lag jetzt zwei Tage zurück. Diese zwei Tage boten mir genug Zeit alle möglichen und unmöglichen Reaktionen auf Svens offenbarung durchzuspielen: Wut, Verachtung, Mitleid, blanker Haß, Unverständnis, Schuld, Zahnschmerzen, Verleugnung. Doch, ja, ich probierte alles durch, doch nichts wollte so richtig passen. Svens Motive waren für mich genau so rätselhaft, wie das mysteriöse Verschwinden einzelnen Socken aus meinem Schrank.

Wobei das mit den textilen Fußwärmen nicht so schlimm war. Muttern sorgt schließlich für Nachschub. Die Sache mit Sven war einfach nur frustrierend, da ich ihn, trotz allem, immer noch mochte.

Vor lauter Grübeln und Träumen hatte ich fast noch das Einlaufen des Zuges verschlafen, doch die spontan einsetzende Hektik auf dem Bahnsteig brachten mich wieder zurück in die Realiät.

Hatte ich erwähnt, dass es saukalt war? Nein. Es war saukalt. Es war Mitte Oktober und ein druchgeknallter Wettergott fand die Idee ganz neckisch, dem nordöstlichen Teil Deutschlands einen kleinen Vorgeschmack auf den Winter zu spendieren. Ich konnte auf solche Spenden gut verzichten.

Der weiße ICE mit seinem rote Rallystreifen flutschte in den Bahnhof, bremste elegant ab und öffnete seine Türen. Der Zug ejakulierte. Anders konnte man das einfach nicht ausdrücken, denn es kamen Massen von Menschen aus den Türen gequollen.

Ich sah mich um. Ich ließ meinen Kopf in und her rotieren und erspähnte schließlich Timmy zwei Wagenlängen entfent in der wogenden Menge mit seinen Händen fuchteln. Er hatte mich zuerst entdeckt. Dafür war ich im Gegensatz zu ihm nicht mit Gepäck beladen und konnte ohne Handicap auf ihn zustürzen.

Wow, hab' ich meinen Schatz vermißt. Sowas merkt man erst so richtig, wenn man ihn wieder in den Arm nehmen kann. Was ich natürlich auch sofort tat. Ein Rentnergeschwader sah uns zwar etwas scheel an, aber das störte mich nicht. Demonstrativ begannen wir mit ein einer leidensaftlichen Küsserei und lösten damit einen handfesten Streit bei einem älteren Ehepaar aus. Sie wendete sich angewiedert ab und kommentierte uns mit: ,,Ekelhaft, können die das nicht bei sich zu Hause machen¿`, während er glücklich lächelte und meinte wehmütig: ,,Liebe ist etwas wirklich schönes...`` Seine Ehefrau entglitten die Gesichtzüge. Sie konnte sich einfach nicht entscheiden, worüber sie jetzt mehr entsetzt seien sollte: Über uns oder über den Kommentar ihres Mannes über uns.

Wir überließen die beiden ihrem Schicksal. Ich schnappte mir eine von Tims Taschen und wir stiefelten Richtung U-Bahn (U9 Richtung Rathhaus Steglitz).

Wie wir so die Gänge entlang gingen fiel mir auf einem mal ein, dass weder ich noch Tim ein einziges Wort gesprochen hatte.

,,Ähm, hi...Schön das du wieder da bist. Ich hab' dich vermisst.``

``Ich dich nicht. Ich habe mich durch meine ganze Schimmmanschaft gepoppt und als ich alle durch hatte, hab' ich mit den anderen Mannschaften weiter gemacht. So 50 Jungs müssen das wohl gewesen sein...``

,,Haben die Kondome gereicht?``

Hehe, Tim drehte sich zu mir um und glotzte mich mit großen Augen an. Tja mein Kleiner, damit hast du nicht gerechnet, dass ich auf deinen Spruch so einsteige.

,,Na ja, ich mein ja nur...``, immer schön den unschuldigen spielen, ,,Seid ihr denn auch zum Schwimmen gekommen?``

,,Arschloch!``

,,Wichser!``

,,Imbahnhofverlaufer!``

,,Badekappenträger!``

,,Surfmastzerbrecher``

,,Ey, der war unfair!``

Ok, ok, ok... Ich nehm ihn zurück. Ich bin froh wieder hier zu sein. Mann hab' ich mich darauf gefreut, mich in deine Armen zu kuscheln...``

,,Sollst du alles haben...Gehen wir zu mir oder zu dir?``

,,Lustmolch! Aber wir müssen erst mal zu mir. Ich brauch neue Klamotten. Danach könnten wir...``

Wenn ich das Gewackel seiner Augenbrauen richtig interpretierte, konnte das noch ein sehr netter Nachmittag werden.

Der Rest der U-Bahnfahrt war recht kurzweilig. Für uns! Für die übrigen Fahrgästen mag ich das nicht beurteilen wollen. Wir stiegen Schloßstraße aus und waren nach 10 Minuten bei Tims Wohnung.

Die Wohnung war bei meinem ersten Besuch schon dunkel gewesen, aber dieser trübe Oktobertag ließ das Teil noch grufitger erscheinen.

,,Finster!``

,,Wir wohnen hier schon seit Jahren. Man gewöhnt sich dran.``

,,Wirklich¿`

,,Nöh! Soll ich zu dir ziehen¿`

,,Klar!``

,,Ähm... Na ja, wer blöd fragt...Oh, du hier¿`

Wir Graf Dracula selig, tauchte aus den Schatten des Flures, Tims Vater auf. Dr. Rüdiger Mannteufels finsteres Gesicht wirkte im Dämmerlicht wie eine Totenfratze.

,,Ach, schau an: Die Schwuchtel die mal mein Sohn war und der Grund unserer Probleme auch gleich im Schlepptau. Hatten wir Herrn Jacobsen nicht Hausverbot erteilt¿`

,,Ach, schau an: Der Typ mit der Doppelmoral, der mal mein Vater war? Hatte dich Mum nicht rausgeschmissen¿`

Also Angst vor seinem Vater hatte mein Timmy definitv nicht mehr. Ein Faktum, dass seinen Vater aus dem Konzept brachte. Direkten Wiederspruch nicht gewohnt, schnappte er nach Luft wie ein Fisch auf dem Trockenen, lief violett-rötlich an und verließ ohne weitere Worte die Wohnung.

,,Und den Typen hab' ich mal respektiert...``

Tim schüttelte den Kopf und stiefelte in sein Zimmer. Dort ließ er seine Sachen auf den Boden fallen und war sich in einen seiner bequemen Sessel. Ich tats ihm gleich.

,,Mann bin ich fertig. Das Leistungstraining war sehr erfolgreich. Wir haben unsere Zeiten deutlich verbessert. Aber es war auch scheiß anstrengend. Ich bin total alle!``

,,Du spielen wie Flasche leer¿`

,,Hmmm``

Tim ließ seine Blick durch sein Zimmer schweifen. Plötzlich verdunkelte sich sein Gesicht und seine Stirn warf sich in Falten. Ich folgte seiner Blickrichtung und endeckte ihren Endpunkt. Ein Foto, dass am Monitor seines PCs geheftet war, war der Auslöser. Kein Wunder. Das Foto zeigte die gesammte Gang: Biene, Dirk, Peter, Kuki, Tim und, natürlich, Sven!

,,Hast du was von ihm gehört¿`

Tim sah mich fragend an.

,,Ja...``, ich wich ihm aus und schaute lieber an die Decke. Nette Stuckarbeiten, mußte man mal vergolden, dann sehen die noch besser aus.

,,Und¿`

,,Du willst es nicht wissen...``

,,So schlimm¿`

,,Schlimmer!``

,,Oh! Der Tag entwickelt sich wohl doch nicht so toll, wie ich dachte.``

,,Wenn es um das Thema Sven geht nicht, nein.``

,,Los, erzähl schon. Meine Laune ist eh im Eimer.``

,,Wenn ich fertig bin, wirst du nicht mehr wissen, was Laune ist.``

Ich erzählte. Tim machte sich die additive Farbmischung zur Nutze und wurde wechselweise rot, grün, blau und schließlich weiß.

,,Es war Sven¿`

,,Ich wollte es wär' anders, aber er hat es selbst zugegeben. Er... Ach, ich weiß auch nicht...Irgendwo versteh ich seinen Frust recht gut. Seit ich in Berlin bin, hat sich in der Tat zwischen euch -- zwischen euch allen -- viel geändert. Aber ich glaube nicht, dass das nicht ohne mich genau so passiert wäre. Sven scheint sich zurückgesetzt zu fühlen. Mann, Timmy, ihr wart die allerbesten Freunde...Und dann kam ich...``

,,Ja, dann kamst du...``, Tim brabbelte nachdenklich in seinen nicht vorhandenen Bart.

,,Was wirst mit oder wegen Sven tun¿`

,,Ihn zum Teufel jagen!``

,,Das meinst du nicht ernst¿`

,,Ok, ich werde mit ihm reden und dann zum Teufel jagen.``

,,Tim-my!``

,,Mein Gott Sven, du bist ja so was von verständinisvoll, dass hält man im Kopf nicht aus. Der Arsch hat uns verraten. Nach Strich und Faden verraten und verkauft. Also, was erwartet du von mir? Das ich zu Sven krieche und ihn um Verzeihung bitte, dass er uns betrogen hat. Mich bei ihm entschuldigen, dass seine Freundschaft ein Lüge war¿`

,,Nein, natürlich sollst du das nicht. Ach, ich weiß auch nicht was man machen soll...Ich mein' ja nur, dass...Ach Scheiße...``

,,Genau das: Ach Scheiße...``

Timmy schmollte. Wer könnte ihm das verdenken. Ein wirklich tolles Wiedersehen.

We are the champions


Portland


Natürlich: Queen...No time for losers... Alles andere wäre dem Anlaß nicht angemessen gewesen. Caus' we are the champions... Schließlich hatten sie es geschafft. of the world!.

Die Footballmannschaft der Liberty High hatte zum ersten mal in der Geschichte der Schule die Meisterschaft des Bundesstaates Maine gewonnen. Das war die erste Sensation. Die zweite Sensation betraf die Wahl des MVP, des most valuable players. Es war nicht der Quaterback, es war auch nicht der Wide Receiver, es war überhaupt niemand aus dem Offensive Team. Völlig gegen jede Regel, aber von jedem als absolut angemessen betrachtet wurde Samuel del Ray einstimmig zum MVP gewählt. Sein Touch down hatte die Wende gebracht.

Das Stadium tobte und übertönte fast den Leadgesang von Freddy Mercury. Man hatte sich nicht lumpen lassen und ein Höhenfeuerwerk gezündet. Auf dem Feld herrschte Partystimmung. Skinner wurde von der Mannschaft auf Händen getragen. In einer VIP-Loge rauchte Prinzipal Franklin genüßlich eine Zigarre auf den Sieg. Überall sah man zufriedene Gesichter bei den Anhängern der Liberty High. Selbst die gegnereische Mannschaft zollte dem Team Respekt.

Doch von all diesem Trubel unbeeindruckt, standen drei Personen mittem auf dem Feld. Es waren drei sehr Junge Menschen, nicht viel älter als 17. Wie im Auge eines Orkans herrschte bei den drei absolute Stille, während um sie herrum das absolute Chaos tobte.

,,Verzeih mir, bitte...``

Marcel sah aus, als wenn er diesen Satz zwar erwartet hatte, ihm aber, als er dann tatsächlich von Scott ausgesprochen wurde, Schmerzen verursachen zu schien. Anders konnte man seinen gequälten Gesichtsausdruck nicht interpretieren. Auch, dass er vor seiner Antwort, tief einatmete, waren ein deutliches Indiz dafür.

,,Scott, so läuft das nicht. Du kannst nicht einfach ankriechen und sagen: ,Hi Marcel, ich hab' dich zwar Jahre lang vergewaltigt, gequält, wie Dreck behandelt und erpresst, aber jetzt tut es mir Leid. Ich war ein böser Junge, bitte, bitte, verzeih mir!`Nee, sorry, Scott, so nicht...``

Das war nicht die Antwort, die sich Scott gewünscht hatte, aber es war die Antwort mit der er gerechnet hatte.

,,Ok, was erwartest du von mir¿`

,,Nichts! Shit, ich erwarte rein gar nichts von dir! Außerdem glaube ich nicht, dass das hier der richtige Ort ist, um...``, Marcel zögerte, eigentlich wollte er dieses Gespräch nicht führen. Dass heißt, nicht in diesem Moment. Doch eine Frage beschäftigte Marcel seit Jahren: ,,Ok, ein Frage hab' ich dann wirklich: Warum¿`

,,Weil ich dich hasse!``, dumm nur, dass Scotts Mimik nicht die geringsten Anzeichen von Hass zeigte, ,,Und...``, Scott atmete tief aus, ,,weil ich dich auch auf eine merkwürdige Art liebe.``

,,Du bist doch krank, weißt du das¿`, Marcel wollte das Thema Scott endlich abhaken. Endlich einen Schlußstrich ziehen und endlich ein neues Leben beginnen, und das am liebsten mit Thimo. Leider leuchtete in seinem Hirn in knallroten Neonbuchstaben ein Wort auf: ,,Aber!`` (Nebenbei, das r von Aber flackerte und gab sprazende Geräusche von sich. Es war nicht die neuste Neonschrift, die in Marcel Schädel herumspukte.).

Aber...Wie soll man von jemanden wie Scott loskommen? Loskommen nach all den Dingen, die man die Jahre über erlitten hatte. Eigentlich war die Situation viel schlimmer als vorher geworden. Als Scott noch das Megaarschloch war, war die Welt wunderbar einfach: Marcel wurde regelmäßig von Scott zu Sex genötigt und damit hatte Marcel sein Feindbild. Scott machte es Marcel ziemlich leicht ihn zu hassen. Doch was soll man machen, wenn sich der Feind entschuldigt und um Verzeihung bittet?

,,Ich bin nicht krank. Oder vielleicht bin ich das. Das ist doch völlig egal! Ich habe dich beschützt!``

,,Du hast mich beschützt¿`, Marcel flippte aus, ,,Kacke! Du hast mich vergewaltigt! Lies es von meinen Lippen: ,Ver-ge-wal-tigt`  Du Haufen Scheiße hast mich gedemütigt, mißhandelt und gebrochen! Du hast mich gezwungen deinen scheiß Schwanz zu ertragen!``

Marcel schrie nicht, er brüllte. Tränen standen ihm in den Augen, als die verdrängten seelischen Verletzungen der letzten Jahre an die Oberfläche sprudelten.

,,Weißt du was¿`, Marcel wurde wieder leiser, ,,Als du mich das erste mich mal gefickt hast, konnte ich eine Woche lang nicht sitzen! Aber das konnte ich verkraften! Aber hast du auch nur die geringste Ahnung, wie ich mich danach fühlte¿`

Scott schwieg. Thimo versuchte in seinem Gesicht zu lesen, seine Gedanken zu erraten, aber das war nicht möglich. Was Scott dachte, ob er Schuld empfand oder sich über Marcel innerlich todlachte, blieb sein Geheimnis.

,,Scott du bist ein Psychophat, der in eine Anstalt gehört. Und du erzählst mir, du wolltest mich beschützen? Du tickst nicht ganz richtig...``

,,Nein, ganz im Gegenteil! Nun gut, dann denk mal über folgendes nach: Was wäre wohl aus Marcel Reynolds geworden, wenn Typen wie Brandon oder Espen mitbekommen hätten, daß du...ähm,...schwul bist¿`

,,Hast du immer noch Probleme mit dem Wort? Scott, es ist ganz einfach. Es lautet: Schwul! Schwul, schwul, schwul und schwul! Da ist kein ,ähm`nötig! Einfach nur schwul!``

,,Verdammt, sei nicht so selbstgefällig. Mir fällt das schwer, basta! Und genau das war der Punkt. Dafür habe ich dich gehasst!``

,,Was? Das ich schwul bin¿`

,,Ja! Du hast unsere Freundschaft verraten! Du und ich! Wir waren die besten Freunde. Wir haben zusammen das Baumhaus gebaut. Wir haben alles geteilt. Uns konnte keiner was. Aber du, du hast alles zerstঝ``

,,Wie bitte? Ich habe alles kaputt gemacht? Hast du den geringsten Schimmer, wie es in einem aussieht, wenn man erkennt, dass man anders ist¿`

,,Nein...``

,,Nein, natürlich nicht! Ja, Scott, du warst mein Freund. Mein bester Freund. Wem, wenn nicht seinem bestem Freund, vertraut man so etwas an? Und was hast du getan? Nein, nicht ich habe unsere Freundschaft verraten. Das warst du ganz alleine! Ich hätte dich damals gebraucht. Ich hätte einen Freund gebraucht. Ich hätte dich gebraucht. Jemand der zu mir steht. Und was hast du daraus gemacht? Du hast mich zu deinem persönlichem Schulsklaven gemacht! Du hast jede Möglichkeit genutzt mich vor anderen zu demötigen und ich konnte rein gar nichts dagegen tun. Du bist ein Monster gewesen. Und wenn Jana nicht...``

Marcel sprach nicht weiter. Das war mehr, als er sagen wollte. Aber Scott kannte Marcel zu gut, um nicht sofort nachzuhaken.

,,Was war mit dir und wenn nicht Jana...¿`

,,Nichts!``

,,Marcel, das ist das erste mal seit Jahren, dass wir offen miteinander reden. Wenn ich mir etwas vorzuwerfen habe, wenn du mir für etwas dei Schuld gibst, dann will ich gefälligst auch wissen wofü!``

,,Du willst es wissen? Du willst die Wahrheit wissen? Du erträgst die Wahrheit doch gar nicht! Du lügst dir doch selbst mit der Legende von deiner Beschützerolle in die eigene Tasche, weil du dir nicht eingestehen willst, dass du ein Monster bist, dass mich gequält hat! Aber ich werde es dir sagen: Als du mir das erste mal deinen Schwanz in den Mund gerammt hast, habe ich anschließend alle Schlaftabletten geschluckt, die ich im Medizinschrank meiner Eltern gefunden habe!``

Aus Scott Gesicht wich alle Farbe. Er wirkte plötzlich alt und müde. Thimo dämmerte, dass Scott offensichtlich nichts von Marcels Selbstmordversuch gewußt hatte.

,,Marcel, sag dass das nicht war ist...``

,,Scheiße doch! Ich war schwul und was bedeutete das? Dass mein bester Freund mich dafür hasste. Wer will dann noch weiterleben¿`

Scotts Farbe kehrte langsam zurück.

,,Marcel, entschuldige und vergiss, dass ich dich um Verzeihung gebeten habe, denn das ist wohl unmöglich. Ich...ach, Scheiße...``

Zu Thimos totaler Überraschung rannten Tränen über Scotts Wangen. Dieser Kotzbrocken zeigte Gefühle, die Thimo bei ihm niemals für möglich gehalten hatte.

Scott und Marcel schwiegen. Während Scott noch mit seinen Tränen kämpfte schien sich Marcel zu beruhigen. Die letzten Minuten war ein Beben und Zittern durch seinen Körper gegangen, dass seine innere Aufgewühltheit deutlich zeigte. Thimo nutzte die Gelegenheit, um Scott eine Frage zu stellen, die ihn schon länger bewegte.

,,Woher rührt eigentlich dein Persönlichkeitswandel? Noch vor ein par Monaten wolltest du mich zusammenfalten und hast noch Marcel...ähm, also, du weißt schon. Was ist passiert¿`

Aufgeschreckt durch Thimos Frage, schreckten Scott und Marcel, wie aus einem Tagtraum, auf.

,,Du bist passiert!``

,,Hä¿`

,,Erinnerst du dich an deine erste Trainingsstunde¿`

,,Wie könnte ich die vergessen¿`

,,Ja, ja, du kannst verdammt gut zuschlagen. Egal, für mich stellte sich die Sache so dar. Skinner wollte das du spielst. Ok, damit hab' ich kein Problem. Was würde schon so ein weichei aus Europa schon von Football verstehen? Tja, du hättest das Ei nie fangen dürfen, nicht so, wie ich ihn dir zugeworfen hatte. Nur einer der Football wirklich gut spielt, konnte den fangen. Weißt du, wieviele Jungs in unserer Mannschaft das geschafft hätten, mich eingeschlossen¿`

Thimo zuckte pflichtgemäß mit den Schultern.

,,Null! Keiner! Niemand! Was umgekehrt soviel heiß, dass du automatisch mein Feind warst. Ich hatte fest damit gerechnet, dass du meinen Job als Quater Back haben wolltest. Alle simmten mir zu. Brandon, Espen. Du kennst sie ja. Verdammt, ich musste für das, was ich erreicht habe, hart kämpfen. Du kennst diese Schule, als QB bekomm ich automatisch bessere Noten und ich hab' sie verdammt nötig. Aber du...du bist ein Naturtalent. Wie Marcel wenn er läuft. Hast du ihn mal laufen gesehen¿`

,,Ja, das hab' ich...``, Thimo mit einem verklärten Gesichtsausdruck.

,,Dann weißt du was ich meine. Du bist genau so. Du fühlst mit den Ball. Ich muß ihn beobachten und berechnen. Ich konnte doch unmöglich zulassen, dass so ein dahergelaufener Wichser mir meine Position an der Schule raubte.``

,,Das hab' ich mir gedacht. Und weiter¿`

,,Was weiter? Zuerst nix. Wir haben uns belauert, dass weisst du doch. Du hingst mit den Losern rum. Brandon meinte, wenn du nicht zu uns gehören willst und lieber mit denen rumhangst, dann sollte man dir möglichst bald auch mal klarmachen, dass man als Loser an der LH nichts zu melden hat. Doch bevor es dazu kam, kam der Tag...``

Thimo nickte.

,,Ich habe gehört, dass du die Unterhaltung zwischen mir und Marcel von deinem Auto aus gesehen hast¿`

,,Woher weißt du das¿`

,,Unwichtig, wichtig ist nur, dass ihr euch beide täuscht. Ja, ich hatte dich, Marcel, wieder dazu gepresst mich zu treffen. Aber ich wollte dich nicht...du weißt schon. Ich wollte mit dir reden. Ich weiß, dass ihr mir das nicht glaubt, aber es war so. Naja, und dann bist du am See aufgetaucht und hast mich geschlagen, besiegt!``

,,Ja danke auch, dass hat mich fast das Leben gekostet! Deine feinen Freunde und ihr Messer...``

,,Es sind nich meine Freunde. Das waren sie wohl nie! Ich war Brandons Werkzeug und zu doof dies zu erkennen. Aber du Thimo, du hast mir die Augen geöffnet. In mehrfacher Hinsicht. Wie war der Satz? ,Die Tunte, die dich gerade zu Brei schlägt, beweist dir gerade das Gegenteil!`  Man, so eine Schwuchtel zeigt Rückrad und tritt für jemanden anderen ein. Was ich an Marcel immer gehasst habe, war, dass er immer alles mit sich hat machen lassen. Typisch Homo! Aber auch das war falsch. Du hast das für einen Freund getan, was ich hätte tun müssen. Das ist mir jetzt klar. Aber da gibt es noch mehr. Nachdem du mich K.O. geschlagen hattes, ging ich zu Boden und war weg. Als ich wieder zu mir kam, lag ich in Brandons Auto. Keiner im Auto sagte etwas. Bis Brandon schließlich bei mir zu Hause an kam. Tja, und dann kam's:,Scott, du bist draußen. Sprich uns nie wieder an. Keinen von uns. Du hast dich von so einem perversen Schwein schlagen lassen. Ich fass es nicht! Du hättest in alle mache sollen und statt dessen nietet dich dieser Schwanzlutscher um. Scott, damit bist du untragbar.` Tja, und damit war ich draußen. Ende der Gesichte.``

,,Mir kommen die Trä!``, eiskalter Zynismus waberte von Marcel herrüber, ,,Und jetzt sollen wir mit dir Mitleid haben, oder wie? Seht her, der arme, arme Scott. Wurde von seinen super Freunden verstoßen, weil er sich von einem Homo hat schlagen lassen. Aber, oh Wunder, dieser Schlag und diese Verbannung aus dem edlen Kreis der aufrechten Männer, haben zu einer Läuterung seiner Seele geführt. Bußfertig und gebrochen ersehnt er Gnade und Vergebung bei seinen Opfern. Verdammt, Scott, wach auf! Das ist das wahre Leben und keine Daily Soap! Bevor ich dir vergebe, friert eher noch die Hölle ein!``

,,Oh, ja, super! Endlich kannst du dich an mir rächen. Darauf hast du lange gewartet. Aber weißt du was? Damit bist du nicht besser als ich es bin.``

,,Oh, hör auf damit. Das ist doch lächerlich. Scott, dass arme Opfer...Frag' doch mal Amber, ob sie dich als Opfer sieht!``

,,Was willst du damit sagen¿`

,,Das weißt du doch genau. Ich hab's doch selbst erlebt. Du warst noch nie sehr zartfühlend.``

,,Ach, du glaubst also wirklich, ich hätte Amber geschlagen¿`, das erste mal, dass Scott lachte, wenn auch hysterisch.

,,Ich finde das ziemlich glaubwürdig!``, Marcel war nicht zum Lachen zu mute.

,,Jungs, sei nicht so naiv und glaub' alles, was erzählt wird. Ich habe Amber niemals angerürt. Hast du schon mal versucht mit einer Alkoholikerin zu schlafen? Ok, dass war eine blöde Frage. Natürlich habt ihr das nicht. Also, es funktionierte einfach nicht. Glaubt mir oder laßt es bleiben, aber da ist wirklich nichts gelaufen. Ich weiß, sie scheißt gerne mit Andeutungen um sich. Mal ist Amber Maso, mal ist sie die harte Domina, aber das ist nur Show. Da ist nix Wahres dran. Nur ihr armseliger Versuch intressant zu wirken und im Gespräch zu bleiben.``

,,Ich meinte aber nicht Amber!``, Marcels Stimme hatte die kälte eines Blizzards, ,,Ich meinte Jana! Du hast sie geschlagen! Mehrfach!``

,,Ja!``, Scott sah auf den Rasen.

,,Das ist alles? Mehr willst du dazu nicht sagen¿`

,,Nein!``, Scott wurde plötzlich einsilbig. Marcel hatte einen wunden Punkt getroffen und seine Motivation war alles andere als edel. Endlich konnte er Scott am eigenen Leibe spühren lassen, wie es ist von jemanden psychisch gequält zu werden.

,,Na, wo ist den jetzt der neue, ehrliche, offene Scott? Der Scott, dem ich verzeihen soll? Warum hast du Jana geschlagen¿`

,,Das gefällt dir, was? Mich endlich in der Hand zu haben. Du bist wirklich kein Deut besser als ich es bin. Ja, verdammt, ich hab' sie geschlagen und ich hasse mich dafür und ich hasse dich dafür. Jana fing immer und immer wieder von dir an. Scheiße, die Frau war nie in mich verliebt sondern in dich! Aber ich liebte Jana! Aber ich konnte niemals mit dir konkurieren. Als sie schließlich mitbekommen hatte, dass du schwul bist, da hatte ich sie endgültig verloren! Von da an, wollte sie nur noch dein Schutzengel sein. Verdammt, Marcel, wie soll man mit sowas mithalten? Wie kann ich bei dem Einsatz vor Jana bestehen. Marcel, sie vergöttert dich! Sie würde alles für dich tun! Das war das zweite mal, dass du mich verraten hast. Erst hast du unsere Freundschaft vernichtet und dann auch die zwischen Jana und mir...``

Scott zitterte. Sein ganzer Körper war in Aufruhr. Schweißperlen bildeten sich auf seiner Stirn. Seine Stimme wurde genau so zittrig wie er. Sehr leise, beim Lärm im Stadium kaum verständlich, sprach er weiter.

,,Und das schlimmste wahr, dass ich euch nicht verlieren wollte. Ich versteh mich ja selbst nicht. Auf der einen Seite wollte ich dich für das was du mir angetan hast bestrafen. Ich wollte, dass du dich dafür hasst, schwul zu sein...``

,,Oh danke, dass ist dir perfekt gelungen!``

,,...aber auf der anderen Seite, wollte ich in deiner Nähe sein. Ich wollte, dass es so war wie früher. Wir alle, du, Jana, ich, auf unserem Baumhaus. Marcel, ich war bei jedem deiner Rennen. Du hast mich nie gesehen, aber ich war immer da. Marcel, bitte hilf mir...``

Mit seinen letzten Worten brach Scott in Tränen aus und sank auf den Rasen. Was für ein Bild: Scott kniete flehend vor Marcel! Für Marcel ging damit ein Traum in Erfüllung. Ein Tarum mit der Überschrift Genugtuung.

Aber wieder einmal zeigte sich wie unterschiedlich Traum und Realität sein konnte. Während Marcel in seinen schlimmsten Zeiten von dieser Art Triumph gezehrt hatte -- einer Utopie, die ihm half zu überleben -- so zeigte die reale Szene ein hässliches Gesicht. Der Triumpf schmeckte bitter. Das Gefühl der Genugtuung war da, aber sorgte nicht für die ersehnte seelische Befreiung. Wieder jeglicher Vorsätze, empfand Marcel so etwas wie Mitleid mit Scott.

Marcel drehte seinen Kopf zu Thimo und sah ihn fragend an: ,,Und jetzt¿`

,,Das ist deine Entscheidung. Ich habe keine Probleme mit Scott. Nicht mehr. Was wir miteinander augetragen haben, muss man wohl unter jugendliche Revierkämpfe ablegen. Aber was dich und Scott verbindet...``, Thimo zuckte mit seinen Schulter. Er war nicht sonderlich einfach objektiv zu bleiben, wenn eine Streitpartei der eigene Liebhaber ist, ,,...das geht tiefer. Aber ich denke, du musst das nicht jetzt entscheiden.``

,,Scott, was du mir erzählt hast...Also, ich weiß noch nicht, wie ich damit umgehen soll. Du hast da Sache an die Oberfläche gebracht, die ich eigentlich vergessen wollte. Aber, dass geht wohl nicht so einfach... Thimo hat Recht, ich sollte über alles nochmal gründlich nachdenken.``

,,Es besteht also noch Hoffnung¿`

,,Ja, für was auch immer!``

All in all, it's just another brick in the wall


Berlin


,,Nah ihr zwei Prinzessinnen, seid ihr auch schön am schmusen¿`

,,Nico, verpiß dich!``

Ich saß immer noch mit Timmy in seinem Zimmer. Die letzten 20 Minuten hatten wir mehr oder weniger geschwiegen. Die Stimmung lag weit unter dem Gefrierpunkt. Man mußte befürchten, dass sich an Tims Fenstern Eisblumen bilden würden. Tim war sauer. Er war sauer auf Sven, auf mich, auf sich, auf die Farbe seiner Socken und eigentlich auf alles. Mit anderen Worten: Er war wunschlos unglücklich. Ich hingegen schmollte, weil ich mir das Wiedersehen mit Tim anders vorgestellt hatte und nicht einsehen wollte, dass Svens Verhalten dies ruiniert hatte.

In diese super toller Stimmung platzte nun Nico, Tims kleiner Bruder und hauptberufliche Nervensäge.

,,Oh, ihr seid ja toll drauf! 'Tschuldigung! Ich geh' ja schon!``

Knurrend und maulend machte Nico auf seinem Absatz kehrt und war bereits dabei das Zimmer wieder zu verlassen. Tim seufzte und rollte seine Augen.

,,Es tut mir Leid. Ich wollte dich nicht anschnauzen...``

,,Hast du aber!``

,,Ja verdammt, das hab' ich! Und? Reißt du mir jetzt den Kopf ab¿`

,,Nein, werd' ich nicht. Aber ihr zwei verratet mir sofort, warum ihr hier eine Stimmung herrscht wie auf einer Beerdigung. Ist jemand gestorben¿`

,,Ja, Sven ist für mich gestorben!``

Nicos Augen wurden riesig und starrten mich an. Der Kleine war entsetzt.

,,Nein, nicht Sven sondern Sven!``

,,Du solltest dir einen anderen Namen zulegen. Was ist denn mit Sven¿`

,,Unser lieber, alter Freund war so nett uns an Andre' und die anderen Arschlöcher zu verkaufen. Es war Sven, der dafür gesorgt hat, dass unsere Sachen sabotiert wurden. Aber das ist jetzt egal, der Typ ist Geschichte!``

,,Du bist zwar mein Bruder und ich laß nix auf dich kommen, aber in diesem Fall, muß ich dir sagen: ,Du bist ein Archloch!```

,,Ich danke dir für deine qualifizierte Meinung. Du kannst gehen...``

,,He! So nicht, Tim! Du machst dir das etwas zu einfach!``, ich war erstaunt, wie Nico mit seinem Bruder um sprang. Als verzogenes Einzelkind waren für mich die interbrüderlichen Psychospielchen ein Buch mit sieben Siegeln.

Nico fauchte weiter: ,,Hast du dir für zwei Sekunden mal überlegt, warum Sven getan hat, was er getan hat¿`

,,Nein! Will ich auch nicht...``

,,Nein, natürlich nicht! Es könnte ja sein, dass mein selbstgerechter Bruder auch ein par Fehler gemacht hat!``

,,Ich habe niemanden seinen Mast angesägt! Mir ist egal, warum Sven das getan hat. Das er es getan hat, reicht mir...Also erzähl mir nicht, dass ich Fehler gemacht hätte!``

,,Du redest wie Paps!``

Tim zuckte zusammen. Es war, als wenn Nico ihn mit einer unsichtbare Peitsche geschlagen hätte. Auch ich ging unwillkürlich in Deckung, um nicht selbst getroffen zu werden. Ich fühlte mich unwohl. Dieser Streit zwischen den beiden Brüdern war heftig, heftiger als alles, was ich je bei den beiden erwartet hätte. Es waren weniger die Worte, die zur Schärfe der Auseinandersetzung beitrugen, als vielmehr die Art und mit welchem Ton sie ausgesprochen wurden.

Tim war sprachlos. Er wollte etwas entgegnen, öffnete seinen Mund und blieb dennoch stumm.

,,Nein, dass wollt ich nicht sagen. Timmy, es tut mir Leid. Ich hab' das nicht so gemeint...``

Nico merkte sofort, dass er über sein Ziel hinausgeschossen war. Doch gesagt war gesagt.

,,Du hast aber recht...``, völlig unerwartet war Tims Zorn verpufft. Es schien mir, als wenn er aus einem wahnänlichen Zustand aufgewacht war, ,,...ich war nicht objektiv. Sven hat mich enttäuscht...Verdammt, warum hat er das getan? Kann mir das einer von euch beiden erklären¿`

,,Ja, ich!``, wieder Nico. Verblüfft und überrascht glotzten wir den Kleinen an.

,,Nun glotzt nicht so! Ich habe auch meine Informationsquellen und außerdem hab' ich doch gesagt, dass ich mich um die Sache kümmern wollte.``

,,Äh¿`

,,Oh man, habt ihr eine lange Leitung. Erinnert ihr euch noch an die Krisensitzung in Kukis Sommerhaus? Nach eurer mißglückten Sexorgie¿`

,,Ja tu' ich! danke dass du uns daran erinnerst!``

,,Gern geschehen! Ich hatte damals versprochen, dass ich mich um die Sache kümmern wollte...``

,,Und¿`

,,Ich hab' mich drum gekümmert...``

,,Ahhhhh, Mann! Dann red' doch endlich. Was hast du rausgekommen¿`

,,Nu' nich' hetzen! Immer mit der Ruhe!``

,,Ni-co!``

,,Tim-my!``

,,Ok, ok, ok, erzähl einfach...``, Tim musste einsehen, dass er gegen die dickköpfigkeit seines Bruders nicht den Hauch einer Chance besaß. Das mußte wohl in der Familie liegen.

,,Gut! Also, ich hab' mich mal unter meinen Leuten umgehört. Es gibt ja noch andere Figuren die älteren Brüdern und Schwestern haben. Nicht nur mich. Und ein par dieser Geschwister, gehen sogar in eure Klasse. Euer lieber Svenni wurde generalstabsmäßig über Wochen als Torpedo gegen euch scharf gemacht! Sagt euch der Name Nina etwas¿`

Tim sah mich an. Ich sah Tim an. Fragezeichen leuchteten über unseren Schädeln.

,,Im Endeffekt ist natürlich unser Inselboy hier an allem Schuld...``

,,Keine schlechten Scherze bitte.``

,,Oh, dass war ganz ernst gemeint. Natürlich kannst du nichts dafür. Aber ihr zwei versteht immer noch nichts, oder? Oh, Mann, und sowas behauptet mein älterer Bruder zu sein. Ich glaub' ich muß ganz weit vorne anfagen...``

Und dann begann Nico zu erzählen. Er erzählte was er in Erfahrung gebracht hatte, was er sich zusammengereimt hatte und welche Schlüsse er daraus gezogen hatte. Ich war wieder einmal über Tims Bruder erstaunt. Der Typ hatte einen messerscharfen Verstand. Seine Überlegungen hatten Hand und Fuß und waren erschreckend sachlich, fast klinisch korrekt. Die Details präsentierten sich dabei folgendermaßen:

Ich war -- natürlich -- der Auslöser für die Tragödie. Sven fühlte sich durch mich zurückgesetzt. Bis zu meinem Erscheinen, war er Tims bester Freund gewesen. Ich hatte ihn verdrängt und das auf eine Weise, mit der er nicht konkurieren konnte. Zusätzlich bestand sein Problem auch noch darin, dass er Tim und mich mochte. Wäre dem nicht so gewesen, er hätte sich einfach zurückgezogen und jeder wäre seinen eigenen Weg gegangen. So aber, schürte es nur seinen Frust.

In dieser angeschlagenen Stimmung wurden Andre', Rolf, Sascha, halt die ganze hirnlose Muskelfraktion, auf ihn aufmerksam. Wie die Aasgeier witterten sie Svens verletzten Gefühle und kultivierten sie fleißig. Sascha hatte vor seiner kleinen Schwester mit einem Plan geprahlt, wie sie einen Keil zwischen Sven und uns treiben würden. Dumm nur für Sascha, dass seine Schwester wiederrum vor ihrem Freund mit seinem Plan hausieren ging. Dieser Freund war seinerseit ein sehr guter Freund von Nico. Womit der auch erklärt war, wie Nico an seine Informationen gekommen war.

Wie gesagt, Nico hatte den analytischten Verstand den ich je gesehen habe. Aber diese Type war einfach unheimlich. Nachdem er von Saschas Schwester erzählt hatte, fügte er sofort als Kommentar hinzu, dass man dem natürlich nur bedingt glauben kann, da die Geschichte über drei Ecken kam. Er begann also alles erfahrene mit anderen Quellen gegenzuprüfen. Schließlich kristalisierte sich ein Bild herraus.

Die tödlichste Waffe im Arsenal unserer Itimfeinde war Nina. Sie war absolut perfekt, weil sie selbst von ihrer Rolle nichts wußte. Sie tratschte gerne (Wer tut das nicht?), aber leider hinterfragte sie selten die Dinge, die man ihr zugetragen hatte. Dadurch wurde sie zu einem optimalen Werkzeug, um Sven von uns zu entfremden. In regelmäßigen Abständen erzählte man ihr kleine Geschichten, natürlich total wahr. Mit absoluter Sicherheit würde jede dieser Geschichten innerhalb kürzester Zeit bei Sven landen. Jede dieser Geschichten war ein kleines Kunstwerk aus Lüge und Intriege mit dem alleinigen Ziel, Svens Frust zu steigern. Ein Beispiel gefällig?

Sascha an Nina: ,,Vorgestern hab' ich Tim, Kuki und diesen nordeutschen Typen, Sven, bei Häagen-Dazs gesehen. Komisch, dein Sven war gar nicht dabei.``

Und später Nina zu Sven: ,,Ich hab' gehört Tim war mit Svenni Eisessen, haben sie dich gar nicht mitgenommen¿`

Und wieder ein Stein mehr in der Mauer zwischen Sven und uns. Wir waren natürlich niemals Eisessen gewesen.

Nico erzählte weiter, dass die anderen schließlich der Meinung waren, dass Sven reif zu Ernte war. Sein Frust, seine Wut und seine Entfremdung schienen ausreichend zu sein, dass man direkten Kontakt zu ihm aufnehmen konnte. Natürlich ganz zufällig und unverfänglich. Und wieder wurde sein Frust genährt; durch den direkten Kontakt sogar mit Intensivnahrung.

,,Jedenfalls war er endlich so weit, dass er euch, nein, uns verraten würde. Rolf soll sich todgelacht haben. Wenn ich der Freundin seiner Schwester glauben kann, hat er sich köstlich darüber amüsiert, dass Sven das alles nur getan hat, weil er hoffte unsere Aufmerksamkeit zu erwecken. Weil er uns als Freunde wieder haben wollte. Oder, um ganz genau zu sein, um euch beide zurückzugewinnen. Es war für ihn zuerst gar kein Verrat sonder eine wirklich krude Form eines Hilferufs. Das musste natürlich total in die Hose gehen. Auf der Rückfahrt von Rügen hat er wohl begriffen, was er eigentlich wirklich getan hatte und, dass er die ganze Zeit nur ein Werkzeug gewesen war. Er hat Rolf, Sascha und Andre' versucht zur Rede zu stellen und ist, natürlich, hoffnungslos abgeblitzt. Für die, hat er seine Aufgabe erfüllte. Jetzt ist er ihnen nur noch lästig. Sie verachten ihn und ich fürchte, er tut das auch.``

,,Verdammt, ich hätte es merken müssen!``, Tim biß sich auf die Unterlippe. Der Zorn von vorhin war in Verbitterung umgeschlagen.

,,Wie konntest du das? Du warst mit so vielen anderen Dingen beschäftigt. Deinem Coming Out...Die Sache mit deine Vater...``

,,Verdammt, er war mein Freund! Ich wäre es ihm schuldig gewesen... Jetzt wird mir einiges klar. Seine Andeutungen in letzter Zeit. Er schien ja in letzter Zeit auch immer irgendwas mit sich rum zu schleppen. Er war nicht mehr so fröhlich wie früher. Warum hab' ich das nicht gemerkt? Verdammt, verdammt, verdammt, ich habe versagt! Ich hab' als sein Freund versagt!``

,,Timmy! Stop!``, ich musste ihn einfach stoppen, ,,Du läufst schon wieder Amok. Vorhin wolltest du Sven noch zum Teufel jagen und jetzt drehst du alles um, erklärst dich für schuldig und betreibst öffentliche Selbstgeisselung. Beides ist Dünnpfiff. Wir sollten lieber zusehen, dass wir das wieder gekittet bekommen -- Wenn das überhaupt noch möglich ist...``

Der Arm des Gesetztes


Portland


,,Sind Sie Thimo Camron-Bach¿`, der Officer war ein Bulle von riesiger Gestallt. Seine Uniform war tief schwarz. Sein Mimik war undurchdringlich.

,,Ja, wieseo¿`, Thimo sah verschlafen und verstört in die Läufe der gezückten Waffen. Das Haus seiner Mutter war von den blinkenden Irrlichtern der drei Polizeiwagen erhellt.

,,Im Namen des Gesetzes: Sie sind wegen Mordverdacht an Scott Edward Richardsen verhaftet. Alles was Sie sagen, kann und wird gegen Sie verwendet werden. Sie haben das Recht zu Schweigen. Sie haben das Recht einen Anwalt hinzuzuziehen. Sollten Sie sich keinen Anwalt leisten können, wird vom Gericht ein Anwalt für Sie gestellt. Haben Sie Ihre Rechte verstanden¿`

Thimo fühlte nichts. Er hatte geschlafen. Als der Lärm an der Haustür los ging war er aufgewacht und hatte als erstes auf die Ziffern seines Radioweckers geschaut. 4:36 Uhr. Zusammen mit seiner Mum war er zur Haustür geschlurft und hatte sie geöffnet, um gleich von einer Herde wildgewordener Polizisten umstellt zu werden.

Was war geschehen?

Nach dem Spiel und der Unterhaltung mit Scott hatte Thimo, Scott und Marcel noch mit der Mannschaft ihren Meisterschaftssieg gefeiert. Anschließend brachte Thimo Marcel noch nach Hause. Obwohl nicht ganz. Marcel durfte das Spiel sehen und auch Feiern, sich aber natürlich nicht von Thimo nach Hause bringen lassen. Thimo ließ Marcel daher einen Block vor dem Haus seiner Eltern aussteigen. Danach fuhr Thimo nach Hause, allerdings nicht direkt. Er fuhr zu dem See, an dem er mit Scott gekämpft hatte, hockte sich auf eine Bank und dachte nach. Als er schließlich zu Hause an kam, war es viertel vor vier.

,,Scott ist Tod¿`

Schlaftrunken wie er war hatte Thimo einige Schwierigkeiten einen klaren Kopf zu bekommen. Die auf ihn einflutenden Informationen wurden von seinem Gehirn nur bruchstückweise verarbeitet. Das man ihm soeben Handschellen angelegt und er in ein Polizeiauto des PMPD (Portland Metropolitan Police Departmend) verfrachtet hatte, war noch nicht zu ihm durchgedrungen. Aphathisch und völlig neben sich, schaute er mit glasigen Augen aus dem Polizeiauto. Natürlich bekam er auch die Diskussion seiner Mutter mit dem Police-Detective nicht mit.

,,Das ist mein Sohn! Der hat niemanden umgebracht! Sie sind wohl wahnsinnig.``

,,Es gibt Beweise und ich empfehle ihnen dringend, sich einen Anwahlt zu suchen. Können Sie sich einen Anwalt leisten¿`

,,Ja, dass sollte kein Problem sein. Aber ich versteh das nicht. Mein Sohn hat niemanden umgebracht!``

,,Das sieht der Staatsanwalt ganz anders. Sie sollten sich den besten Anwalt besorgen, den sie bekommen können. Glauben Sie mir!``

Thimos Mutter blickte entgeister vom Detective zu ihrem Sohn.

,,Thimo, sag' denen nichts. Ich besorg' dir einen Anwalt. Wir kriegen das wieder hin!``


***


,,Mr. Reynolds? Man hatte mir gesagt, dass mein Anwalt da sei, aber das Sie das sind...``

,,Sag' Jimmy zu mir. Deine Mutter hat mich sofort angerufen.``

,,Was ist überhaupt los? Warum bin ich hier¿`

,,Gleich. Erstmal, behandelt man dich gut¿`

,,Ja, sie haben mich in eine Einzelzelle gesteckt. Nicht mit den andere in eine Sammelzelle. Man hat meine Personalien aufgenommen und mir gesagt ich hätte Scott ermordet. Dann wollten sie mich verhören, aber ich habe gesagt, dass meine Mum mir gesagt hat, dass ich nichts sagen soll, bevor mein Anwalt kommt. Na ja, sie haben es dann noch ein par mal versucht, aber ich habe nichts gesagt. Ich weiß ja nicht mal was passiert ist... ist Scott wirklich tod? Mein Gott, wir haben nach dem Spiel noch miteinander geredet.``

,,Ja, Scott ist wirklich Tod. Erstochen mit einem Messer. Ich weiß noch nicht wieso, aber man hält dich für den Täter.``

,,Wahrscheinlich, weil ich ein Motiv gehabt hätte.``

Dies war ein Tatsache, die Thimo erst in dem Moment klar wurde, in dem er sie aussprach. Marcels Vater wurde blaß.

,,Du hattes ein Motiv? Thimo, Shit, nun red' schon!``

,,Ich kann nicht. Nicht Ihnen gegenüber!``

,,Ich bin dein Anwalt. Strafrecht ist meine Spezialität. Alles, was du mir sagst unterliegt der Schweigepflicht. Ausser mir erfährt es niemand!``

,,Ich weiß, aber...``, Thimo konnte Jimmy Reynolds, Marcels Vater nicht in die Augen sehen, ,,Sie sind auch Marcels Vater...``

Marcels Vater wurde noch ein par Schattierungen blasser.

,,Marcel? Was hat Marcel damit zu tun¿`

,,Alles, er ist der Schlüssel. Und ich glaube er ist auch der Grund für Scotts Tod! Mein Gott, wo bin ich nur reingeraten¿`

Thimo wurde schwarz vor Augen. Er brauchte ein par Augenblicke um sich wieder zu fangen. Die Welt drehte sich in seinem Kopf. Scott, Marcel, Jana, Rob, Brandon, Amber, Espen...Was war das für ein Alptraum. Thimo rieb sich seien Augen und fuhr sich mit den Händen nur sein Haar.

,,Thimo, bitte du mußt es mir sagen. Wegen Marcel, aber insbesondere wegen dir. Der Staatsanwalt hat durchblicken lassen, dass er den Fall für glasklar hält. Der Mann hat politische Ambitionen und die erreicht man hierzulande durch eine hohe Verurteilungsquote. Ich will dich nicht beunruhigen, aber die Lage ist extrem ernst. Er will auf Mord ersten Grades raus und dich nach dem Erwachsenenstrafrecht anklagen. Du weißt was das bedeutet¿`

,,Es geht um alles¿`

Jimmy nickte: ,,Desswegen mußt du mir alles erzählen. Bitte, was ist los¿`

,,Versprechen Sie mir niemals, wirklich niemals Marcel davon zu erzählen, was ich ihnen jetzt erzähle.``

,,Ja, wenn das deine Bedingung ist. Aber, ich dachte ihr seid zusammen. Wieso hast du Geheimnisse vor ihm¿`

,,Das hab ich nicht. Es ist vielmehr die Geschichte von Marcel, wie Sie sie nicht kennen.``

Jimmys Augen weiteten sich. Sein Spitzbubengesicht wich kurzeitig dem Gesicht eines alten Mannes: ,,Ich verspreche es! Ehrenwort!``

,,Nun, vielleicht sollte ich mit dem Tag anfangen, an dem ich in die Liberty High kam. Sie waren damals nich mit ihrer Frau in Europa. Ich war gerade mal zwei Wochen in Portland...``

Thimo erzählte. Er erzählte die ganze Geschichte. Wie er durch Tom Peter, Rob, Jana und Marcel kennengelernt hatte. Sein erster Kontakt mit Scott. Wie er sich bei Rob verraten hatte und schließlich, wie ihn der Schlag getroffen hatte und er sich in Marcel verliebt hatte.

Jimmy hörte aufmerksam zu, lächelte und musste manchmal sogar schmunzeln. Doch Thimo erzählte weiter. Wie Marcel vor ihm weg lief, wie er Scott zu Rede stellte und wie er von Scott Freunden niedergestochen wurde.

Jimmys Mine verfinsterte sich. Doch Thimo war noch nicht am Ende. Es folgte das Krankenhaus, die Suche nach Marcel und die Nacht und der Morgen auf dem Baumhaus.

,,Scott hat meinen Sohn vergewaltigt¿`

Das Entsetzen enstellte Jimmys Gesichtszüge. Seine Stimme war nur ein dünner, kraftloser Ton. Thimo antwortete nicht, er sah Marcels Paps nur aus traurigen Augen an und nickte.

,,Jesus, wir haben nichts davon bemerkt...``

Jimmys Blick kehrte sich nach innen und wurde ausdrucklos. Als er schließlich sprach, sprach er zu sich selbst.

,,Was bin ich für ein sau schlechter Vater? Marcel, wie konnten wir dich nur so im Stich lassen? Wie konnt ich nur so versagen? Was hab' ich dich durchstehen lassen? Ich...``

Jimmy Reynolds rannte zur Tür des Besprechungsraums und rief nach einem Wärter.

,,Haben Sie Zigaretten¿`

,,Hier ist rauchen verboten!``

,,Shit! Das hab' ich nicht gefragt! Haben Sie Zigaretten, verdammt!``, Jimmy Reynolds fauchten den herangeeilten Wächter an. Völlig verschreckt und mit weit aufgerissenen Augen tastete er seine Jacke ab und fand schließlich ein Päckchen Sargnägel.

,,Ja, doch...``, der Wärter gab ihm eine Zigarette, Jimmy Reynolds nahm die ganze Schachtel.

,,Hier und geben sie mir Feuer!``, eine zehn Dollar Note wechselte ihren Besitzer. Der Wärter entspannte sich und grinste. Zehn Dollar für eine halbleere Schachtel Camel, nicht schlecht.

Mit zitternder Hand nahm Jimmy Reynolds eine Zigarette aus der Schachtel und zündete sie sich an: ,,Das ist die erste seit 15 Jahren...``

,,Es ist nicht ihre Schuld. Als ich merkte, dass ich schwul bin, war meine Mutter sicherlich nicht die erste Person, der ich das sagen wollte. Marcel liebt Sie. Er wollte ihnen Kummer ersparen...``

,,Nein, er hat Angst vor seiner Mutter...Genau wie ich! Ich habe versagt, kläglich versagt.``

,,Sie geben sich die Schuld? Komisch, dass hat Marcel auch getan. Muß in der Familie liegen. Aber es war Scott, der Marcel das angetan hat! Weder Marcel noch Sie, tragen eine Schuld daran, was passiert ist.``

,,Erzähl bitte weiter...``

Thimo fuhr mit seiner Geschichte fort. Sein erneuter Krankenhausaufenthalt, die Stimmung an der Schule, seine Enttarnung durch Amber, wie er von seiner Mannschaft akzeptiert wurde, die Sache mit der Kantine (an die sich Jimmy sehr gut erinnern konnte, da dies schließlich der Grund für seine vorzeitige Rückkehr aus Europa war) und zum Schluß erzählte Thimo haarklein der gestrigen Tagesablauf mit der Footballmeisterschaft.

,,Ihr habt euch also mit Scott gestritten¿`

,,Nicht wirklich. Wir haben ein par Dinge klargestellt. Aber von außen konnte es wie ein Streit ausgesehen haben, ja, leider. Und, wie sieht es auch¿`

,,Willst du eine ehrliche Antwort¿`

,,Ja! Ich muß es wissen!``

,,Verdammt schlecht. Du hast recht! Du hattest Motiv und Gelegenheit für den Mord. Man hat dich mit Scott streiten gesehen. Ich bin mir fast sicher, dass der wehrte Staatsanwalt all das bereits weiß. Irgend jemand muß ihm diese Informationen zugespielt haben. Ich kann ihn bereits hören: ,Mord aus Rache!`. Wie ich ihn kenne, wird er eine Schlammschlacht veranstalten und er wird Marcel gegen dich aussagen lassen.``

,,Kann er das¿`

,,Oh ja, ohne Probleme. Es gibt im Bundesstaat Maine keine gesetzlich geschützte gleichgeschlechtliche Partnerschaft. Marcel wird aussagen müssen. Außerdem ist er minderjährig. Wir haben nur eine Chance...``

,,Und die wäre¿`

,,Den wahren Mörder finden!``

Wie man eine Wiedersehensfeier nachholt


Berlin


,,Kann ich mit zu dir¿`

,,Dass brauchst du nun wirklich nicht zu fragen.``

Nico war gerade wieder verschwunden. Nach dem vorläufigen Ende unserer kleinen Lagesprechung zum Projekt ,Die Errettung von Sven`  jagte klein Nico wieder aus der Wohnung. ,,Wichtige Termine...`` faselte das Energiebündel im rausgehen während er gleichzeitig dabei war mit seinem Handy drei SMSs zu versenden.

,,Was gebt ihr Nico eigentlich in Essen? Kaffee? Speed? Extasy¿`

,,Von allem ein bischen¿`, Timmy grinste, ,,Du hast recht, der kleine wird immer quirliger. Aber was is' nu'? Kann ich mitkommen¿`

,,Ja doch! Warum fragst du das dauernd¿`, verstört sah ich Tim an. Bisher hatte er mich noch nie gefragt, ob er mit durfte. Tim wirkte unruhig und auch etwas unsicher.

,,Ok, was ist los¿`

,,Nichts, gar nichts! Ich pack nur noch meine Sachen...``

Was für ein Euphemismus. Das nur noch bestand darin, dass Tim als erstes seine Reiseklamotten, als das wären Wäsche für die letzte Woche zuzügliche seiner Sportsachen, wie Badehose, Handtücher und Trainingsanzug, auspackte, in die schmutzige Wäsche einsortierte. Als er nach einer Ewigkeit damit fertig war, begann er ein par frische Sachen zusammenzupacken, wobei er natürlich tausendmal hin oder herüberlegte welches T-Shit zu welchen Sweatshirt denn besser passen würde. Eine lächerliche dreiviertel Stunde später traten wir vor die Haustür und setzten uns in Richtung S-Bahnhof Steglitz in Bewegung.


***


Endlich in meinem Bungalow angekommen, drehte ich als erstes meinen Heizkörper ein Stückchen auf. Es war kalt geworden. Es war Ende Oktober und wir hatten schon die ersten Bodenfröste gehabt. Herbst in Berlin war so ganz anders als Herbst auf Fehmarn. An der Küste gab es häufig dichten Nebel oder als totales Alternativprogramm heftige Stürme. Eine gute Zeit zum Surfen. Den richtigen Neoprenanzug vorrausgesetzt. Im Herbst legte ich immer die besten Stürze hin um dann über Weihnachten meine geprellten Rippen auszukurieren.

In Berlin wirkte der Herbst wie eine große Schläfrigkeit. Die Natur wurde müde. Zu müde zum Nebel, meisten reichte es nur zu einem feuchten Dunst. Dieser Dunst tauchte zusammen mit der schwachen Herbstsonne alles in ein unwirkliches Licht.

Die Blätter der Bäume auf unserem Grundstück verfärbten sich und leuchteten in allen möglichen Rot- und Brauntönen auf, wenn sie von den gold-gelben Lichtstrahlen der Herbstsonne erhellt wurden. Ein grandioses Naturschauspiel. Aber teilweise auch sau kalt!

Mir fröstelte und ich hielt meine Finger an den Heizkörper. Tim stand unschlüssig mitten im Zimmer, noch in seiner Lederjacke, die Sporttasche mit seinen Klamotten in der Hand haltend.

,,Willst du nicht mal deine Sachen abstellen und deine Jacke ausziehen¿`

``Ähm, ja...``

Unsicher und total umständlich, als wenn er das noch nie gemacht hätte, legte Tim seine Sachen ab.

,,Ok, Babe, was ist los¿`

,,Nix!``

,,Ach, nix? Wie intressant? Erst fragst du mich, ob du mit darfst? Dann brauchst du ewig, um deine Sachen zu packen. Hier stehst du mittem im Raum, als wenn du das erste mal bei mir wärst und jedesmal, wenn ich frage was los ist, sagst du ,Nix!` Babe, ich glaub dir nicht.``

Tim flackerte kurz rot auf. Erwischt!

,,Ich...Wir haben uns fast eine Woche nicht gesehen...``, streifte sein Blick ganz unauffällig über mein Bett?

,,Ja, stimmt auffallend!``

,,Ich habe dich tierisch vermisst...``, der Blick streifte nicht nur das Bett, er blieb daran hängen. Timmy flackerte erneut rot auf.

,,Oh, ich sehe wo das hin führt. Aber¿`

,,Sven?!``

,,Ja, das ist mein Name.``

,,Nein, nicht du...Er...Ich weiß nicht, ob es passend ist wenn wir...Oder ob du noch böse auf mich bist...``

,,Warum sollte ich böse auf dich sein...``, es war immer wieder nett Tim etwas zappeln zu lassen.

,,Ich war vorhin wohl nicht so wirklich nett zu dir...``

,,Unfair¿`, ich sah Tim lächelnd an, meinen Kopf leicht schräg haltend.

,,Möglich...``

,,Zickig¿`, ein provozierender Blick von mir.

,,Wahrscheinlich...``

,,Zynisch¿`, ein diabolisches Grinsen.

,,Vielleicht...``

,,Sauer¿`, mit den Fingern an meiner Nase reibend.

,,Auf jeden Fall!``

,,Gekränkt!``, direkt und ohne Maske.

,,...``, Tim war sprachlos. Und genau so sprachlos nickte er Zustimmung.

Ich fixierte seine Augen. Der Raum um ihn herrum trat in den Hintergrund und wurde überstrahlt von Timmys Aura. Dies war wieder einer dieser Momente, in denen mir schlagartig die Natur meiner Liebe zu ihm in ihrer Gänze bewußt wurde. Es war, als wenn ich das Universum innerhalb einer einzigen Sekunde verstehen würde. Es war ein perfekter Moment.

Meine Liebe wurde in Tim wie von einem Prisma gebrochen und wie Myriaden farbiger Lichstrahlen reflektiert. Es funktionierte. Es funktionierte, weil es beide Richtungen wirkte. Ich spührte einfach, dass Tim das gleiche für mich empfand, wie ich für ihn.

,,Oh Mann, hör auf damit...``, das Zucken brach an Tims rechtem Mundwinkel aus und pflanzte sich über den gesamten Mund fort. Tim musste einfach losprusten und seinen Blick abwenden. Lachend schüttelte er seinen Kopf: ,,Junge, du machst mich schwach. Ich zick rum und verhalte mich wie ein Arschloch und du? Statt zurückzutreten, ziehst du mir den Teppich unter den Füßen weg. Womit hab' ich dich nur verdient¿`

,,Oh, du wirst dafür bezahlen müssen...``, erneut umpsielte ein teufliches Grinsen meine Lippen, ,,Ich war über eine Woche ohne Mann... Ich hätte mich natürlich nach jemanden anderen umsehen könne. Ich mein', da war diese schnukelige Spraydosenverkäufer...``

,,Untersteh dich!``, mit einem Satz war Tim aufgesprungen, hatte mich gepackt und uns beide auf mein Bett geworfen, ,,Weißt du, ich hätte ja auch so meine Möglichkeiten gehabt. Da war so ein megageiles Tier im Leistungszentrum. Perfekte Bauchmuskeln und eine Brust, für die man morden könnte. Ich...``

,,Untersteh du dich!``, Tim hatte seinen Griff um mich gelockert, was ich nutzte, um ihn zu packen und auf den Rücken zu drücken. Mit meinen Beinen hockte ich auf seinen Beinen. Meine Arme fixierten seine Arme auf dem Bett. Tim sah mich frech und provozierend an. Sein Zungenpiercing blitzte zwischen seinen Lippen kurz auf. Ich beugte meinen Kopf zu seinem herrab.

,,Hilfe, ein wildfremder Mann will mich küssen!``

,,Erbarmungslos!``

,,Hilfe, ich...Hmmm...``, meine Lippen hatten ihr Ziel erreicht.

,,Du hast mir gefehlt!``

,,Du mir auch!``

Womit wohl alles gesagt wäre. Meine Lippen berührten erneut seine Lippen. Beide Lippenpare öffneten sich und gaben unseren Zungen ihren Weg frei.

Es war anders!

Es war besser!

Es war besser und schöner als je zuvor. Ich berührte Tim wie ich ihn noch nie berührt hatte. Zu mindest fühlte es sich so an. Die Küsse waren intensiver als alle die wir je vorher ausgetauscht hatten.

Langsam und trotzdem ungeduldig puhlte ich Tim aus seinem T-Shirt. Sein Körper war frisch rasiert, vollkommen glatt und ohne die Ahnung eines Häarchens. Typisch Schwimmer. Meine Hände glitten wie auf einem Luftkissen über seinen Oberkörper. Sie erfühlten jede Erhebung, jede Struktur und sei sie noch so klein: die Wellen seiner Bauchmuskeln, die Kurven seiner Brustmuskulatur, seine Hüften, seine Schultern, seine Schenkel und seine Arme. Es war, als wenn ich mit meinen Fingern eine Landkarte lesen würde. Die Landkarte eines geheimnisvollen, verzauberten Landes.

Tim spreizte seine Arme. Da ich seine Handgelenke fest hielt, senkte sich mein Körper auf seinen herrab. Meine Brust kam auf seiner Brust zu liegen. Mir wurde schwindelig von dieser Berührung und ich schloß meine Augen.

Tim flüsterte mir etwas in mein Ohr: ,,Ich will dich in mir!``

Muss ich erklären was folgte?

Wir hatten Sex. Natürlich. Das war an und für sich nichts besonderes. Sex hatten wir schon mehrfach gehabt. Aber diesmal war es wirklich anders. Ich wusste zu Anfang nicht warum. Es war absolut eindeutig, dass Tim dasselbe empfand wie ich.

Warum nachdenken? Wir ließen uns fallen und genossen einfach was passierte.


***


Erschöpft und glücklich lagen wir halb auf- halb nebeneinander, als Tim zu sprechen an fing.

,,Weißt du was¿`

,,Nö? Was denn¿`

,,Ich weiß ja nicht wie es dir ging, aber was wir da eben gemacht habe...``

,,Stimmt!``, er brauchte nicht weiterreden. Ich wußte was er meinte.

,,Ich hätte nie gedacht, dass sowas möglich ist.``

,,Man soll ja nie nie sagen.``

,,Witzbold! Nein, ich habe gerade etwas begriffen¿`

,,Ach, was denn¿`

,,Wir sind hoffnungslos ineinander verliebt!``

,,Oh Gott! Nur das nicht!``

,,Tja leider, aber es ist die Wahrheit!``

,,Wie kommst du darauf¿`

,,Eigentlich ganz einfach. Was wir bisher so gemacht haben...Im Bette meine ich...Also dass war immer nur pure Geilheit. Schnell, hart und heftig. Es hat zwischen uns körperlich gefunkt. Du bist einfach die totale Sahneschnitte.``

,,Danke für die Blumen...``

Timmy zeigte eine Haifischgrinsen.

,,Außerdem passen wir von unserer Mentalität gut zusammen. Du warst der richtige Mann zu richtigen Zeit. Ich war reif für mein Coming Out und du warst die perfekte Unterstützung. Dann die Sache mit meinem Vater... Sowas verbindet. Aber...``

,,Ich weiß, was du sagen willst. Es war der Reiz des Neuen. Körperlich, aber auch Beziehungsmäßig.``

,,Mmmmmhhh, genau! Bei meinen Freundinen war das jetzt der Punkt, an dem wir immer Schluß machten...``

,,Timmy, red' jetzt keinen Scheiß!``, mein Puls war auf 180. Ein Adrenalinschock sorgte für Schweißausbrüche.

,,...aber bevor wir miteinander Schluß machen würden, würde ich uns eher umbringen!``

,,Krass!``

,,Und todernst!``, Tim küsste mich zärtlich, ,,Ich habe dich die letzt Woche vermisst, wie ich noch nie jemanden vermisst habe. Ich habe schlecht geschlafen und dann immer nur an dich gedacht. Mir fehlte die andere Hälfte von dem hier...``, Tim nahm seinen Anghänger mit der Goldmünze in die Hand, griff nachm meinen und fügte beide Bruchstücke zusammen.

,,Sven? Ich war mir noch nie so sicher, dass ich wirklich in einen Menschen verliebt bin. Abhängig bin. Hofnungslos verfallen bin. Und dieser Mensch bist du!``

Ich strich Tim durch seine Haare und über seine Wange. Oh, wie ich doch sein Gesicht liebt. Einfach darin versinken können!

,,Mir ging es nicht anders. Du bist einzigartig. Weißt du, wie ich mich die letzte Woche gefühlt habe? Wie an meinem ersten Tag in Berlin! Einsam, allein und verlassen! Das ist mir noch bei keinem Menschen passiert. Nicht mal bei Thimo.``

,,Tja und dann der Sex eben...``

,,Was war mit dem¿`

,,Nichts! Er war phänomenal. Hast du mal auf die Uhr gesehen? Wir waren mehr als drei Stunden beschäftigt...``

,,Was? Mir kam es bestenfalls wir 30 Minuten vor! Allerdings die besten 30 Minuten meines Lebens!``

,,Weißt du was das war? Wir haben uns wirklich geliebt! Nicht einfach nur unsere Geilheit befriedigt. Du hast ja nicht so die Erfahrungen mit wechselnden Beziehungen...``

,,Tja, ich bin halt ein braver Junge!``

,,Darüber müsste man noch mal genauer sprechen. Also, was ich sagen wollte. In der Anfangszeit einer Beziehung ist der Sex immer geil. Man ist halt noch total scharf aufeinander. Aber mit der Zeit verliert sich so der Reiz des Neuen. So war es bei all meinen Freundinen. Ok, kommt natürlich noch hinzu, dass das halt Frauen waren und ich ja eher auf Männer...Egal. Die Tatsache bleibt: Wenn man sich aneinander gewöhnt hatte, wurde es deutlich langweiliger. Mit machen bin ich anfangs fast täglich in's Bett gestiegen, später dann fast nie.``

,,Was willst du mir jetzt eigentlich sagen¿`

,,Das es mit dir anders ist. Total anders. Ich wollte nicht deinen Körper, ich wollte dich! Stärker als je zuvor. Ich kann von dir einfach nicht genug bekommen. In dich eindringen, dich in mir spüren, dich zu küssen, mit dir zu verschmelzen.``

,,Du hast Recht. Wir sind hoffnungslos ineinander verliebt. Was machen wir den jetzt¿`

,,Na, wie wär's mit dem, was wir die letzten Stunden gemacht habe¿`

,,Gute Idee...``

Ich sah nur noch Timmys lächeln, schloß meine Augen und fühlte seine Liebe in mir.

Tims Reflektionen über die Dialektik von Lust und Vernunft

,,Guten Morgen ihr zwei!``

,,Kuki¿`, müde öffnete ich meine trägen Augen, ,,Was machst du den hier¿`

,,Eigentlich wollte mit dir Frühstücken und dann zu Timmy. Aber den zweiten Teil können wir uns wohl sparen.``, Kuki spielte amüsiert mit seinen Septumring, ,,Ich scheint ja schon ausgiebig Wiedersehen gefeiert zu haben.``

Tim lag neben mir auf seinem Bauch, den Kopf in ein Kissen vergraben und versuchte das Unvermeidliche, das Aufstehen, hinnauszuzögern. Was Kuki so amüsierte war, dass es absolut offensichtlich war, was wir die letzte Nacht so miteinander getrieben hatten. Tims Körper war nur halb mit der Bettdecke bedeckt. Vom Hals bis zur linken Pobacke war seine nackte Haut zu sehen. Und auch wenn mir die Decke bis zum Bauchnabel reichte, konnte man sich an fünf Fingern abzählen, das der Rest meines Körpers genau so nackt war wie der Teil der oberhalb der Decke lag.

,,Ihr solltet übriegens mal Lüften. Es riecht hier, wie in einem Käfig voller rolliger Tiegern.``

,,Eifersüchtig¿`

Ein verträumter, melancholischer Blick von Kuki auf uns beide: ,,Ja!``

,,Kuki, entschuldige! Ich wollte nicht...``, der Kleine war immer noch in mich verliebt. Ob sich das je ändern würde? ,,Es war ein blöder Spruch. Ich...``

Es war mir unangenehm. Ich war mal wieder im Schlußsprung in's Fettnäpfchen gesprungen.

,,Is' schon gut. Das Thema hatten wir schon. Shit, ich könnte tortzdem einfach so über dich herfallen!``

,,Dann tu es doch!``

Ich zuckte zusammen! Das Kissen neben mir hatte etwas dumpfes gemurmelt.

,,Wie bitte¿`, ich drehte mich zu dem murmelden Kissen und und sah Timmy sich aus der Kopfunterlage erheben und blöd zu grinsen.

,,Wieso denn nicht? Dein Bett ist doch breit genug...``

,,Das meint der jetzt nicht ernst, oder¿`, Kuki zog seine metallischen Augenbrauen schief.

,,Ich weiß' nicht so genau. Du kennst ihn doch eigentlich besser als ich.``

Zwei verwirrte Augenpaare schauten Tim irritiert an. Doch der entblöste nur seine Zähne und schenkte uns ein schneeweißes Zahnpastagrinsen.

,,Ich glaub ich warte lieber drüben.``, womit das Haus meiner Eltern gemeint war. Welches Kuki sich jetzt schickte auszusuchen. Oder zu flüchten...

Für ein par Minuten war ich mit Tim wieder allein.

,,Das war jetzt nicht dein ernst, oder¿`

,,Was denkst du¿`

Oh, man. Tim überraschte mich immer wieder. War das ein Test meiner Treue zu ihm? Oder wollte er wirklich mit mir und Kuki zusammen ein par Zärtlichkeiten austauschen?

Angst befiel mich. Mit Timmy hatte ich einen wirklich attraktiven Kerl angeschossen. Gut Geschmäcker sind sehr verschieden, aber Tim würde wahrscheinlich keine Probleme habe innerhalb kürzester Zeit jemand anderen zu finden. Und das machte mir Angst. Könnte ich ihn auf Dauer an mich binden? Gestern noch diese Bekundung ewiger Liebe, doch jetzt eben diese direkte Anmache von Kuki.

,,Was denkst du¿`, Tim sah mich besorgt an.

,,Was sollte das eben¿`, meine Reaktion war etwas zu scharf.

,,Was¿`

,,Das mit Kuki! Wenn das ein Scherz sein sollte, dann...``

,,Sven, du bist zu kopflastig!``

,,Was soll das denn jetzt wieder heißen¿`

,,Ich geh' duschen!``, sprach's und verschwand im Bad. Knurr

Dieser kleine Arsch ließ mich einfach in meinem Bett sitzen und schmoren. Verdammt, ich dichter ich Tim kam, je näher er mir ans Herz wuchs, desto komplizierter wurde alles. In der einen Sekunden Sex das sich Balken bogen, in der anderen Sekunde Streit. Tim machte mich porös. Er schien das alles auch nicht sonderlich ernst zu nehmen und grinste mich um so stärker an, je mehr ich mich ärgerte.

Ich köchelte immer noch leise vor mich hin, als Tim völlig nackt, aus dem Bad kam. Wie bei ersten mal in diesem Zimmer hatte er auch diesmal ein Handuch in der Hand, hopste auf einem Bein und versuchte das Wasser aus seinen Ohren zu bekommen. Nebenbei bemerkt, sein Schwanz stand halberigiert von seinem Körper ab. Lechz! Dieser Mann machte mich definitiv porös.

,,Sven, darf ich dir eine Frage stellen¿`

,,Hm¿`

,,Was wird zwischen dir und Thimo passieren, wenn ihr euch nach Weihnachten trefft¿`

Treffer und Versenkt! Die Frage traf mich ohne jede Vorwarnung, drang durch mein Brustbein ein und blieb in der rechten Vorkammer meines Herzes stecken. Ich ließ mich erst mal wieder in mein Bett fallen.

,,Ich weiß es nicht...``, ich wusste es wirklich nicht, ,,Ich versuch der Frage seit Monaten aus dem Weg zu gehen.``

,,Du würdest gerne wieder mit ihm schlafen, oder¿`

Wie schaffte Tim es gleichzeitig so total megalieb und schnuckelig, aber auch gleichzeitig erbarmungslos hart zu sein?

,,Ich befürchte mal ja.``, immerhin war ich ehrlich.

,,Das Thema heißt wohl Eifersucht, oder¿`, Tim grinste mal wieder, daß heißt er hatte eher so ein hintersinniges Mona Lisa Lächeln aufgelegt. So langsam begriff ich, dass er Dinge, die ihm sehr, wenn nicht sogar extrem wichtig waren, immer mit einem Lächeln unterlegte

,,Red' weiter...``

,,Ok, was denkst du wird passieren, wenn du oder ich oder wir beide gleichzetig jemanden entdecken, den wir...nun sagen wir mal, nicht von der Bettkante stoßen würden. Würdest du mit so jemanden nicht schlafen¿`

,,Uff, Jung, du bist hart drauf! Und das vor dem Frühstück.``

,,Du sollst ja deine Curryheringe gleich haben. Aber jetzt beantworte erstmal die Frage. Was würdest du tun¿`

,,Himmel sakra, dass weiß ich doch jetzt nicht.``, ich zuckte wild mit meinen Schulter, um meine Unwissenheit zu unterstreichen. Versuchen kann konnte ich es immerhin. ,,Frag mich, wenn es passiert!``

,,Das ist grade passiert. Nur das Kuki zum Frühstück geflüchtet ist.``

,,Tim! Shit! Was willst du von mir hören? Das ich Kuki superniedlich finde? Ja, ich finde Kuki super niedlich! Das ich gerne mal mit ihm kuscheln möchte? Ja, würde gern mal mit ihm kuscheln! Das ich es wirklich tue? Nein, denn ich habe einen Freund, nämlich dich und nur dich! War es das, was du hören wolltest¿`

,,Teilweise...``, Timmy legte sich wieder zu mir ins Bett und streichelte mich sanft, ,,Was denkst du, gibt es einen Unterschied zwischen Liebe und Sex¿`

,,Auf jeden Fall, wieso¿`

,,Was würdest du mit mir machen, wenn ich mit jemand anderem außer dir Sex hätte? Sex, keine Liebe!``

Da mußte ich erstmal nachdenken. Eifersucht? Ich kannt das Wort und wußte auch, was es bedeutet. Allerdings hatte ich selbst noch keine Bekanntschaft mit der Eifersucht geschlossen. Bis zum vergangenen Sommer war ich faktisch beziehungsfrei gewesen. Dann war die Zeit mit Thimo einfach zu kurz und gleichzeitig viel zu lang, dass ich mir darüber Gedanken machen konnte. Marcel? War ich auf Marcel eifersüchtig? Nein, eigentlich nicht. Genaugenommen freute ich mich für die zwei. Timmy? Bisher hatte mir Timmy keine Gelegenheit zur Eifersucht gegeben.

,,Ich weiß es nicht. Ich war noch nie in der Situation. Ich weiß nicht wie ich reagieren würde.``

,,Das stimmt nicht ganz. Was war auf Rügen¿`

Mein Gott, hatte ich die Sache im Pool schon so verdrängt? Mir lief ein eiskalter Schauer über den Rücken. An die Sache im Pool zu denken, war so wie in einen Abgrund zu schauen.

,,Ähm, ich...Aber wir wollten doch alle...``

,,Wieder aller Vernunft¿`

,,Wieder aller Vernungt!``

,,Aus purer Geilheit¿`

,,Aus purer Geilheit!``

Timmy! Hilfe, was willst du von mir? Ich bekam Bauchschmerzen. Mir wurde tatterig und mein Körper bebte. Tim machte mich nervös. Mehr als nervös, er provozierte eine ausgewachsene Panik in mir. Wollte er Schluß machen? Worauf liefen seine Fragen hinaus?

,,Sven, es ist Ok. Sieh mich nicht so panisch an.``, Tim nahm mich zärtlich in den Arm und hielt mich fest. Allein von dieser Berührung begann ich mich zu beruhigen, ,,Entschuldige, ich wollte dich nicht erschrecken. Ich habe mir nur Gedanken gemacht. Das beschäftigt mich schon länger. Genaugenommen seit der Sache im Pool. Was machen wir, wenn die Lust in unserem Köpfen die Vernunft kurz schließt. Du weißt doch was im Pool passiert ist? Wir haben zusammen rumgealbert und plötzlich, peng, standen unsere Schwänze stramm. Und wir wollten es alle!``

,,Und wir haben es getan!``

,,Wieder aller Vernunft!``, Tim seufzte, ,,Es könnte wieder passieren...``

,,Und dann...``

,,Das ist, was ich mich die ganze Zeit frage. Mann, im Leistungszentrum waren geile Jungs, teilweise megageile Schnittchen...Mit dem einem oder anderem hätte man sicher was anfangen können. Wohlgemerkt¸ ich spreche in der Konditionalform. Da ist nix gelaufen...``

,,Aber du fragst mich, wie ich reagiert hätte, wenn da was gelaufen wäre¿`

,,Ja, mehr oder weniger.``

Ich lauschte in mich hinein. Ich horchte. Was wäre wenn?

,,Das ist jetzt nur unter Vorbehalt. Also, ich denke, ich könnte damit leben. So es nur Sex wäre. Solltest du dich aber in jemand anderem verlieben, muß ich leider ein Blutbad anrichten. Irgendwo hat mein Paps noch eine Axt!``

Für die Axt fing ich mir einen Schlag mit dem Kopfkissen ein.

,,Meinst du das ernst¿`

``Ich denke schon.``, das dachte ich wirklich, ,,Was soll's. Wir haben es beide erlebt, was passiert, wenn wir mit dem Schwanz zu denken anfangen. Ich glaub nicht, dass ich so Willensstark bin, dann wirklich nein zu sagen. Wenn es passiert, dann passierts. Das kann man nicht ändern. Scheiße wäre es nur, wenn dann immer ein schlechtes Gewissen mitschwingen würde. Das einzige, was ich fordere ist Offenheit. Wir sollten uns immer alles sagen. Alles! Versprochen¿`

,,Jetzt weiß ich, warum ich mich in dich verliebt habe. Du bist einfach einzigartig. Aber, die Bedingung ist Ok! Versprochen! Hm, ich glaub zwar nicht dass ich einen anderen Mann ohne dich alleine anrühren würde, aber...``

,,Sehr nett von dir. Wer sagt denn, dass ich auf die gleichen Kerle wir du stehe¿`

,,Und was ist mit Kuki¿`, Tim grinste fies.

,,Tja...``, ich fiel in das Grinsen mit ein, ,,...was ist mit Kuki? Das Bett ist ja eigentlich breit genug...``

Vater und Sohn und der Versuch etwas richtig zu machen


Portland


,,...``, Ellen Camron-Bach hatte es die Sprache verschlagen.

Es hatte an der Tür geklingelt. Sie war hingegangen und hatte geöffnet.

Und dann stand er da. Jimmy Reynolds, älter, reifer, aber noch genau so anziehend, wie zur Abschlußfeier der High-School. Ellens Gedanken sprangen 23 Jahre in die Vergangenheit zurück -- in ihre gemeinsame Vergangenheit.

Sind Erinnerungen schwarz-weiß, so wie alte Filme?

Für einen Moment fühlte Ellen ihre Jugend. Ihr Verstand spielte ihr einen Streich. Sie konnte das Aroma der Vergangenheit riechen. Sie hörte die Stimmen, das Lachen, das Flüstern, das Kiechern, aber auch auch die Tränen.

So sehr Ellen diesen Moment festhalten wollte, er verflog, so schnell wie er gekommen war. Zurück blieb die Realität.

,,Ähm``, das zaghafte Räuspern von Jimmy Reynolds löste Ellen Stasis.

,,Hallo Jimmy!``, was für eine Stimme. Ellen errötete als sie bemerkte, dass sie schüchtern flüsterte wie ein Backfisch, dessen Vater jeder Sekunde hinter ihr auftauchen könnte, um ihren neuen Freund zu begutachten (,,Ihr seid um 10 Uhr wieder zu Hause!``). Als Ellen dann noch bemerkte, dass sie errötete, lief sie komplett knallrot an.

,,Hallo Ellen...``, Jimmy lächelte. Er hatte Ellens Reaktion durchaus bemerkt, doch war er viel zu höflich, um darauf einzugehen, ,,Darf ich reinkommen¿`

,,Ja, natürlich...``, ein weiteres Aufflackern der Vergangenheit in der sich Ellen noch einmal jung fühlte. In dem Moment in dem Jimmy Reynolds über die Schwelle ihres Hauses trat, kehrte die Wirklichkeit zurück und die sah alles andere als romantisch aus.

Ellen Camron-Bach führte Jimmy Reynolds in ihr Wohnzimmer. Ellen setzte sich auf die Couch, Jimmy in einen Sessel. Er öffnete seine Aktentasche und holte ein par Dokumente herraus.

,,Wie geht es Thimo¿`

,,Soweit ganz gut. Er...Sie behandeln ihn gut.``

,,Übernimmst du den Fall¿`

,,Ja...``, Jimmy Reynolds zögerte, ,,Ja, ich übernehme den Fall. Insbesondere, insbesondere da er für mich eine unerwartete persönliche Bedeutung geommen hat.``

,,Marcel? Dein Sohn ist ein netter Junge. Mein Gott, ich hätte es sehen müssen. Er ist eindeutig der Sohn seines Vaters.``

,,Wohl eines schlechten Vaters...``, Jimmy wirkte niedergeschlagen.

,,Sag' das nicht. Ich kenne dich besser. Ich...``

,,Wusstest du, dass dein Sohn schwul ist, bevor er es dir gesagt hat¿`

,,Ja, aber...``

,,Ich habe es nicht gewußt! Marcel ist einfach so neben mir aufgewachsen und ich habe es nicht bemerkt!``

,,Väter merken sowas nicht.``

,,Hat dein Mann es gewußt¿`

,,Natürlich nicht. Erst, als ich es ihm gesagt habe. Ihr seid Männer, ihr verdrängt sowas! Söhne von Vätern sind nie schwul. Sie werden harte Footballspieler...``

,,Das ist nicht fair.``, Jimmy war nicht wirklich sauer. Er kannte Ellens kleinen Sticheleien.

,,Nein, ist es wohl wirklich nicht. Trotzdem, wie stehst du dazu¿`

,,Das mein Sohn homosexuell ist¿`

,,Ja! Übriegens es heißt ,schwul!``

,,Ok, schwul! Ich will ehrlich zu dir sein. Ich weiß es einfach nicht. Der Gedanke ist neu.``

,,Ach komm, was war mit Peter, Chris und Jan? Du erinnerst dich doch noch an die, oder¿`

,,Oh, mein Gott, Jan, die heißeste Schwester unserer Schule. Wir Jungs haben ihn beneidet. Ihr Mädels lagt ihm zu Füßen, statt dessen war er hinter dem Quaterback her. Chris und Peter! Wie konnte ich die vergessen. Erinnerst du dich an das Kiss-In. Der Direktor ist ausgerastet. Wie hieß der noch¿`

,,Carpenter. Dick Carpenter war 55 und hatte eine Glatze. Der alte reaktionäre Drecksack wollte die beiden von der Schule schmeißen. Aber wir, linksliberal wie wir damals alle waren, haben ihm eine Lektion in politischer Korrektheit vermittelt.``

,,Stimmt. Du hast Recht. Mein Gott, all die Jahre hab' ich daran nicht mehr gedacht. Chris lebt übriegens immer noch in Portland. Er hat das Autohaus seines Vaters übernommen und inzwischen Filialen im ganzen Bundesstaat. Soweit ich weiß, ist er formal verheiratet, lebt aber mit seinem Freund zusammen.``

,,Oh, wie verlogen...``

,,Ja, aber nicht von ihm. Ellen, dass sind die Vereinigten Staaten, nicht Europa. Unsere Moral ist verlogen und heuchlerisch. Heule mit den Wölfen und alle lassen dich in Frieden dein Ding machen. Hauptsache der Schein bleibt gewart.``, Jimmy fuhr sich durch seine Haare, ,,Was ist aus Jan geworden? Er ist doch damals mit dir auf die New York State gegangen.``

,,Du weißt es nicht¿`, der Schatten eines Schmerzes verdunkelte Ellens Gesicht.

,,Nein, was denn...``

,,Jan ist Tod. Ich war auf seiner Beerdigung. Er ist 1988 gestorben.``

,,Was¿`, Jimmy war entsetzt und betroffen.

,,Ein Autounfall. Ein Betrunkener verlor die Kontrolle über seinen Wagen und kam auf die Gegenfahrbahn. Frontalzusammenstoß. Jan starb an der Unfallstelle, der Fahrer lebt. Er hatte gute Anwälte und ist auf Bewärung freigekommen.``

Ellen ärgerte sich über sich selbst. Immer wenn ihr dieses Thema über den Weg lief, schlug ihre Verbitterung sofort in Zynismus um.

,,Aber wir wollten ja nicht über die Vergangenheit sprechen. Du wolltest mir erzählen, wie du zu deinem Sohn stehst.``

,,Ellen, was denkst du? Das ich mich ärgere das Marcel schwul ist? Quatsch, was ich auch immer davon halten mag, ich liebe ihn, ich bin stolz auf ihn und ihr freu mich für ihn, dass er jemanden gefunden hat, der ihn liebt -- Nach allem, was er durchstehen musste...``

,,Du weißt was mit Marcel los war¿`

,,Scott¿`

,,Scott!``, Jimmy wirkte plötzlich alt und müde. Träge strich er sich über seine Augen, ,,Ich weiß nicht, wie ich meinem Sohn je wieder in die Augen sehen kann. Ich hätte für ihn da sein müssen, als er mich brauchte. Das ist doch die Aufgabe eines Vaters, oder? Ich habe versagt!``

,,Nicht nur du! Wir versuchen immer das Beste für unsere Kinder zu tun. Doch letztlich scheitern wir fast immer. Als Jens erkrannkte und langsam krepierte, habe ich alle Energie auf ihn verwendet. Auch ich habe meinen Sohn im Stich gelassen. Ich ließ ihm mit der Situation allein klar kommen. Aber er hatte einen Freund, Svenni, ein wirklich netter Junge. Aber selbst das habe ich vernichtet. Kaum hatte ich die Entscheidung gefällt wieder her zu ziehen, fanden Sven und Thimo zueinander. Ja, Sven war plötzlich nicht nur Thimos bester Freund, er war auch sein erster Freund. Du weißt was ich meine¿`

,,Ich denke schon...``

,,Die beiden hatten nur einen Monat...``

,,Ich verstehe...``

,,Und jetzt sitzen wir hier und...``, Ellen mußte plötzlich zu einem Taschentuch greifen. Ihr Nevenkostüm war angegriffener als sie es wahr haben wollte. Kurzeitig hatten die Erinnerungen an die Vergangenheit dafür gesorgt, dass sie die Gegenwart vorrübergehend verdrängen konnte. Jimmy gab ihr Zeit sich zu fangen.

Ellen wischte sich die letzten Tränen weg: ,,Entschuldige bitte, ich wollte nicht weinen, aber...``

,,Es ist Ok!``

,,Jimmy, ich muss es wissen, wie steht es um meinen Sohn¿`

,,Ich wünschte, du hättest nicht gefragt...``, Jimmy Reynold holte tief Luft, ,,Ich bin hundert Prozent davon überzeugt, dass Thimo nichts schlechtes getan hat. Insbesondere hat er Scott nicht ermordert. Aber...``, noch eine Pause in der sich Jimmy sammelte, ,,...er hat kein Alibi...``

Ellen erbleichte: ,,Braucht er denn eins¿`

Jimmy seufzte: ,,Er hatte ein Alibi...``


***


,,Marcel¿`, Ellen sah überrascht an Jimmy Reynolds vorbei. Sein Sessel war der Tür abgewandt, weder konnte er seinen Sohn noch dieser ihn sehen.

Jimmy Reynolds versteinerte. Hin- und hergerissen von seinen Gefühlen, wusste er nicht, wie er reagieren sollte.

,,Ich...Oh, entschuldige bitte, dass ich so reingeplatzt bin. Ich wusste nicht, dass du Besuch hast. Ich wollte nur wissen, ob es etwas Neues von Thimo gibt.``

Der Sessel hatte eine recht hohe Rückenlehne. Von hinten war es Marcel unmöglich zu erkennen, wer in ihm saß.

,,Marcel, komm bitte rein. Ich glaube mein Gast kann dir das genauer erklären.``

Jimmy Reynolds rieß seine Augen weit auf und starrte Ellen entgeistert an. Er schwieg, aber sein Blick sprach: ,,Warum tust du das? Ich kann mit meinem Sohn nicht sprechen, noch nicht!``

Ellen erkannte den Blick und wußte ihn zu deuten. Ihre Antwort folgte genau so nonverbal wie die Frage: ,,Doch du kannst! Und zwar jetzt!``

In der Zwischenzeit war Marcel von der Tür zur Zimmermitte vorgedrungen und umrundete grade den Sessel.

,,Paps¿`, verblüfft und erstaunt zuckte er zurück.

,,Hallo Sohn!``, Ok, da muß ich jetzt wohl durch. Danke Ellen!

,,Paps, du verteidigst Thimo¿`

,,Ich bin Anwalt.``

,,Äh, ja, natürlich. Aber was ist mit Mum¿`

,,Vergiss deine Mutter. Meine Mandaten such ich mir immer noch selbst aus. Und das ist eines der wenigen Prvilegien, die mir deine Mutter nicht versagen kann.``

,,Hast du mit Thimo gesprochen¿`, Marcels Frage klang schüchtern und vorsichtig, genau so, wie man eine Frage stellen würde, deren Antwort man kennt, bei der einem aber dir Richtung, in die die Antwort einen führt, nicht gefällt.

,,Ja, dass habe ich.``, Jimmy versuchte die Antwort so neutral wie möglich klingen zu lassen.

,,Und¿`, dir Frage verrät den Fragenden.

,,...``, Jimmy schwieg, aber sein Blick beantwortete die Frage.

,,Oh...``, Marcels Augen wurden feucht, ,,...ich verstehe.``

,,Thimo wollte es nicht erzählen. Erst als ich ihm klar machte, dass sein Leben davon abhängt...Marcel, warum hast du uns nie etwas gesagt? Warum muß ich von deinem Freund erfahren, dass Scott dich...``

Jimmy konnte das Wort nicht aussprechen. Marcel konnte: ,,Vergewaltigt hat¿`

,,Ja.``

Fast unbemerkt schlich sich Ellen aus dem Zimmer. Dies war ein Gespräch unter vier Augen zwischen Vater und Sohn.

,,Marcel es tut mir Leid. Ich hab' als Vater versagt. Ich hab' dich im Stich gelassen, wo du mich gebraucht hättest.``

,,Quatsch!``, Marcel blaffte seinen verblüfften Vater an, ,,Gar nichts hättet ihr tuen können. Weder du noch Mum. Rein gar nichts!``

,,Aber...``

,,Nichts aber! Was wäre denn passiert? Ohne Zeugen? Ein absurde Anschuldigung einer verweichlichten Schwuchtel gegen den Quaterback und Captain der Footballmannschaft. Die hätten mich umgebracht!``

,,Es hätte andere Möglichkeiten gegeben. Eine andere Schule...``

,,Und was wäre da anders? Wäre ich da nicht schwul? Würde es da keinen Scott geben? Außerdem, was denkst du, wie Mum reagiert hätte, wenn sie von der Sache erfahren hätte. Du kennst sie doch. Homosexualität ist ein Problem anderer Leute. Ihr Sohn ist niemals schwul! Für Mum wär ich doch auch noch ihr lieber kleiner Heterojunge, wenn ich mit einem ganzen Horde Männer im Bett liegen würde.``

Mit jedem Satz steigerte sich Marcels Lautstärke. Am Ende war er am schreien. Aufgestaute Wut bahnte sich ihren Weg.

,,Beruhig dich doch.``

,,Ich will mich nicht beruhigen! Shit, was für ein Mist. Was für eine Scheiße habe ich durchgemacht.``, zur Wut gesellten sich die obligatorischen feuchten Augen, ,,Aber wenn du Mum fragst wirst du sicherlich hören, was für eine behütete, glückliche Kindheit ich hatte. Mit einem Selbstmordversuch...``

Jimmy wurde kreidebleich: ,,Was? Du hast versucht...``

,,Ja, fuck! Weißt du wie das ist, wenn man dir mit aller Gewalt in den Arsch fickt? Wie man sich dann fühlt? Du kanntest Scott, er war kräftig. Mehr als kräftig. Als er fertig war habe ich geblutet wie ein Schwein. Ich konnte mehr als eine Woche nicht vernünftig sitzen. Aber das war nur körperlich. Ich wurde von ihm seelisch beherrscht und mißbraucht. Ich wollte das nicht mehr! Ich wollte meine Freiheit zurück! Der einzige Weg dahin war ein Packung Schlaftabletten. Wenn Jana damals nicht gewesen wäre...``

Marcel hatte gedacht, dass er über diese Sache hinweg war. Spätestens, nachdem der Nacht mit Thimo auf dem Baumhaus. Der ersten Nacht, in der er jemanden wirklich sein Herz ausgeschüttet hatte. Aber dem war nicht so. Das Erlebte steckte einfach zu tief und hatte zu schwere Wunden gerissen, als dass es von heute auf morgen verschinden würde. Marcel brach vollends in Tränen aus.

Jimmy zögerte nur einen kurzen Augenblick, dann nahm er seinen Sohn in den Arm. Marcel wehrte sich nicht. Ganz im Gegenteil, er ließ sich von seinem Vater halten und das in mehrfacher Hinsicht. Seit vielen Jahren war dies das erste mal, dass sich Vater und Sohn so nah gekommen waren.

,,Paps, ich liebe dich! Bitte rette Thimo...``

Wenn das so einfach wäre... niemand sah den dunklen Schatten, der über das Gesicht des erfahrenen Prozeßanwalts lief.

Auf der Suche nach einem verlorenem Freund


Berlin


,,Wo ist Sven¿`, Biene sah sich in der Klasse um. Sven I war nicht zu sehen.

Es war der erste Schultag nach den Herbstferien. Der Oktober war fast vorbei. Pünktlich zu Ferienschluß zeigte sich noch einmal ein Abglanz des Sommers. Der Oktober wurde nocheinmal sonnig und golden und hatte mit 21 Grad sogar ein par angenehm warme Tage. Dumm nur, dass wir die hinter den Mauern unserer Schule verbringen durften.

Ich saß neben Timmy auf meinem Platz. Eigentlich saßen alle auf ihren Plätzen. Alle, bis auf Sven. Sollten wir uns Sorgen machen?

Mein merkwürdiges Gespräch mit Tim lag einen Tag zurück. Wir waren übereingekommen, dass Sex und Liebe zwei par Hüte sind. Obwohl ich noch so meine Zweifel hegte, ob man sowas so einfach beschließen könnte. Tim meinte ,,Ja, dass geht!``.

Nachdem auch ich mich angezogen hatte, gingen wir ins Haus meiner Eltern, wo meine Mum bereits mit dem Frühstück auf uns wartete.

,,Morgen ihr zwei Langschläfer.``

,,Moin Mum!``, mit der Sitte meiner Mutter morgens einen Kuß auf die Wange zu geben, hatte ich bereits vor drei Jahren gebrochen, ,,So so, dass ist also deine Art jemanden zum Frühstück einzuladen¿`

Das war an Kuki gerichtet, der ganz scheinheilig an einem Ohrring spielte: ,,Wieso, steht hier etwa kein Frühstück¿`

,,Ok, ok...``

,,Was ist denn noch bei eurer wichtigen Besprechung rausgekommen¿`, Kuki, die Neugier in Person.

,,Das mein Bett brei genug ist!``, ha, dass saß. Kuki starrte uns ungläubig an. Er blickte von mir zu Tim und wieder zurück, erntete aber nur die Gesichter zweier grinsender Honigkuchenpferde.

Die erste Portion Curryheringe mußte dran glauben.

,,So, freut ihr euch schon auf die Schule¿`

,,Danke, Mama, dass du uns daran erinnerst...``, Mum war ja eigentlich ganz nett, aber manchmal hatte sie die Sensibilität eines Vorschlaghammers. Wenn ich eins nicht ausstehen konnte, dann war das am letzten Ferientag an die Schule erinnert zu werden.

Nach dem Frühstück besuchten wir Dirk und trafen dort auch, wenn wunderts, Biene. Eigentlich fehlt nur noch Sven. Da Dirk, Biene und Kuki noch nicht im Bilde waren, schließlich war dies unser erstes Zusammentreffen nach der Rügenfahrt, gab es ein kurzes Briefing.

,,Rolf, Sascha und Andre', warum bin ich nicht sonderlich überrascht¿`, Biene leicht wütend.

,,So richtig überrascht ist wohl niemand von uns.``, Dirk war mal wieder ganz der nüchterne Analytiker, ,,Aber unser lieber Svenni hat trotzdem Scheiße gebaut. Wollen wir ihn wirklich als Freund wiederhaben¿`

,,Ja natürlich!``, Kuki wirbelte zu Dirk herrum, dass seine Piercings klimberten.

,,Yap!``, Biene kurz und sachlich, ,,Plus einen Tritt in den Arsch!``

,,Willst du ihn etwa nicht wiederhaben¿`, die Frage kam von mir. Dirk hatte noch am wenigsten Streß mit Sven gehabt, desswegen war ich von seiner Reaktion überrascht.

,,Ich wollt' es doch nur wissen, Ok¿`, Dirk sah sich schüchtern um, ,,Man wird doch wohl noch fragen dürfen, oder? Immerhin war das schon etwas heftiger, was er da angerichtet hat. Tim, du hast noch nichts gesagt.``

Etwas abwesend begann Tim zu sprechen. Er hatte sich verkehrt herum auf einen Bürodrehstuhl gesetzt und umklammerte die Rückenlehne mit seinen Armen. Ab und zu versetzte er den Stuhl mit seinen Beinen in Drehung, während er das Muster auf Dirks Teppich betrachtete.

,,Ich kenn alle Argumente. Ich hab' mich auch schon mit meinem Svenni hier desswegen angelegt. Mein erster Gedanke war: ,Verreck du Arschloch`. Bis mir dann Nico den Kopf gewaschen hat. Ok...ich bin an all dem nicht unschuldig. Sind wir alle nicht. Seht euch um! Vor 'nem Jahr waren wir alle noch mehr oder weniger solo. Also ich meine damit keine ernsten Beziehungen oder so. Das hat sich geändert...``

,,Aber holla!``, Dirk demonstrierte Zustimmung.

,,Na, ihr zwei ward ja auch die Ersten.``, Tim sah Biene und Dirk an, ,,Die Ersten, bei denen man von sowas wie einer echten Zweierkiste sprechen konnte. Und inzwischen? Ihr habt euch immer noch, Kuki hat Holger und ich hab' meinen Inselboy. Und wen hat Sven I? Er ist auf der Strecke irgendwie zwischen die Räder gekommen. Ja, ich denke, wir sollten ihn retten...``, und dann grinste Timmy, ,,...und ihn anschließend eine Lektion erteilen.``

,,An was denkst du denn du da so¿`

,,Och, ich bau da auf unsere Kreativität. Irgendwas, dass er nie vergisst und uns trotzdem nicht übel nimmt. Strafe muß sein!``

,,Sadist!``

,,Aber ja doch! Immer gerne zu Diensten...``

,,Oh, Timmy, bitte mach's mir. Peitsch mich aus!``, Dirk stieg auf Tim ein.

Kuki schmunzelte.

,,Nee Dirk, dass geht jetzt nicht. Meine Peitsche ist noch ganz naß, nachdem ich gestern Nacht meinen Inselboy blutig geschlagen habe und sie erstmal waschen musste. Da musst du dich noch gedulden...Aber ich kann dir ein Nagelbrett anbieten...``

,,Tim-my!``, so langsam musste ich eingreifen. Man kommt ja so schnell in einen schlechten Ruf.

,,Schweig, Sklave!``

,,Aufhören!``, Kuki krümmte sich vor lachen.

Ich stand auf und kniete mich vor Timmy hin: ,,Oh, wird mir mein Meister noch einmal verzeihen, dass ich ihm ins Wort gefallen bin¿`, wenn ich ihn schon nicht stoppen konnte, mußte ich eben mitspielen.

,,Das muß ich mir noch überlegen. Heute nacht wirst du in deinem Käfig schlafen. Das soll dir eine Lehre sein mich zu unterbrechen!``

,,Danke Meister! Verzeiht ihr mir¿`

,,Ich kann nicht mehr! Bitte, hört auf!``, Kuki prügelte mit seinen Fäusten auf den Teppich vor sich ein. Ihn hatte ein totale Lachkrampf erwischt.

,,Dein Meister ist gnädig! Ich verzeihe dir!``, Tim versuchte ernst zu bleiben und die Rolle durchzuhalten -- Es gelang ihm nicht. Die letzten zwei Worte waren kaum verständlich. Krampfhaft versuchte mein Babe nicht laut loszuprusten, doch der Lachreiz war stärker. Kaum lachte Tim los, durchzuckte es mich ebenfalls. Eben noch vor ihm spielerisch knieend, kringelte ich mich neben Kuki vor lachen auf dem Teppich.

,,Die spinnen doch alle...``, meinte Biene bierernst, um anschließend selbst die Kontrolle über ihre Lachmuskeln zu verlieren.

Es dauerte ein par Minuten bis wir uns wieder beruhigten.

,,Das sind ja ganz intressante neue Neigungen, die wir da an dir entdecken.``, Dirk schmunzelte immer noch.

,,Nicht war...``, Tim lächelte noch einmal, wurde dann aber plötzlich ernst, ,,Aber wir sollten unser Ziel nicht aus den Augen verlieren. Wir müssen erst einmal Sven finden. Und wenn wir ihn gefunden haben, müssen wir ihn noch dazu bringen, dass er überhaupt mit uns spricht.``

,,Na ja, spätestens Morgen wird er wieder in der Klasse sitzen.``

Wie sich rausstellen sollte, war diese Einschätzung deutlich zu optimistisch gedacht.


***


,,Wo ist Sven¿`, Biene sah sich in der Klasse um. Sven I war nicht zu sehen.

Doc Rüdigers Deutschstunde fand ohne Svens Beteiligung statt. Der Unterricht ging sich zäh an. Da unsere lieben Pädagogen immer noch von dem Projektarbeitsvirus befallen waren, bestand ein Großteil des Unterrichts darin, dass die einzelnen Gruppen einen Statusbericht abgaben. So richtig viel hatten wir zu unserem Thema ,,schwule Jungs`` noch nicht zustande gebracht. Eigentlich fast gar nichts. Ich sah Timmy fragen an und flüsterte ihm etwas in's Ohr. Sollten wir wirklich sagen, dass wir uns ,,mit dem ganzen Körper in unsere Aufgabe gestürzt hätten, um konkrete praktische Erfahrung zu sammeln``?

Tim reagierte; er prustete los.

,,Tim möchten Sie mit Ihren Gruppenbericht fortfahren¿`, typisch Lehrer. Sie reagieren wie pawlowsche Hunde und haben die Gesinnung von Diktatoren. Doc Rüdigers Frage war natürlich keine, sondern eine Aufforderung der man nachzukommen hatte.

,,Ok, ähm, ja...also...wir...``, Tim sah mich hilfsuchend an. Ich nickte ihm zu und legte so, dass es kaum jemand bemerkte meine Hand gegen seine. Tim fasste sich sofort: ,,Wir haben uns bisher mit dem Quellenstudium beschäftigt. Sie hatten völlig Recht, es ist ein sehr schwieriges Thema. Wir haben uns entschieden das Thema an einem konkreten Beispiel zu präsentieren und anschließen mit Datenmaterial zu untermauern...``

Doch Rüdigers Stirn kräuselte sich.

,,...Sven, der andere, der heute leider nicht da ist, kümmert sich um das Quellenmaterial. Kuki, Sven und ich hatten vor uns mit ein par Betroffenen zu unterhalten und haben das auch schon teilweise in die Tat umgesetzt.``

Aus der Ecke von Rolf und Andre' kam ein Raunen.

,,Na, dass klingt doch schon sehr vielversprechend. Habt ihr also schon Kontakt gefunden? Ich schlage sonst vor, dass ihr euch an eine Jugengruppe wendet. Sowas gibt es.``

Was du nicht sagst, du kleines Lehrerchen! War Doc Rüdiger wirklich so naiv oder war das nur eine Masche von ihm. Jedenfalls ließ er uns, sichtlich beeindurckt, vom Haken und wendete sich einer anderen Gruppe zu.

,,Sven macht Quellenstudium¿`, ähnlich beeindruckt wie unser Lehrer musste ich bei meinem Tim dann doch noch mal nachhaken.

,,Warum den nicht? Mir fiel auf die Schnelle nichts Besseres ein. Außerderm ist er gerade nicht da...``

,,Genau das macht mir sorgen!``

,,Mir auch!``


***


Schulschluß. Wir trafen uns alle vor der Schule, dass heißt fast alle.

,,Hat jemand was von Sven gehört¿`

Auf unserer Schule waren neuerdings Handys verboten. Wer mit einem telefonierend erwischt wurde, war es ersteinmal los. Ich hatte so meine Zweifel, ob so eine Beschlagnahme rechtlich überhaupt zulässig war. Auf der anderen Seite wollte ich auch nicht leichtfertig mein Telefon riskieren. Das galt für uns alle, soweit Mann oder Frau über ein Handy verfügte. Jeden Morgen vergruben wir unsere kabellosen Kommunikationskisten tief in unseren Rucksächen, versicherten uns allerdings vorher gewissenhaft darüber, dass die Viecher auch ausgeschaltet waren und wagten es erst, sie wieder ein zu schalten, nachdem wir das Schulgrundstück verlassen hatten.

Es soll Schüler gegeben haben, die die geniale Idee hatten, auf dem Schulklo zu telefonieren. Arme unterbelichtete Wesen. Das hat weder mit dem heimlichen Rauchen, noch mit dem Kiffen und Poppen(?) geklappt, wieso sollte es mit simsen funktionieren?

Es hatte also, in Folge fehlender Kommunikationsmöglichkeiten, noch niemand mit Sven gesprochen. Dirk schaufelte sein Handy frei. Meine Pre-Paid-Karte war wärend Tims Abwesenheit stark gebeutelt worden und leider war noch so viel Monat übrieg am Ende des Taschengeldes. Wie immer!

Dirk wählte. Wir warteten.

,,Nur der AB! Ich versuch es zu Hause.``

Dirk wählte erneut. Wir warteten erneut.

Ein Freizeichen. Noch ein Freizeichen. Jemand hob ab -- Svens Mutter.

,,Könnte ich bitte Sven sprechen¿`

Eine unverständliche Antwort.

,,Ach, noch in der Schule? Oh, dann hab' ich ihn wohl grade verpaßt.``

Dirk legte auf und sah uns fragend an.

,,Svens Mutter meinte er sei noch in der Schule. Also ist er nicht krank sondern schwänzt! Das ist nicht gut...Das ist gar nicht gut... Hat jemand eine Idee, was wir jetzt machen¿`

,,Ja, ich!``

Alle Blicke wendeten sich Timmy zu.

,,Ich glaube, ich habe eine Idee, wo er sein könnte.``

,,Gut gehen wir hin.``

,,Nein, ich werde gehen! Allein! Was denkt ihr, wie er reagiert, wenn wir alle gleichzeitig auftauchen¿`

,,Du hast Recht!``, der Gedanke, dass Tim alleine los ging gefiel mir trotzdem nicht.

,,Ok, wir treffen uns bei dir!``

Tim ging los. Wir sahen ihm nachdenklich nach. Es war ein schöner Oktobertag. Die Sonne schien und es war fast warm. Doch wie ich Tim weggehen sah, befiel mich eine eisige Kälte. Ein ungutes Gefühl, nicht wirklich konkret greifbar, aber unheimlich quälte mich.

,,Ok, gehen wir¿`

Justizias Blindheit

Das Gebäude des Portland Criminal Court war ein schmuckloser Betonbau. Ein typisches Werk der späten 80iger Jahre. Zur Zeit seiner Eröffnung muß er als ein Meilenstein der Architektur gegolten haben. Inzwischen war der Beton brüchig und grau geworden. Moos hatte sich im Mauerwerk festgesetzt und beschleunigte den Verfall. Der Schuppen war einfach häßlich. Seit mehr als drei Jahren lag der Stadtverordnetenversammlung ein Antrag auf Sanierung vor, aber niemand war bereit, sich an dem Projekt die Finger zu verbrennen.

Thimo wußte davon nichts und hatte auch keine Gelegenheit gehabt, die Langweiligkeit des Gebäudes zu bewundern. Der Gefangenentransporter war verdunkelt und hielt direkt in der Tiefgarage des Gerichts. Dort wartete er in einer Zelle bis zur Vorverhandlung. Doch selbst wenn er das Gebäude gesehen hätte, ihn hätte es nicht intressiert. Er hätte es nicht einmal bemerkt.

Thimo hatte andere Sorgen. Man beschuldigte ihn des Mordes. Ihn, einen 16 jährigen Schüler. Er soll einen Menschen umgebracht habe. Er, der Gewalt verabscheute. Thimo stand im sprichwörtlichen neben sich. Er sah, was mit ihm geschah, er registrierte, wie mit ihm verfahren wurde, aber er nahm nicht aktiv daran teil. Es war, als wenn es jemanden anderem passieren würde.

Bei aller Unwirklichkeit manifestierte sich trotzdem eine bleibende Erfahrung.

Das Warten -- Ein alter Begriff füllte sich mit einer neuen Bedeutung. Seit seiner Verhaftung bestand Thimos Haupttätigkeit aus warten. Warten auf seinen Anwalt, warten auf das Essen, das Schlafen gehen, das Aufwachen, das Wachpersonal, warten auf...einfach alles.

Thimo wusste nicht ob es ein purer Zufall war, oder ob jemand von der Untersuchungshaftanstalt mitgedacht hatte. Man hatte ihm eine Einzelzelle zugewiesen. Jedenfalls war er darüber dankbar. Auf dem Weg zu seiner Zelle waren ihm eine Reihe sehr eindeutige Angebote unterbreitet worden. Ob es hier wohl Kondome gibt?

Aber inzwischen war er nicht mehr sicher, ob, er nicht doch lieber Gesellschaft gehabt hätte. Die Ödheit und Hoffnungslosigkeit einer Gefängniszelle war einfach nicht vorstellbar.

Thimos Verhaftung war am Sonntag Morgen gewesen. Inzwischen war es Montagmittag und die Vorverhandlung stand bevor. Kurz vor Beginn der Verhandlung instruierte Jimmy Reynolds Thimo nochmals über das, was gleich passieren sollte.

Thimo nahm es zur Kenntnis. Er hörte zu. Die Worte prasselten auf ihn ein, aber drangen nicht bis zu ihm durch. Jimmy Reynolds merkte was passierte, schloß seine Augen und nickte. Jimmy legte seine Hand auf Thimos Schulter.

,,Es ist gut. Wir stehen das durch. Gemeinsam!``

Wo hatte ich diese Worte schon mal gehört?

,,Erheben Sie sich!``, der Gerichtsdiener kündigte das Erscheinen des Richters an, genaugenommen erschien eine Richterrin, ,,Fall 1 -- Der Staat Maine gegen Thimo Camron-Bach. Den Vorsitz führt die ehrenwerte Richterin Felicitas Cunningham``

,,Guten Tag meine Herren...``, Felicitas Cunningham ließ sich in ihrer schwarzen Robe auf ihrem bequemen Richterstuhl fallen. Sie schien eine sympathische Frau zu sein. Ungefähr mitte 50, schwarz, mit einer gewagten Brille, hinter der freche und sehr wache Äuglein hervorlugten. Ihre Stimme war warm aber auch bestimmt. Sie machte jedem sofort klar, wer hier der Boß im Gerichtssaal war.

,,Ist die Anglagevertretung bereit¿`, Richterin Cunningham stutzte, als sie den Ankläger sah und lugte über den Rand ihrer Brille, ,,Ich bin überrascht, Mr. Tanner? Welchen Umstand verdanken wir es, dass der Herr Oberstaatsanwalt persönlich die Anklage vertritt¿`

,,Euer Ehren, mein Erscheinen reflektiert nur die schwere der Tat!``

Cunningham verdrehte ihre Augen: ,,Verfügt der Beklagte über einen Anwalt¿`

Jimmy Reynolds erhob sich von seinem Platz: ,,James Reynolds für den Angeklagten.``

Diesmal hob Richterin Cunningham ihre Augenbrauen aus offener Überraschung an: ,,Mr. Reynolds, Sie auch in vor unserem Gericht? Was wird das hier? Ist der Kleine O.J. Simpson, dass gleich die erste Ganitur der Anwaltschaft des Bundesstaates antanzt¿`

,,Dieser Fall berührt persönliche Intressen.``

,,Ich verstehe. Gut, Herr Staatsanwalt, dann legen Sie mal los.``

,,Wir beschuldigen den Angeklaten, Thimo Christian Torsten Camron-Bach, Scott Michael Richardson kaltblütig und vorsätzlich wegen niederer Bewehgründe ermordert zu haben. Wir werden darlegen, dass der Angeklagte Motiv und Gelegenheit hatte, seine Tat auszuführen. Die Brutalität der Tat verlangt weiterhin, dass in diesem Fall das Erwachsenenstrafrecht zur Geltung kommt. Die Gesellschaft fordert Gerechtigkeit.``

,,Es reicht, es reicht...Sparen Sie Ihr Pulver für das Eröffnungsplädoyier. Ok, Sie wollen also mit den ganz großen Hammer des Erwachsenenstrafrechts zulangen. Ich hoffe Sie wissen, was Sie tun...``, Cunningham schüttelte den Kopf und mehr zu sich selbst, aber immer noch laut genug, dass jeder es im Saal hören konnte: ,,Das kann ja noch lustig werden.``

Und wieder in normaler Lautstärke: ,,Wie bekennt sich der Angeklagte``

Das war Thimos Stichwort. Der Angstschweiß auf der Stirn, die Hände auf den Schreibtisch vor sich gestützt, erhob sich von seinem Stuhl und stammelte: ,,Nicht schuldig, euer Ehren.``

,,Der Angeklagte bekennt sich als nicht schuldig. Zu den Akten aufgenommen. Herr Verteidiger möchten Sie einen Antrag stellen¿`

,,Selbstverständlich euer Ehren. Die Verteidigung stellt Antrag auf vorläufige Freilassung. Die Höhe der Kaution möge das Gericht festsetzen. Weiterhin beantragen wir die Verlegung des Gerichtsortes, da durch die Presseberichterstattung ein fairer Prozeß nicht zu erwarten ist.``

,,Jimmy, sie alter Windhund. Wollen Sie mir wieder mal den schwarzen Peter zuschieben. Na gut. Was sagt die Anglage¿`

,,In Folge der Schwere und Verwerflichkeit der Tat beantragen wir die Verweigerung einer Freilassung auf Kaution. Auch sieht die Anklage keinen Grund für eine Verlegung des Gerichtsortes.``

,,Der Angeklagte ist nicht vorbestraft, lebt in sozial gefestigten Verhältnissen und ist ein angesehnes Mitglied der Schülerschaft seiner High School. Seine einzigen Angehörigen leben in Portland. Die Gefahr einer Flucht, zumal mein Angeklagter noch minderjährig ist, besteht nicht.``

,,Ok, der Angeklagte wird auf Kaution entlassen. Die Höhe wird auf 100.000 USD festgesetzt. Der Antrag auf Verlegung des Gerichtsortes wird abgelehnt.``

,,Einspruch!``

,,Abgelehnt! Die Hauptverhandlung findet in einer Woche um 10:00 Uhr statt. Die Verhandlung ist geschlossen.``

Das war's? Thimo hatte von einer Vorverhandlung mehr erwartet. Das waren ja bestenfalls 5 Minuten.

Mit einem satten Knall fiel der Richterhammer auf den Tisch. Thimo stand immer noch, sah sich um, und fühlte sich wie in einem falschen Film. 100.000 Dollar? Wie sollte er so viel Geld auftreiben können.

,,Und nun¿`, er hatte seine Sprache wiedergefunden und wandte sich seinem Anwalt zu.

,,Nun? Nun werden wir versuchen das Geld aufzutreiben. Sobald es da ist, bist du ersteinmal wieder frei. Dann sehen wir weiter.``

,,Aber das ist so viel Geld!``

,,Das findet sich schon alles. Keine Angst. Ich werde mich gleich darum kümmern.``

,,Was sollte das eigentlich mit dem Gerichtsort¿`

Jimmy lächelte: ,,Pure Taktik und ein altes Ritual. Die Richterin hat meinen Antrag abgelehnt, aber er steht im Protokoll. Sollte die Hauptverhandlung daneben gehen, haben wir einen möglichen Grund für eine Revision.``

,,Oh!``, Thimo staunte, ,,Die Richterin scheint nett zu sein.``

,,Ist sie auch. Wir sind schon ewig befreundet¸ aber täusch' dich nicht. Sie ist fair und absolut unparteiisch. Für Felicitas kommt es erst das Recht und lange Zeit gar nichts.``

,,Was ist mit dem Staatsanwalt¿`

,,Oberliga. Ich habe läuten gehört, dass er in die große Politik will. Weg aus der Regionalliga. Er will Senator werden und das geht immer noch am Besten über eine schön hohe Verurteilungsquote mit hohen und höchsten Strafen. Dein Fall soll sein ultimatives Sprungbrett werden. Mit anderen Worten, er will auf Biegen und Brechen ein Exempel statuieren. Du bist in sehr stürmische See geraten. Aber laß den Kopf nicht hängen, so schlecht bin ich nun auch wieder nicht.``

Das schien immerhin zu stimmen. Thimo hatte bemerkt, dass Jimmy Reynolds im Gericht eine völlig andere Person war und auch so behandelt wurde. Man ging sehr respektvoll mit ihm um. Alle möglichen Leute grüßten Mr. Reynolds, Anwälte, Richter, Sicherheitsbeamte. Und alle schienen eine verdammt hohe Meinung von ihm zu haben. Zu Hause, bei Marcel, war er eher der arme schüchterne Ehemann, der unter dem Pantoffel seiner dominaten Ehefrau stand, aber hier im Gericht, hatte er eine Aura, eine Austrahlung von Sicherheit, Selbstbewusstsein und Stärke, die Thimo beeindruckte. ,,Doch``, dachte Thimo, ,,bei ihm bin ich gut aufgehoben.``


***


Nach der Verhandlung hatte Thimo ungefähr eine halbe Stunde in der Wartezelle des Gerichts gehockt, als sich seine Zellentür wieder öffnete.

,,Zurück in die U-Haft¿`

,,Nein, du wirst entlassen. Jemand hat deine Kaution bezahlt!``

,,Oh! Wem bin ich den 100.000 Dollar wert¿`

,,Keine Ahnung, mir jedenafalls nicht!``

Nun, für Freundlichkeit wurden die Wachleute des Gerichts sicherlich nicht bezahlt. Thimo wurde aus seiner Zelle durch diverse helle erleuchtete, kalte Flure geführt.

Hinter ein par Türen wartete bereits Jimmy Reynolds, Thimos Mutter und, Thimo konnte es vor Freude kaum fassen, Marcel auf ihn. Noch ein par Formulare und Thimo war frei -- vorerst.

,,Wie habt ihr das Geld zusammen bekommen¿`

Vielsagende Blicke wurden zwischen den drei wartenden Figuren ausgetauscht.

,,Sagen wir mal, ein Freund hat sich nicht lumpen lassen.``, Ellens schielte verstohlen zu Jimmy herrüber, doch der zuckte nur mit seinen Schultern.

,,Du weißt, ich bin Anwalt und darf zu anderen Klienten nichts sagen. Ich habe das Geld erhalten und deine Kaution bezhalt, Punkt. Hauptsache, du bist erst mal frei!``

,,Pah, frei? Die halten mich für einen Mörder! Ein Mitschüler metzelndes Monster! Habt ihr den Staatsanwalt gehört? ,Wegen der Schwere und Verwerflichkeit der Tat...` Der Mann macht mir Angst!``, Thimo sah seine Mum hilfesuchend an, ,,Bitte, Mami, ich will nach Hause!``

,,Komm, wir gehen über die Tiefgarage raus, dort steht mein Wagen.``, Jimmy Reynolds hatte bereits seine Autoschlüssel in seiner Hand. Und wieder wurde Thimo durch Gänge, Türen und Fahrstühle geführt. Er schlurfte mit, nahm aber alles nur wir in einem unwirklichen Traum war. Teilnahmlos saß auf dem Rücksitz des Reynoldschen Wagens und starrte aus dem Fenster. Besorgt betrachtete Marcel seinen Freund.

Der Wagen kurvte durch das unterirdische Parkhaus und erreichte die Rampe zu Straße. Kaum hatte sich die Schranke der Ausfahrt geöffnet als ein ganzer Pulk von Pressefotographen und Reportern auf das Fahrzeug zu strürmten.

,,Nein, mein Mandant hat zum jetzigen Zeitpunkt nicht zu sagen. Die Ausführungen des Staatsanwaltes sind haltlos und entbehren jeglicher Grundlage. Bitte lassen Sie uns jetzt fahren.``, James Reynolds ganz der Profi.

Im Schritttempo bahnte Jimmy sich seinen Weg durch die Masse. Verstört wie ein Kaninchen, dass geblendet von nächtlichen Scheinwerferlicht eines Autos auf der Straße sitzen bleibt, glotzte Thimo starr, apathisch aus dem hinteren Seitenfenster die Leute an.

Thimo kam es vor, als befinder er sich nicht enden wollende Minuten unter einen Vergrößerungsglas. Er fühlte sich auf eine merkwürdige Art nackt und schutzlos. Die Motorwinder der Profikameras schossen endlos ihre Bilder. Doch endlich hatte der Wagen die Menschentraube hinter sich gelassen und schoss mit hoher Geschwindigkeit davon.


***


Thimo schloß die Tür seines Zimmers. Jimmy Reynolds hatte ihn und seine Mutter nach Hause gebracht. Marcel bestand darauf bei Thimo zu bleiben. Jimmy nickte nur und ging noch ein par Akten mit Thimos Mutter durch. Marcel und Thimo waren allen.

,,Hast du gar keine Angst mit einem Mörder allein zu sein¿`, es sollte witzig klingen, versprühte aber nur die ätzende Schärfe des Zynismus, der sich in Thimo breit gemacht hatte.

,,Du bist kein Mörder!``, Marcel sah Thimo ernst an.

,,Bist du dir sicher? Alle Welt meint ich wäre einer!``

,,Ich nicht! Deine Mutter auch nicht! Und mein Vater weiß, dass du keiner bist. Er hat viele wirkliche Mörder verteidigt, die sind anders.``

,,Marcel¿`, der Zynismus war aus Thimos Stimme gewichen.

,,Ich habe Angst!``, und machte einer anderen, sehr weichen Stimmung Platz.

Thimo zitterte am ganzen Körper. Marcel sah es und sprang Thimo sofort entgegen. Er nahm ihn in die Arme, hielt ihm und führte ihm zu seinem Bett auf dem sich beide Jungs niederließen. Es war ein umgekehrte Energieaustausch. Endlich konnte Marcel Thimo das an Energie zurückgeben, was Thimo ihm so selbstlos bereit war zu vermachen, als er Marcel aufgefangen und von Scott befreit hatte.

Es ging nicht um Sex, möglicherweise um Intimität, aber vordringlich ging es darum, Thimo die emotionale Stärke zurückzugeben. Alles was dafür nötig war, war, dass Marcel neben im lag und ihn hielt.

Leise flüsterte Marcel in Thimos Ohr: ,,Ich weiß, dass du es nicht warst. Du könntest es nicht. Niemals. Du, du Thimo, hast mich dazu gebracht, dass ich Scott verzeihen wollte. Du hast mir beigebracht, dass es immer besser ist, seine Probleme zu lösen anstatt sie zusammenzuschlagen. So jemand kann kein Mörder sein. Thimo, auch wenn ich es schon tausendmal gesagt habe, ich liebe dich und ich werde zu dir stehen, was immer auch passiert!``

,,Danke, Marcel, ich...``, Thimos Stimme versagte. Er wollte noch etwas sagen, aber seine Tränen waren schneller. Es war der emotionale Zusammenbruch, auf den Thimo schon seit seiner Verhaftung gewartet hatte. Jetzt, nachdem der erste Druck auf ihn weg war, schlug er zu.

,,Sschhhhh...Es ist gut! Sprich nicht weiter! Aber eins muß ich dir noch sagen. Du fühlst dich jetzt schwach und hilflos. Du bist der Typ, der immer alles alleine durchstehen will. Sven hat von dir in eine Mail erzählt.``

,,Sven¿`

,,Ja, er weiß Bescheid. Aber eins mußt du einfach wissen. Du bist nicht allein. Du hast Freunde! Mehr Freunde als du denkst! Auch hier und in der Schule. Und diese Freunde werden dich niemals im Stich lassen! Niemals!``

Und nach diesen Worten küsste Marcel Thimo dir Tränen von seinen Augen.

Zurück auf Start

Bis auf Timmy war die ganze Gang bei mir gelandet. Wir hatten noch einen Zwischenstop beim Pizzaladen eingelegt und waren anschließend zu mir gefahren. Nachdem wir das absolut Unvermeidliche hinter uns gebracht hatten (die Hausaufgaben) saßen wir im Haupthaus vor dem Kamin. Der anfangs noch recht warme Tag war ins Gegenteil umgeschlagen. Ein kalter Wind war aufgekommen. Nun ja, schließlich war es fast November. November Ich halte diesen Monat wegen seiner massiv depressiven Wirkung für verschreibungspflichtig, aber auf mich hört ja keiner. Obwohl es noch nicht Abend war, sondern später Nachmittag, war es schon recht dunkel. Der Wind wurde stärker. Tiefhängenden Wolken ließen einen feinen Sprühregen auf die Erde herrabregnen. Mit anderen Worten, es war sauungemütlich da draußen. Mich erschreckte der Gedanke, dass dies die letzte Woche des Jahres mit Sommerzeit war. Eine Woche später und es wäre schon zappenduster da draußen.

In diese ungemütliche Stimmung platzte Nico herrein.

,,Ist Tim nicht hier¿`, Nico schien beunruhigt.

,,Nein...``, die Unruhe steckte mich an, zumal ich schon die ganze Zeit ein blödes Gefühl hatte, ,,...er meinte, er weiß wo Sven stecken könnte.``

Dirk erzählte Nico die ganze Geschichte. Das Sven in der Schule gefehlt hat, das Telefon mit seiner Mutter und so weiter.

Mit jedem Wort von Dirk wurde Nico nervöser. Seine Augen zuckten wild hin und her. Schließlich sprang er vom Sofa auf und rannte auf und ab.

,,Das ist nicht gut...Maja hat Andeutungen gemacht, daß Andre' etwas vor hat. Wir müssen da hin¿`

,,Nico, wo denn? Wir haben keine Ahnung, wo Tim hin wollte!``

,,Schlachtensee! Die Sonnenwiese am Schlachtensee. Sven kann nur dort sein. Er geht immer dort hin, wenn er Probleme hat...``

Natürlich! Der Ort wo alles begann, wo mein Abenteuer Berlin seinen Anfang genommen hatte.


***


Von meinem Wohnort war es nicht sonderlich weit. Glücklicher Weise war weder mein Fahrrad noch das von Dirk auf Rügen beschädgt worden. Mit ein par weiteren alten Bikes, machten sich Kuki, Nico, Dirk, Peter und ich auf den Weg.

Je näher wir unserem Ziel kamen, desto nervöser wurde ich. Das ungute Gefühl, dass mich seit Schulende begleitet hatte, wurde stärker und wandelte sich zu Angst. Angst, dass etwas passiert sein könnte.

Nach rekordverdächtigen 13 Minuten erreichten wir den Schlachtensee. Ein dunkle wogende Masse, aufgepeitscht durch den Wind, der sich inzwischen zu einem Sturm entwickelt hatte, markierte die Wasserfläche. Es war fast dunkel. Von der Rasenfläche, die die Liegewiese ausmachte, waren nur graue Umrisse zu erkennen.

Wir sahen uns um. Nichts. Von der Straße neigt sich die Wiese bis zum Wasser herrab. Der See liegt sozusagen in einem Trog. An seinem Flanken standen Bäume, es gab nur eine Stelle ohne Bäume, die Liegewiese.

Wir gingen einen der Wege zum Wasser herrab. Die Wege führen zwischen den Bäumen am Ufer entlang. Direkt am Wasser gibt es kleine Minilichtungen, an denen man im Sommer etwas vor der Sonne geschützt ist.

Wir begannen diese Lichtungen abzusuchen. Eine nach der anderen wurde von uns systematisch durchlaufen.

,,Mein Gott...``, die Stimme von Kuki war kurz vor einem hysterischen Überschlag, ,,Hier, schnell kommt her!``

Eine eiskalte Hand griff nach meinem Herz. Ich rannte auf die Stimme zu. So schnell ich konnte, warf ich mich dem Ziel entgegen. Trotzdem kamen mir meine Beine wir mit Blei gefüllt vor.

Mit letzter Kraft brach ich durchs Gebüsch in die Lichtung in deren Mitte Kuki starr und gelähmt vor einem reglosen Körper lag.

,,Tim-my!``

Ich stürmte auf den Körper zu. Mit tränen in den Augen lies ich mich auf den Boden fallen. In der Lichtung war es dunkel, ich tastete mich vorsichtig vor. Das Gesicht war mit Schlamm und Modder verklebt, den ich erst mühsam abwischen musste...

Es war Sven!

Plötzlich kam Leben in seinen Körper. Ich hob seinen Kopf an. Er hustete. Ein dicke, dunkle Flüssigkeit kam aus seinem Mund. Der Geruch: Blut! Sven schlug die Augen auf. In dieser Finsternis waren sie wie zwei kleine Sonnen, hell und strahlend.

,,Sven...``, ich versuchte etwas zu sagen, aber ein Klos in meinem Hals unterband weitere Artikulationsversuche.

,,Hallo...``, Sven sprach mich an. Ein weiterer Hustenanfall brachte noch mehr Blut herraus, ,,Sie haben uns aufgelauert. Tim wollte mit mir reden. Sich bei mir entschuldigen...``

Ein Hustenanfall. Svens Gesicht war schmerzverzerrt.

,,Bei mir! Dabei hab' ich euch doch verraten. Ich bin Schuld. An Allem...``

,,Nein, das bist du nicht. Wir sind genauso schuld. Wir alle! Sven, wir wollen dich zurückhaben, als Freund!``

,,Ich fühle meine Beine nicht mehr.``

,,Verdammt Sven, bitte gib nicht auf!``, Panik! Ich konnte nichts erkennen, aber Sven schien ernsthaft verletzt zu sein. Sein Gesicht fühlte sich eiskalt an. Wenn ich doch blos etwas sehen könnte. Ich schrie: ,,Verdammt, ruft schnell jemand einen Krankenwagen und die Polizei. Sven ist verletzt. Er hustet Blut...``

,,Mir ist so kalt...``

,,Verdammt, Svenni halte durch...Bitte halte durch. Tu mir das nicht an!``

,,Ich mag dich, Inselboy. Du bist für Timmy der absolut Richtige.``

,,Timmy? Wo ist Timmy¿`

,,Da hinten. Sie wollten ihn nicht loslassen, da bin ich dazwischen gegangen.``

,,Wer? Sven, wer war das¿`

,,Inselboy? Weißt du noch, als du mich geküßt hast¿`

Scheiße! Meine Panik war kurz davor in einem Nervenzusammebruch zu kollabieren. Ich hielt Svens blutigen Kopf in meinem Armen und er erzählte von einem Kuß, den ich ihm vor Jahrhunderten gegeben hatte.

,,Ja, ich erinnere mich.``

,,Es war der schönste Kuß, den ich je erlebt habe. Svenni, ich...``, ein unheimliches Zittern durchflutete seinen Körper, ,,ich wollte das nicht. Ich wollte nur, dass ihr mich respektiert. Mich achtet.``

,,Ich weiß! Ich weiß, was du meinst und es tut uns Leid. Uns allen. Sven, du bist unser Freund. Der beste, den Mann haben kann. Daran wird sich nie etwas ändern.``

,,Danke...``, Sven schloss seine Augen. Er wirkte sehr müde und sehr erschöpft. Plötzlich öffneten sich die Augen wieder, ,,Inselboy, ich bin zwar nicht schwul, aber...Ich liebe dich!``

Die Lichter seiner Augen erschloschen -- Für immer...


***


,,Junger Mann...``, eine Hand berührte meine rechte Schulter. Die Stimme war leise, mehr oder minder einfühlsam und voller Mitgefühl, ,,Sie können nichts mehr für ihn tun. Bitte lassen sie ihn los.``

Ich hielt immer noch den leblosen Körper Svens in meinen Händen. Sein Kopf lag auf meinem Schoß. Tränen die aus meinen Augen gefallen waren, hatten den Schlam von seinem Gesicht gespühlt. Er sah aus, als wenn er schlafen würde. Ein friedlicher Gesichtsausdruck lag auf seinem Gesicht. Ob er gewusst hatte, dass er im Sterben lag? Wollte er vor seinem Tod noch Frieden mit uns schließen? Vergebung erbitten? Wie sinnlos! Waren wir nicht genau so schuldig gewesen?

Die Hand auf meiner Schulter zog mich von ihm Weg, drehte mich um und legte mir eine Decke um die Schultern. Langsam kehrte meine Wahrnehmungsfähigkeit zurück. Eindeutig, ich stand unter Schock. Ich realisierte ganz klar, dass ich total neben mir stand. Mit ausdruckslosen Blick sah ich mich um. Die Szene wurde von Scheinwerfern und Blinklichtern von Polizei, Rettungswagen und Feuerwehr erhellt. Männer und zwei Frauen mit orangen Jacken mit hellen Reflexstreifen jagten hin und her. Neben einem Rettungswagen lag eine Trage. Ein Notarzt schien sich um die Person auf der Trage zu kümmern. Ein anderer Mann hielt eine Infusionflasche, deren Schlauch zum Arm des Liegenden führte.

,,Timmy``, meine Stimme kehrte zurück, lauter den je.

Ich riss mich vom Rettungssanitäter, der mir gerade die Decke umgelegt hatte, los und stürmte auf die Bare zu. Es war Timmy. Blutverschmiert, aber offensichtlich lebendig, wenn auch schwer verletzt.

,,Mein Gott, Timmy! Tu mir das nicht an. Nicht du auch. Bitte, was ist mit ihm. Sagen Sie doch was!``

Der Notarzt wirbelt herrum und fauchte mich an: ,,Verschwinde und laß mich meine Arbeit tun.``

,,Verdammt, dass ist Timmy, mein Freund!?``

,,Ja, doch. Und wenn du mich weiter nervst, war es mal dein Freund!``, das Einfühlungsvermögen eines Vorschlaghammers.

,,Sie verstehen nicht, er ist mein Freund!``

Offensichtlich begriff der von mir angesprochene, was ich meinte. Vielleicht lag es an der Art, wie ich es sagte, aber er drehte sich erneut zu mir um, musterte mich und wurde plötzlich freundlicher, sachlicher: ,,Wir kümmern uns um ihn. Wirklich! Vertrau mir! Ich will dir nichts vormachen, aber es steht nicht gut um ihn. Er scheint innere Blutungen zu haben. Aber, wir...nein ich kümmere mich um ihn. Ich tue alles was irgendwie möglich ist. Versprochen!``

Und dieses Versprechen setzte er sofort in die Tat um. Inzwischen hatte mich der Sani von vorhin eingeholt und mir wieder die Decke umgelegt.

,,Komm mit, Kleiner!``

Sanft aber bestimmt, führte er mich zu einem Rettungswagen und half mir hinnein. Hilfesuchend sah ich ihn an, ein netter, freundlicher Typ, schätzungweise 25 Jahre alt und vor allen nicht so abgeklärt, wie die älteren Profis. Ihm fehlte noch diese geschäftige, manchmal arrogante Distanz, die sich die professionellen Lebensretter mit der Zeit als Schutzschild zugelegen.

,,Ist er dein Freund¿`, er sah mir völlig offen und mitfühlend in die Augen.

,,Nein, mein Freund!``, meine Antwort war sehr scharf, schärfer als ich es beabsichtigt hatte. Auf der anderen Seite, was solls? Meine Nerven hatten die Konsitenz von nassen Klopapier, da wird man doch wohl mal unfair sein dürfen?

,,Das meinte ich.``, er lächelte, wußte er das ich...Warum auch nicht?

,,Ja, ist er. Scheiße, ihm darf nichts passieren! Verstehen Sie? Er muß durchkommen!``, ich leistete keinen Wiederstand mehr. Dazu war ich viel zu müde. Nicht körperlich, aber seelisch. Das bekam ich sogar amtlich. Ein Arzt attestierte mir später einen satten seelischen Schockzustand, der mich für zwei Wochen von den Strapazen des Schulbesuchs befreite. Das einem ein Freund unter den Händen wegstirbt, stand einfach nicht auf unserem Stundenplan. So ein Pech aber auch...

,,Er wird durchkommen! Der Rettungshubschrauber ist gleich da.``, mein mitfühlender Sanitäter lies keine Zweifel an seinen Worten aufkommen. Er meinte was er sagte, ,,Außerdem ist er in guten Händen. In den besten Händen...``

Sekunden später hörte ich das erste Brummen das nahenden Hubschraubers. Wenig später herrschte ein ohrenbetäubender Lärm, bis das Fluggerät ausetzt und die Turbine schließlich verstummten. Mit einem mal ging alles sehr schnell. Timmy wurde eingeladen, die Rotoren liefen wieder an und der Hubschrauber hob ab.

Ich fühlte mich beruhigt. Eigentlich war das eine völlig unsinnige Einschätzung, denn wenn jemand mit einem Rettungshubschrauber transportiert wird, ist die Lage meisten sehr ernst, aber ich fühlte mich trotzdem erleichtert.

Allerdings währte dieses Gefühl nicht lange. Mit aller Macht, so als wenn etwas nur auf diesen Moment gewartet hätte, brach plötzlich die Erkenntnis über das gesamte Ausmaß der Situtation über mich herrein. Und das war zu viel. Mein Hirn schaltete erst auf Durchzug und schließlich einfach ab.

Nullzeit

Null Zeit.

Zeit ist eine relative Distanz im Raum. Um von Punkt A nach Punkt B zu gelangen benötigt man Zeit. Immer...

Ich bewegte mich nicht. Ich blieb einfach an Punkt A. Und somit blieb die Zeit stehen.

Null Zeit.

,,Komm..., es ist spät...``

Ja, das war es wohl. Aber mir war es egal -- Scheißegal.

Sag mal weinst du oder ist es nur der Regen, der von deiner Oberlippe tropft?

Es waren Tränen. Tränen und ein passende Ort dafür.

,,Einen Augenblick noch...``, meine Stimme war kraftlos.

,,Schon gut...``

Ein Friedhof im November. Es war feucht und es war kalt; was auch sonst? Die Kälte kroch mir in die Knochen. Aber auch das war mir egal. Es war alles ziemlich sinnlos. Aber seit wann mach Dummheit Sinn?

Sinn?

Machte überhaupt noch etwas einen Sinn?

Sven war Tod.

Bisher war ich in meinem Leben, dass gerade mal etwas mehr als 16 Jahre alt war, nur zweimal mit dem Tod konfrontiert worden. Das erste mal war mit knapp 11. Eine sehr entfernte Großtante war gestorben. Damals hatte ich noch sehr wenig davon mitbekommen, nur das, was mir meine Eltern erzählten. Sie hätte einen Schlaganfall gehabt und war an den Folgen entschlafen. Ich weiß noch, dass ich das Wort witzig fand: entschlafen. Damals war Maikes Kanninchen entlaufen. Dass war ein anderes Wort für weglaufen. Ich hingegen hatte häufig verschlafen, meistens dann, wenn ich zur Schule musste. Aber was bedeutete entschlafen?

Wir waren auf der Trauerfeier. Eine merkwürdige Veranstaltung, zu der ich keinen Bezug finden konnte. Ich musste ständig kichern und erntete säuerliche Blicke. Ich hatte meine Tante bestenfalls zwei mal in meinem Leben gesehen. Diese Trauerfeier war mehr als merkwürdig. Leute, angebliche Verwandte, sprachen ,,von der guten Seele`` und ,,das es eine Erlösung für sie sei``. So spricht doch kein Mensch. Aber auf der Feier sprachen alle so. Immerhin gab es gut was zu Essen. Seit dem stand für mich Fest: Trauerfeier gleich merkwürdiges Gebrabbel aber gutes Essen.

Das zweite mal war schon deutlich anders. Es war der langsame, schrittweise Tod von Thimos Vater. Sein Tod war für mich gleichzeitig nah und fern. Ich mochte Thimos Vater. Er war mindestens so ein toller Paps wie meiner, aber das war auch der Punkt, er war eben nicht meiner. Es war das erste mal¸ dass ich Begriff, dass Tod auch gleich Schmerzen war. Aber es waren nicht meine Schmerzen, es waren Thimos Schmerzen. Und ich denke, ich konnte sie mit ihm nur deswegen teilen, weil ich zur Ursache von Thimos Schmerz letztlich eine gewisse Distanz hatte.

Diese Distanz war es, die mir jetzt fehlte.

Sven war Tod -- Und das änderte in meinem Leben einfach alles.

Sven war in meinen Armen gestorben -- Und dieses Erlebnis stellte einen Bruch dar, der mich alles durch andere Augen sehen ließ.

Seit seinem Tod hatte ich Albträume. Immer und immer wieder sah ich Svens Gesicht. Ich sah seine Augen, als das Leben aus ihnen wich. Erloschen, wie bei einem Teelicht, dass von einem Windstoß ausgeblasen wurde.

Die Blumen auf dem Sarg schienen der Kälte des Wetters und der Kälte des Momentes trotzen zu wollen. Obwohl die Dämmerung bereits eingesetzt hatte ging von ihnen ein Leuchten aus, ein Reflex von Schönheit und Liebe. Als wenn die sterblichen Überreste, die dort in dieser Kiste verwahrt wurden, der Endgültigkeit des Todes, lügen strafen wollten. Seht her. Hier bin ich. Mir kann Nichts etwas anhaben -- Jetzt nicht mehr!.

Stiefel und Fäuste hatten es schon gekonnt. Mit genug Haß und Gewalt läßt sich das Leben aus seiner zerbrechlichen Hülle Hehrraustreiben.

Diese Stiefel hatten ganze Arbeit geleistet. Der Befund des Gerichtsmediziners schilderte in sachlich trockenen Worten, wie man das Leben aus einem Menschen entfernen konnte.

Svens Kiefer war gebrochen, offenbar als Folge eines Tritts direkt in's Gesicht. Weiterhin waren mehrere Rippen zertrümmert (Trümmerbruch). Doch die wirklich tödlichen Verletzungen lagen in seinem Inneren. Ein Milz- und ein Leberriß hatten dafür gesorgt, daß Sven innerlich verblutet war, hinzu kam eine zerquetschte Nire und ein SchädelHirn-Trauma, ein Trümmerbruch der linken Hand, mehrfache Wirbelkanntenabrüche der unteren Brustwirbelsäule.

Jemand, der so etwas einem Menschen antut, kann mein Mensch sein. Ein Monster, aber kein Mensch.

Was hatte Sven getan, dass man ihm sein Leben derart entreißen musste?

Warum?

Meine Tränen wetteiferten mit dem Nieselregen. Wenn es einen Gott gibt, dann war er wohl im Moment zu ziemlich zynischen Witzen aufgelegt: Die Sonne war zwischenzeitlich soweit gesungen, daß sie am Horizont unter der Wolkendecke hindurchstrahlte. Ein par rod-goldene Strahlen fielen direkt auf den Sarg und ließen ihn im herbstlichen Dunst überirdisch schön aufglühen -- Wie kitschig! Bäh!

Erleuchtung? Ich bin weiß Gott kein religiöser Mensch, aber im Anblick dieses Lichtes kippte meine Stimmung. Die Trauer war wie weggeblasen. Ob ich es wollte oder nicht ich weiß es nicht mehr, aber irgendwie schlich sich ein (diabolisches) Grinsen auf meine Lippen. Ein Idee machte sich in meinem Kopf breit. Eine sehr, sehr böse Idee.

Tim?

Seit dem Vorfall, ein passender Name war mir noch nicht eingefallen, lag Tim im Koma. Jede Minute, die ich entbehren konnte, verbrachte ich an seinem Bett. Es waren zwei Wochen vergangen, aber an seinem Zustand war keine Veränderung eingetreten. Man hatte ihn von der Intensivstation in die neurologische Abteilung verlegt. Hier lagen viele Komapatienten, aber keiner, der so jung wie Tim war. Seine Prognosen galten als gut, wenn auch niemand sagen konnte, wie lange sein Zustand andauern würde. Immerhin war sein Körper in der Lage autonom zu arbeiten. Sein Hirn zeigte durchaus Aktivität, manchmal sogar sehr starke Aktivität. Träumte Tim vielleicht? Tim war nicht hirntod, er schien sogar alles andere als hirntod zu sein.

Tim hätte fast Svens Schiksal geteilt. Auch ihm hatte man den Kiefer gebrochen, ein par Rippen waren ebenfalls Schrott. Aber seine inneren Verletzungen, insbesondere die Blutungen, waren nicht so schwer gewesen, als dass er verbluten konnte. Dafür war sein Schädel um so heftiger verletzt worden. Massives Schädel-Hirn-Traum und Schädelbasisbruch war die Diagnose.

Während seine anderen Wunden und Verletzungen heilten, dämmerte sein Hirn in diesem Zustand zwischen Tod und Leben. Ich nannte es die Null-Zeit. Denn so wie Tim im Koma lag, lag auch mein Leben im Koma. Ich führte ein streng strukturiertes Leben: Aufwachen - Frühstücken - Schule - Hausaufgaben - Krankenhaus - Schlafen. Ja, ich ging sogar wieder zur Schule.

Nach sieben Tagen zu Hause, mit Attest vom Seelenklempner, hielt ich es nicht mehr aus. Die Schule lenkte mich ab. Ich arbeitete sogar am Unterricht mit. Vom Leben um micht herrum, blieb ich unberührt. Es fand nicht statt -- Nullzeit eben.

Warum?

Diese Frage beschäftigt mich Tag und Nacht. Über das Wer machte ich mir keine Gedanken. Ich war mir sicher, die Namen zu kennen. Die Kripo hingegen ermittelte nichts. Keine Zeugen, ein Opfer tod, das andere im Koma, wen soll man da verhaften? Ok, es gab Verdächtige, aber sie behaupteten, es nicht gewesen zu sein und das Gegenteil konnte man ihnen nicht nachweisen.

Dann kam Svens-Beerdigung. Nach mehr als drei Wochen, war seine Leiche endlich freigegeben worden. Fast die gesammte Schule nahm daran Teil. Die Predigt? Der Pastor verstand einfach rein gar nichts. ,,Diese feige und schändliche Tat...``, ,,Dieses sinnlose Opfer...``. Nichts als Worthülsen. Dieser fromme Mensch von Paster hatte ja nicht die geringste Ahnung!

Svens Eltern waren gebrochene Menschen. Eltern sollten nie den Tod ihrer Kinder erleben. Während sein Paps es noch irgendwie schaffte, seine Fassung zu bewahren, brach seine Mum einfach zusammen. Ich konnte sie verstehen, ich hätte nichts lieber getan als meine Murmeln zu verlieren, aber es gab eine Aufgabe für mich, die mich davon abhielt durchzudrehen: Tim!

Später auf dem Friedhof, die restlichen Trauergäste waren längst gegangen, stand ich an Sven Grab und sprach mit ihm. Ich bat ihm, mir zu verzeihen. Oder besser, uns zu verzeihen. Denn das war einer der größten Schmerzen, die wir in uns trugen: Schuld. Wir, dass waren Dirk, Sabine, Peter, Kuki und ich, fühlten uns schuldig. Und ich weiß, Tim tat es auch, dass wußte ich genau.

Kuki harrte mit mir aus. Aber er hatte Recht, es war wirklich schon sehr spät. Ich wollte mich endlich losreißen, als plötzlich dieser Lichtstrahl durch die Wolken brach und wieder alles änderte.

Es war spät -- Aber es war nicht zu spät etwas zu tun. Ganz im Gegenteil. Es war Zeit ein Zeichen zu setzen! Auf meine Art!

Frühstück mit Ahornsirup


Portland


,,Wie fühlst du dich¿`, Marcel schmiegte sich sanft an Thimo. Es war ein schöner Morgen, die Sonne schien durch das Fenster. Marcel hatte, ganz gegen den Willen seiner Mutter, die Nacht mir Thimo verbracht. Zum Glück musste seine Mutter davon nichts erfahren. Rein praktisch gesehen, war es ihr sogar egal, was ihr Sohn tat, solage er nicht unangenehm auffiel oder Sorgen bereitete. Wenn er tagelang nicht nach Hause kam, was früher häufiger passierte, wenn Marcel auf dem Baumhaus übernachtete, war ihr das egal. Hauptsache, er schwänzte die Schule nicht. Marcels Mum hatte mit ihrem eigenen Ego genug Arbeit, als dass sie sich auch noch um andere Menschen kümmern konnte.

,,Gut...``, Thimo räkelte sich, streichelte über Marcels Körper und freute sich, bei ihm zu sein. Für ein par flüchtige Momente, war der Prozeß vergessen. Thimo kostete ihn aus.

Beide Jungs tauschten Zärtlichkeiten aus. Das Gefühl eng umschlungen mit seinem Freund morgens aufzuwachen, war für beide immer wieder unbeschreiblich. Selbst wenn einem dabei der Arm einschlafen sollte.

,,Du scheinst dich wirklich besser zu fühlen...``, Marcel grinste, während er seine Hand zwischen Thimos Schenkeln liegen hatte, ,,Kann es sein, dass du ein klein wenig erregt bist¿`

,,Ach, na ja, du weißt ja. Ich mußte im Knast ja meine Unschuld verteidigen...``

,,Du und unschuldig! Pah!``

,,Komm, das ist nicht fair. Du bist, nach Sven, mein wirklich erster Freund. Und war dir immer treu. Sam gilt ja nicht. Er hatte Sex mit mir, ich nicht mit ihm.``

,,Ja Herr Clinton...``, mit der anderen freien Hand fuhr Marcel Thimo durch seine Haare, ,,Ich liebe dich!``

Drei Worte, die alles sagten. Thimo und Marcel begannen mit dem Austausch von Körperflüssigkeiten und verschoben ihr Frühstück um eine gute Stunde.


***


,,Na ihr zwei...Gut geschlafen¿`, Ellen war gerade dabei den O-Saft für das Frühstück einzuschenken, ,,Schatz, ich bin froh, dass du nicht mehr in diesem Gefängnis bist.``

,,Das hast du gestern auch schon gesagt. Gut, es war nicht das Grand Hotel. Aber es war nur eine Nacht und nicht soooo schlimm. Ich habe schon schlimmer gepennt. Du weißt noch, zelten mit Sven¿`

Marcels Mutter lachte: ,,Natürlich. Trotzdem, ich bin halt glücklich, dass du wieder da bist.``

,,Ich auch...``, dass er sich darum sorgte, wie sein Prozeß ausgehen könnte, sagte Thimo nicht.

Man frühstückte. Thimo, Marcel und Ellen langte ordenlich zu. Für einen weiteren kurzen Moment, war die Realität vergessen. Sie brachte sich erst wieder mit dem Klingeln der Haustür in Erinnerung.

Ellen ging zu Tür und kehrte wenig später mit einem normalen Briefumschalg und einem dreifach gefalteten Dokument in den Händen, sowie mit einem irritierten Gesichtsausdruck zurück.

,,Was ist es¿`, fragte Thimo.

,,Eine einstweilige Verfügung vom Gericht.``, Thimos Mum setzt ihre Lesebrille auf und studierte das Dokument und den begleitenden Brief.

,,Dein Schule hat eine einstweilige Verfügung gegen dich erreicht, wonach du dich bis auf weiteres dem Schulgelände nicht weiter als 100 Meter nähern darfst. Mit anderen Worten, man hat dir Hausverbot erteilt. Ich lese mal das Begleitschreiben deines Schulleiters vor:``

Sehr geehrte Frau Cameron-Bach,

wir alle haben mit Bestürzung den Tod von Scott Richardsen aufgenommen. Leider mussten wir auch erfahren, dass Ihr Sohn Thimo nach Ansicht von Polizei und Staatsanwaltschaft in diesen schrecklichen Fall verwickelt ist. Wir sehen es daher als unsere bedauerliche Pflicht an, unsere Schule aber auch Ihren Sohn zu schützen und entbinden ihn daher ab sofort von jeglicher Unterrichtsteilnahme.

Hochachtungsvoll
Franklin (Prinzipal)

,,So ein Arsch!``

,,Mama!``

,,Ist doch wahr. Das ist eine Vorverurteilung. Der Typ ist einfach wiederlich, schleimig und feist. Mir war der schon bei deiner Anmeldung unsympathisch. Wie ein Gebrauchtwagenhändler...``

,,Jetzt beleidigst du aber die Gebrauchtwagenhändler!``

Marcel sah der kleinen Unterhaltung schmunzelnd zu, hatte aber einen nachdenklichen Blick in seinen Augen: ,,Ich glaube, meine Mutter ist an deiner Suspendierung nicht ganz unschuldig...``

Natürlich, wie konnte ich das vergessen? Thimo fiel wieder ein, warum Marcels Eltern ihren Urlaub vorzeitig abgebrochen und nach Portland zurückgekommen waren. Franklin hatte eine Sondersitzung des Schulvorstandes angesetzt. Auf der Tagesordnung stand nur ein Thema: Thimo Camron-Bach und wie man diesen Querulanten wieder los wird.

Thimo zuckte mit seinen Schultern, im Moment war ihm seine Schule recht gleichgültig. Er hatte zur Zeit ganz andere Probleme, essentiellere Probleme. Schließlich ging es um sein zukünftiges Leben. Thimo beschlich ein unangenehmer Gedanke: Welche Strafe stand eigentlich auf Mord ersten Grades im Bundesstaat Maine? Niemand hatte mit ihm bisher darüber gesprochen. Wenn er es sich genau überlegte, schienen sogar alle diesem Thema permanent auszuweichen.

,,Wieviel Liter Arhornsierup willst du dir eigentlich noch über deine Pfannkuchen gießen¿`

,,Oh!``, Thimos Teller war bis zum Rand mit Sirup aufgefüllt. Vor Schreck ließ er die Flasche fallen. Sie platschte in den Arhornsirupsee. Der zähe, klebrige Saft flog umher und verteilte sich auf allen und jedem in näherer Umgebung.

,,Bäh!``, Marcel sprang auf und rannte zur Spüle, um sich das Zeug von den Fingern zu spülen.

Thimo war immer noch in seinen trüben Gedanken verfangen. Es dauerte eine Weile, bis er sich wieder in die Realität einklinken konnte.

,,Thimo, Schatz? Was ist mit dir¿`, Thimos Mutter hatte seinen nach innen gekehrten Blick bemerkt und war besorgt. Zwar hatte sie die Sirupflasche und noch ein par andere klebrige Geschirrteile vom Tisch aufgehoben und war bereits aufgestanden, um ebefalls zur Spüle zu eilen, doch Thimos Blick hielt sie fest. Ellen stoppte in ihrer Bewegung.

,,Welche Strafe steht eigentlich auf Mord¿`, Thimo fixierte seine Mutter.

Ellen erbleichte. Hatte sie doch innerlich gehofft, diese Frage nie beantworten zu müssen. Ellen bekam weiche Knie und musste sich wieder setzen. Sie war nicht in der Lage ihrem Sohn in die Augen zu sehen, geschweige denn, ihm eine direkte Antwort zu geben.

,,Wir sind in den U.S.A. und hier...``, obwohl sie saß musste sie sich am Tisch festhalten, ,,...Naja, es gibt solche und solche Bundesstaaten. Zivilisierte und ...Maine ist ein...``

Ellen konnte ihre Emotionen nicht beherschen. Ihre Augen füllten sich mit Tränen.

,,Du brauchst nicht weitersprechen. Ich habe verstanden.``, Thimo nahm sein Besteck und begann seine Pfannkuchen zu essen. Er hatte seine Antwort: Die Strafe für Mord ersten Grades im Bundesstaat Maine war der Tod.

Der Prozeß

,,Alles Ok¿`, Jimmy Reynolds und Thimo hatten hinter dem Tisch für die beklagte Partei Platz genommen.

,,Warum haben Sie mir nie das mögliche Strafmaß gesagt¿`

Jimmy zog seine Lippen schief: ,,Ok, ich hätte es dir sagen sollen. Es tut...Ach, was...Scheiße...Ich hab' mich nicht getraut. Ich hab' mich selbst damit beruhigt, dass es jeder eigentlich weiß der hier lebt. Ich...Kommst du damit klar¿`

,,Ich weiß es nicht. Todesstrafe, dass klingt so weit weg. Irreal...Würde die mich wirklich umbringen? Ich bin gerade mal 16, na gut, fast 17.``

,,Ja, würden sie, egal ob du 16 oder 61 bist.``, wenn Jimmy Reynolds vorher noch Skrupel hatte, Thimo reinen Wein einzuschenken, jetzt hatte er sie nicht mehr: ,,Aber ich verspreche dir, dass es nicht dazu kommen wird! Ok¿`

,,Ok!``

Wenige Minuten später begann die Verhandlung. Wie schon in der Vorverhandlung führte Richterin Felicitas Cunningham den Vorsitz. Es war zwar die gleiche Richterin, aber sie wirkte anders: ernster, erhabener, möglicherweise einfach richterlicher. Die ganze Gerichtssaal wirkte so. Thimo sah sich um, alles wirkte ernster und schließlich waren da noch die Geschworenen, ernst dreinblickende Männer und Frauen, die über sein Leben entscheiden würden.

Die Geschworenen sahen aus wie ganz normale Leute und waren auch so unterschiedlich. Zwei musterten Thimo mit unverholener Neugier an. Drei andere schienen einen direkten Blickkontakt vermeiden zu wollen und wandten sich immer dann ab, wenn Thimo zu ihnen hinüber blickte.

Der erste Zeuge war der Polizeidetective Thimo verhaftet hatte. Der größte Teil seiner Aussage bestand aus der Schilderung wie das Opfer aufgefunden wurde und was zu seinem Tod geführt hatte. Scott wurde am gleichen See augefunden, an dem schon Thimo niedergestochen wurde. Die Anklagevertretung sparte sich jegliche Polemik. Überhaupt machte der Staatsanwalt einen wesentlich moderateren Eindruck als noch bei der Vorverhandlung. Nach der Vernehmung des Polizisten sprach Thimo Jimmy darauf an.

,,Täusch dich nicht, er testet nur die Geschworenen.``

Schließlich begann Jimmy Reynolds mit seinem Kreuzverhör.

,,Detective, eine Sache ist mir noch nicht klar. Sie haben doch am Tatort die Tatwaffe gefunden.``

,,Ja.``

Jimmy Reynolds ging zum Tisch mit den sichergestellten Beweismitteln und nahm das dort liegende Bowiemesser in seine Hand.

,,Ist dies die Tatwaffe¿`, Mr. Reynolds hielt die Waffe dem Dedective hin.

,,Ja, sie ist trägt mein Kennzeichen.``

,,Wurde die Waffe auf Fingerabdrücke untersucht¿`

,,Selbstverständlich!``

,,Und¿`

,,Es gab keine.``

Jimmy war verblüfft: ,,Wie, es gab keine Fingerabdrücke¿`¸ oder besser, er spielten den Verblüfften: ,,Wenn es gar keine Abdrücke gab, wie sind Sie denn auf meinen Mandanten als Täter gekommen¿`

,,Wir erhielten einen anonymen Anruf.``

,,Einen anonymen Anruf? Wie haben wir das zu verstehen¿`

,,Um 3:37 Uhr erhielten wir einen Anruf. Der Anrufer meldete einen Mord. Er benannte den Ort und sagte weiterhin, dass wir uns näher mit Thimo Camron-Bach, dem Angeklagten beschäftigen sollen. Er hätte ein gutes Motiv: Rache. Darauf hin sind wir unsere Akten durchgegangen. Der Angeklagte ist vor ein par Monaten ebenfalls niedergestochen worden, bei unseren damaligen Ermittlungen war der Ermordete einer unserer Hauptverdächtigen gewesen. Leider hatten wir zu dem Zeitpunkt keine Beweise. Wie auch immer, auf der Basis des Rachemotives erhielten wir sofort einen Haftbefehl. Die Sache war absolut klar.``

,,Nun, da habe ich so meine Zweifel. Wurden die Verletzungen des Opfers mit den damligen Verletzungen meines Mandanten verglichen¿`

,,Nein, wozu¿`

,,Dazu komme ich gleich...``, Jimmy Reynolds eilte zu seinem Tisch und holte eine Akte, ,,Ich habe hier das Gutachten von Professor Doktor Anton Seybold, Inhaber des Lehrstuhls für forensiche Medizin an der John Hopkins Universität und vereidigter Sachverständiger. Nach diesem Gutachten stammen die Stichverletzungen des Opers und die, die mein Mandant vor ein par Monaten erlitten hatte, von der selben Waffe? Detectiv, erscheint es Ihnen als Profi nicht merkwürdig? Wie soll mein Mandant in Bestiz dieser Waffe gekommen sein? Ein Waffe, die unmöglich seine sein konnte.``

,,Vielleicht in einem Kampf¿`

,,Einem Kampf? Hm, damit wäre wohl der Vorwurf des vorsätzlichen Mordes hinfällig. Dann wäre es Notwehr gewesen!``

,,Einspruch! Der Herr Verteidiger verlangt ein Urteil vom Zeugen.``

,,Stattgegeben!``

,,Ich habe keine weiteren Fragen.``

,,Der Zeuge ist entlassen.``

Was war das hier? Thimo kam sich vor, wie in einer Perry Mason Folge. Diese altertümlichen TV-Serie, die seine Oma immer so gern sah. Immerhin meinte er etwas begriffen zu haben. Natürlich musste die Richterin dem Einspruch stattgeben, aber sein Verteidiger hatte einen Punkt angebracht, den die Geschworenen nicht vergessen würden.


***


Die Vernehmungen zogen sich hin. Da es bei allen Zeugen um Personen handelte, die von der Anklage benannt worden waren, kam Thimo meistens nicht gut dabei weg. Die Anklage punktete.

,,Mr. Franklin, Sie sind der Prinzipal der Liberty High¿`

,,Das ist richtig.``

,,Können Sie uns etwas über den Angeklagten erzählen. Schließlich ist er ein Schüler ihrer Anstalt.``

,,Ja, das ist er.``

,,Die Liberty High ist eine private High School und soweit ich informiert bin, auch recht teuer. Zahlen eigentlich alle Eltern die gleichen Gebühren¿`

,,Das kommt drauf an. Wenn ein Schüler vielversprechende Leistungen zeigt, kann die Gebühr durch unser Förderprogramm für begabte Schüler gesenkt werden.``

,,Wie steht es mit dem Angeklagten. Fiel er unter das Förderprogramm¿`

,,Nicht direkt. Er zeigte zwar vielversprechende Ansätze im Football, aber für eine Förderung reichte dies nicht. Wir haben Thimo aus einem anderen Grund gefördert. Er hat vor kurzer Zeit seinen Vater verloren und wir sehen es als unsere gesellschaftliche Pflicht an, hier ebenfalls stützend einzugreifen.``

Franklin war Thimo schon immer unsympathisch gewesen, von dieser Aussage an, verabscheute er ihn. Leise, um flüsterte er seinem Anwalt zu: ,,Der Typ lügt. Er hat Mum einen Brief geschrieben. Föderung wegen Football. Genau das stand da drin!``

,,Ich weiß. Ich hab' den Brief gelesen. Bringt uns aber nicht weiter, er würde nur sagen, dass er das aus Rücksicht auf Ellen so geschrieben hat.``

Staatsanwalt Tanner war schon ein par Punkte weiter.

,,Sie waren eben etwas zurückhaltend, als es um das soziale Verhalten des Beklagten ging...``

,,Einspruch! Ich wüsste nicht, was das Verhalten in der Schule mit einem Mord zu tun haben sollte.``

,,Ich will es anders formulieren. Gab' es Fälle von Gewalt die mit dem Beklagten verknüpft waren¿`

,,Ja leider, Thimo, der Angeklagte, war in unserer Kantine maßgeblich in einen Streit verwickelt, der in einer Massenschlägerei unter den Schülern endete. Ich mache mir schwere Vorwürfe desswegen. Hätten wir damals schon disziplinarisch gehandelt, hätte man diese schreckliche Tragödie vielleicht verhindern können.``

,,Einspruch! Der Zeuge soll die Fragen beantworten und nicht seine Meinung über Möglichkeiten abgeben.``

,,Das seh' ich allerdings auch so...``, Richterin Cunningham kam in Wallung, ,,Herr Staatsanwalt, würden Sie bitte Ihren Zeugen dahin belehren, dass er bei der Beantwortung Ihrer Fragen bleiben soll!``

,,Selbstverständlich, euer Ehren!``

Thimo flüsterte wieder: ,,Heuchler!``

,,Wer¿`

,,Beide! Zeuge und Staatsanwalt!``

Jimmy Reynolds lächelte Thimo verkrampft zu: ,,Du hast leider Recht. Aber die bekommen wir auch noch klein. Vertraust du mir¿`

,,Ja, wieso¿`

,,Kann ich dich outen¿`

Thimo zuckte zurück und wurde etwas bleich: ,,Warum¿`

,,Der Staatsanwalt wird es früher oder später sowieso tun. Wenn es von uns kommt, demonstrieren wir, dass wir nichts zu verbergen haben.``

Thimo nickte: ,,Ok!``

Der Staatsanwalt setzte seine Befragung fort: ,,War das der einzige Fall von Gewalt¿`

,,Nein, gleich zu Beginn des Schuljahres gab es eine Schlägerei zwischen Thimo und Scott.``

,,Sie haben damals aber keinen Grund zum Handeln gesehen¿`

,,Leider nein, ich konnte ja nicht wissen...``, Prinzipal Franklin ließ den Satz auf dramatische Weise unvollendet im Raum stehen.

,,Ich danke Ihnen.``

Franklin war schon dabei sich aus seinem Zeugenstuhl zu wuchten, ein Unterfangen, dass ihm bei seiner Leibesfülle den Schweiß auf die Stirn trieb, als Jimmy Reynolds ihn an sprach:

,,Nicht so schnell, Mr. Franklin. Erlauben Sie mir auch ein par Fragen¿`

Der fette Franklin betrachtete den eher dürren Jimmy Reynolds wie eine lästige Mücke, ließ sich aber dann wieder auf den Zeugenstuhl plumpsen. Der Stuhl quitschte vor Schmerz auf.

,,Etwas ist mir bei der Geschichte in der Kantine noch unklar. Sie sagten der Angeklagte sei in einen Streit maßgeblich verwickelt gewesen``

Franklin nickte selbstgefällig.

,,Aber ausgelöst hat er ihn nicht¿`

,,Er hat ihn provoziert!``

,,Wie? Einfach so? Nur zum Spaß? Oder, gab es einen Grund¿`

Franklins Schweißproduktion nahm sichtlich zu.

,,Na ja, soweit ich weiß, hat man ihn provoziert...``, Franklin wusste ganz genau, dass es massenweise Zeugen, sogar objektive Zeugen gab, die den Vorfall exakt schildern konnten.

,,Das klingt aber ganz anders. Was war denn der genaue Anlaß¿`

War der Zeugenstuhl mit heißen Herdplatten ausgestattet. Man konnte diese Idee bekommen. Franklin ruckelte unruhig hin und her.

,,Also, ähm...naja...das ist etwas delikat...``

Hektisch feudelte der Befragte mit einem Taschentuch die Sturzbäche aus Schweiß von Stirn, Wangen und Kinn. Franklin schnaufte. Seine Gesichtshaut bekam hektische rote Flecken.

,,Ist Ihnen das Thema unangenehm? Nun, vielleicht kann ich ihnen auf weiterhelfen. War es nicht so, dass eine Gruppe von Schülern einen makaberen, diskrimienierenden Scherz auf Kosten des Angeklagten gemacht habe.``

Franklin nickte: ,,Ja!``

,,Wie stehen Sie zu Homosexualität¿`

,,Einspruch! Was hat das mit dem Thema zu tun? Die Verteidigung schweift ab!``

Felicitas Cunningham lugte über ihre Brille: ,,Das möchte ich auch gerne wissen. Was hat das mit dem Thema zu tun¿`

,,Die Anklagevertretung hat es selbst aufgebracht, in dem es das soziale Verhalten des Angeklagten zur Sprache brachte. Möglicherweise ist der angebliche Täter eher ein Opfer.``

,,Hm, ich werde Ihnen noch etwas Luft lassen. Aber kommen Sie zum Punkt. Einspruch abgelehnt! -- Vorerst...``

,,Also, wie stehen Sie zu Homosexualtität¿`

,,Wie soll ich dazu stehen? Was ist das für eine Frage¿`

,,Lassen Sie es mich anders formulieren. Ist es an Ihrer Schule üblich, dass homosexuelle Schüler schutzlos den Attacken anderer Schüler, intoleranten, homophoben Schülern, ausgesetzt sind¿`

,,Das ist eine infame Unterstellung¿`, die roten Flecken in Franklins Gesicht vereinigten sich zu einer geschlossenen Fläche.

,,So? Ist es das? Um es deutlich zu sagen. Eine Gruppe von Mitschülern hat dem Angeklagten ein mit Sperma gefülltes Kondom in seine Suppe untergeschoben. Ist das richtig¿`

,,Ja, verdammt...``

,,Der Angeklagte hat den Streit also nicht begonnen? Er hat auch nicht mit der Schlägerei angefangen¿`

,,Nein, hat er nicht.``

,,Und trotzdem haben Sie die verantwortlichen Schüler nicht belangt? Sie haben vielmehr versucht den Angeklagten von der Schule zu entfernen. Mir liegt ein entsprechendes Schreiben an den Vorstand vor. Ist das Ihre Methode, wie Sie, Mr. Franklin, mit schwulenfeindlichen, intoleranten und homophobe Übergriffe umgehen¿`

,,Einspruch!``

,,Schon gut...ich ziehe das zurück!``

Jimmy Reynolds ging zu seinem Tisch zurück und zwinkerte Thimo zu. Punktsieg.

,,Ist die Verteidigung fertig¿`

,,Eine Frage hätte ich noch. War Scott, das Opfer, an der Schlägerei oder dem Scherz beteiligt¿`

,,Nein, soweit ich weiß, war er das nicht.``

,,Ich danke dem Zeugen!``

Geschlagen, wie ein Hund, schlich sich Prinzipal Franklin von der Zeugenbank.


***


Nach Prinzipal Franklin unterbrach die Richterin die Sitzung für den Tag. Es war schon recht spät geworden und so sah Felicitas Cunningham keinen Sinn darin, mit der Verhandlung fortzufahren. Die Geschworenen waren am ermüden, der eine oder andere gähnte sogar bereits.

Thimo und Jimmy Reynolds saßen zusammen und besprachen den ersten Prozeßtag.

,,Lief es gut oder schlecht¿`, Thimo sah seinen Anwalt fragend an.

,,Wir haben ein par Punktsiege erlangt. Dein Schulleiter ist ziemlich ins Schwitzen gekommen. Außerdem steht haben wir charakterlich demontiert.``

,,Das ich schwul bin kam aber sehr versteckt rüber. Eigentlich nur indirekt ohne mich zu erwähnen.``

,,Und trotzdem waren wir ganz offen. Aber täusch dich nicht, das war bisher nur laues Vorgeplänkel. Ich vermute, dass der Staatsanwalt noch einen Trumpf im Ärmel hat, von dem wir bisher nichts wissen.``


***


Am nächsten Tag stand als erstes Thimos Footballcoach Skinner auf der Zeugenbank. Für die Anklage war Skinner überraschender Weise ein schwieriger Zeuge. Seine Antworten paßten nicht so ganz zur Linie des Staatsanwalts. Dabei war Skinner keineswegs parteiisch. Er war im besten Sinne objektiv. Aber das war offensichtlich eine Qualität, die in einem Gerichtssaal nur ungerne gesehen wird.

,,Wie haben Sie auf die Schlägerei anfang des Schulejahres zwischen Scott und dem Angeklagten reagiert¿`

,,Ich habe die beiden um den Sportplatz laufen lassen, bis sie ihre überschüssige Energie aufgebraucht hatten.``

,,Das war alles? Finden Sie so ein Verhalten normal¿`

,,Ja, natürlich. Football ist ein Kontaktsport. Was denken den Sie? Thimo ist ein verdammt guter Spieler und Scott hat das sofort bemerkt. Revierkämpfe wie bei Löwen oder Pavianen. Nichts spektakuläres.``

Skinner wirkte genervt, für ihn war das, das normalste Verhalten der Welt. Er schien sogar fest mit einem Kampf gerechnet zu haben.

,,Vielleicht hätten sie diese -- Wie nannten Sie das noch gleich? -- Revierkämpfe ernster nehmen sollen. Vielleicht säßen wir dann nicht da¿`

,,Einspruch!``

,,Angenommen!``

,,Moment euer Ehren, darf ich antworten? Veilleicht erklärt das etwas¿`

Felicitas sah zu Jimmy Reynolds. Der überlegte kurz und nickte.

,,Gut, der Zeuge möge aussagen.``

,,Ich weiß eigentlich nicht, was Sie wollen? Nachdem die beiden die Hackordnung geklärt hatten, waren sie das beste Quaterback/Wide Receiver Duo, dass ich je gesehen habe. Monatana/Rice mal ausgenommen. Ich hatte sogar den Eindruck, die beiden haben sich mit der Zeit immer besser verstanden. Das Thimo Scott umgebracht haben soll, ist ausgemachter Unsinn!``

Frustiert schmiß der Staatsanwalt seinen ultrateuren Montblanckugelschreiber auf die Schreibtischplatte vor sich.

,,Keine weiteren Fragen!``

,,Das ging wohl nach hinten los!``, Jimmy flüsterte leise, so dass nur Thimo ihn verstehen konnte, verkniff sich aber jedes schadenfrohe Grinsen. Das befand sich dafür auf manchen Gesichtern der Geschworenen.

,,Mr.Skinner -- Coach -- Gab' es wirklich keinen Streit zwischen Thimo und Scott¿`

,,Nein, nicht das ich wüsste! Eigentlich hätte ich eher von Scott noch etwas erwartet...``

,,Wie dürfen wir das verstehen¿`

,,Einspruch! Wo soll das nun wieder hinführen¿`

,,Zum Motiv, oder besser zum Fehlen eines Motivs``

,,Abgelehnt! Fahren Sie fort!``

,,Nun ja, ich weiß nicht genau was passiert ist, aber von einem Tag auf den anderen, schien Scott, aus seiner Gruppe von Jungs mit denen er bisher rum hing, ausgeschlossen worden zu sein. Man schnitt ihn sogar. Scott ließ sich darauf hin eine Weile hängen, fing sich aber wieder. Und vollbrachte zusammen mit Thimo für unsere Mannschaft Grandioses. Wir wurden Meister! Thimo hat kein Motiv. Keins das ich kenner oder sehe. Ich würde eher in Scotts alten Umfeld suchen.``

,,Einspruch!``

,,Stattgegeben! Der Zeuge wird ermahnt beim Thema zu bleiben. Herr Verteidiger¿`

,,Danke, euer Ehren. Das war sowieso meine letzte Frage!``

,,Gut, dann machen wir jetzt Mittagspause. Das Gericht vertagt sich bis 13:00 Uhr! Die Verhandlung ist geschlossen!``

Man ging zu Mittagspause.

,,Es sieht ziemlich gut aus¿`, Thimo sah seinen Anwalt an, der gerade einen Hamburger verdrückte.

,,Ja, zu gut! Ich kenne den Staatsanwalt. Der hat uns eine Falle gestellt und es ärgert mich, dass ich nicht weiß, was für eine Falle es ist. Nun, es kann sich nur noch um seinen letzten Zeugen handeln. Er hat ihn heute morgen ohne Namen nachgereicht. Naja, wir werden sehen.``

Mit gemischten Gefühlen beendeten Anwalt und Klient ihr Mittagessen und begaben sich zurück in den Gerichtssaal. Der Anklage würde in wenigen Minuten ihren letzten Zeugen befragen.

Auf den Schwingen des Phönix


Berlin


Ich saß mit Kuki bei Tim im Krankenhaus. Die neurologische Abteilung war nicht so kalt und steril, wie die Intensivstation des Notfallzentrums. Aber es war ein Krankenhaus und Tim lag nach wie vor im Koma.

,,Wie oft willst du noch herkommen¿`

So wie Kuki diese Frage stellte, musste er all seinen Mut zusammengenommen haben. Er wusste, dass er einen wunden Punkt bei mir traf. Genau so wie er, wußte ich natürlich auch, dass es für Tims Zustand völlig egal war, ob ich mein momentanes Leben zur Hälfte an seinem Bett verbrachte. Morgens Schule, danach Tim. Meine Hausaufgabe erledigte ich neben seinem Bett. Ich hasste Hausaufgaben, aber so ganz ohne Ablenkung wie in Tims Zimmer, entstanden die esten und vollständigsten Lösungen, die ich je fertiggebracht habe. Soweit ich meine Hausaufgaben überhaupt gemacht hatte.

,,So lange es nötig ist.``

Kuki hatte meine Antwort erwartet und nickte.

,,Gibt es irgendeine Veränderung? Immerhin, er sieht nicht mehr so zugerichtet aus.``

Das stimmte. Seine äußeren Wunden heilten. Die meisten Hämatome waren verschwunden oder kaum noch zu sehen. Natürlich brauchten die Brüche, insbesondere der der Schädelbasis, seine Zeit, aber selbst diese heilten erstaunlich gut.

,,Du sagst es. Er heilt. Die Brüche wachsen zusammen. In ein par Monaten wird man nichts mehr sehen können. Doch...``

,,Er wacht nicht auf.``

,,Ja, verdammt! Inzwischen sagen mir die Ärtze sogar was sie wissen. Ich gehör ja schließlich nicht zur Familie. Aber seine Mum hat mit ihnen gesprochen. Es ist merkwürdig, aber Tims Hirn scheint zu arbeiten. Nach seinen letzten EEG scheint er zu träumen...``

,,Zu träumen¿`

,,Ja. Von langen Alphawellen, wie in Tiefschlafphasen bis in zu den schnellen Wellen der REM- oder Traumphase ist alles vorhanden. Er wacht nur nicht auf...``

Und das machte micht fertig. Es gab keinen Grund dafür, nicht aufzuwachen. Tims Schädeltrauma war massiv, aber nicht so schwerwiegend gewesen, dass man mit bleibende Schäden rechnen musste. Es schien fast so, als wenn Tim es vorzog einfach nicht mehr aufzuwachen. Die Ärtze formulierten es in ihrer eigenen Sprache. Tim litt unter keinem neurologisch-physischen sondern unter einem pyschischen Trauma. Dabei ließen die Ärtze außer acht, dass ich mindestens genau so litt. Wie gerne hätte ich es vorgezogen, mein Hirn einfach ebenfalls auf Durchzug zu schalten¸ oder in einem nicht enden wollenden Traum zu entschwinden. Einem Traum, in dem ich mit Tim zusammen sein konnte, ohne Angst und ohne Furcht und in dem Sven noch lebte.

,,Willst du drüber sprechen¿`, Kuki sah mich sorgenvoll an.

,,Nein, ich wüßte nicht was.``

,,Sven, du redest mit mir, Kuki, und nicht mit einem der Weißkittel! Also, wem willst du etwas vormachen¿`, ein müdes Lächeln entwich meinen Lippen, ,,Dir wohl niemals. Was willst du wissen¿`

,,Was hast du vor¿`

,,Wie meinst du das¿`

,,Das weißt du ganz genau!``, Kuki spielte mit seinem Nasenring. Inzwischen hatte ich mitbekommen, dass er das immer machte, wenn er über etwas intensiv nachdachte, ,,Also...Ich vermute mal so ins Blaue, dass wir beide ungefähr die gleichen Leute für all das hier verantwortlich machen¿`

Ich sah Kuki schräg an und ließ einen verächtlichen Grunzlaut meinen Lippen entweichen.

,,Du willst dich doch bestimmt an ihnen rächen, oder¿`, Kukis Lächeln war das ernsteste Lächeln, dass ich je bei einem Menschen gesehen habe. Sein Blick perforierte mich. Er schien meine Gedanken lesen zu können.

,,Möglicherweise...``, ich versuchte mehr oder weniger vage zu bleiben.

,,Ich bin dabei!``, um so entschlossener war Kuki, ``Aber...``

,,Was aber¿`

,,Keine Gewalt!``, Kuki sah noch ernster aus. Wenn das überhaupt noch möglich war. Sein immer leicht amüsiert wirkendes Grinsen war völlig verschwunden. Kein Lächlen, nicht man ein leises Zucken der Mundwinkel. Ich hatte Kuki vorher nur einmal so ernst gesehen. Es war der Moment gewesen, an dem er mir gestand, in mich verliebt zu sein...

,,Du denkst, ich will diese Arschlöcher kranken- oder leichenschauhausreif prügeln¿`

,,Der Gedanke ist mir gekommen...``, sein Schmunzeln kehrte zurück.

,,So 'ne coole Rachenummer mit Baseballschlägern? Oder noch geiler: Wir besorgen uns 'ne Knarre. Die schieben wir ihnen ins Maul. Das muß doch absolut verschärft sein, zu sehen, wie die sich vor Panik in die Hose pissen. Insbesondere, nachdem das erste Schwein sein Gehirn in der Landschaft verteilt hat...``

,,Sven...¿`, Kuki war kreidebleich geworden. Genau so schnell, wie sein Lächeln wiedergekehrt war, war es wieder verschwunden.

,,Nicht? Hm, ich hab' wohl zuviele schlechte Computerspiele gespielt...``, ich verzog meine Lippen zu einem resignierten müden Lächeln, ``Du hast ja recht. So 'ne Nummer ist total Scheiße. Außerdem sind wir dann nicht besser als die. Aber...``, meine Augen verengten sich zu Schlitzten, ,,...dass diese Monster ein klein wenig von den Schmerzen erleben sollten, die Sven und Tim erlitten haben, wär doch nur gerecht, oder? Die scheiß Typen haben Sven umgebracht! Verdammt Kuki! Sie haben ihn einfach totgeprügelt! Und Tim...Mein Gott Tim...``

Mein Blick ging zu Tims Bett und blieb bei seinem Gesicht hängen. Tim schien einfach nur friedlich zu schlafen. Sein Gesicht war so friedlich, fast glücklich. Plötzlich hatte ich einen Klos im Hals. Mehr und mehr zog sich mein Hals zu. Ich bemerkte, dass ich beim Schlucken Probleme bekam. Als ich weitersprach klang meine Stimme belegt, leise und gequält.

,,Sie ihn dir an...``, der Anblick tat weh. Oder nein, er schmerzte, es schmerzte regelrecht körperlich. Der Klos im Hals hatte sich so weit vergrößert, dass er wie ein Zementklos auf meiner Brust lag. Das Atmen begann mir schwer zu fallen.

,,Timmy...``

Und dann passierte es. Es passierte das, was ich seit zwei Wochen erwartet hatte. Da ich aber im Moment nicht damit rechnete, überrumpelte es mich völlig unerwartet. Es, dass war der seelische Aufbrauch. Es war der Bruch meiner emotionalen Staumauer, die bisher verhindert hatte, dass ich wirklich über alles nachdenken und trauern konnte. Aber in diesem Moment begriff ich wirklich, was wirklich geschehen war. Meine Augen öffnete ihre Schleusen und ich weinte...und ich trauerte...

Die Trauerigkeit, der Schmerz, die Beklemmung. Auf dem Friedhof war sie nicht wirklich gewesen. Nicht real. Aber jetzt, dass war real.

Ich strauchelte. Meine Beine gaben nach und ich drohte hinzufallen. Doch Kuki fing mich auf.

,,Sven...``, Kuki Stimme drang leise zu mir durch. Für einen Moment musste ich wohl doch die Besinnung verloren haben, denn ich fand mich in seinen Armen wieder. Er hatte meinen Kopf auf seine Brust gelegt und sah mir von oben ins Gesicht. Auch seine Augen wirkten von Tränen verquollen.

,,Kannst du endlich loslassen...¿`, Kuki flüsterte. Seine Stimme hatte eine nie für möglich gehaltene Zärtlichkeit. Kuki streichelte mir zärtlich durch meine kurzen Haare, über meine Wangen. Er wischte meine Tränen fort und, obwohl Tim keine drei Meter von uns im Koma lag, lies ich es geschehen.

,,Ja...``, verheult, aber erleichtert¸ lächelte ich Kuki an. Er war ein echter Freund, jemand, der im richtigen Moment für einen war, ,,...Kuki? Was grinst du so hintersinnig¿`

Kuki grinste wie ein Honigkuchenpferd.

,,Wie sehr hab' davon geträumt dich so in meinen Armen zu halten...``, der Kleine strahlte mich gleichzeitig glücklich und traurig an, ,,Aber... Du gehörst zu Tim. Mehr denn je...Wenn er wieder aufwacht, dann laß ihn niemals wieder los. Hast du mich gehört? Niemals!``

,,Ja...Kuki¿`

,,Ja¿`

,,Bitte küß mich!``

Und so küsste mich Kuki. Und ich küsste ihn. Es war traumhauft. Kuki und Tim. Zwei Variationen eines Themas. Tim war die bodenständige, die realitätsbezogene Version. Kuki hingegen war scheinbar immer losgelöst und realitätsfern. Es mag vermessen klingen, aber ich wünschte, ich könnte beide haben.

Zeuge der Anklage


Portland


,,Als unseren letzten Zeugen rufen wir Marcel James Reynolds in den Zeugenstand.``

Mit diesem Satz platzte ein Bombe. Die ganzen bisherigen Zeugen waren mit den leichten Figuren eines Schachspiels zu vergleichen, mit Marcel holte der Oberstaatsanwalt die schwere Attelleri hervor.

Für einen Moment setzte Thimos Herzschlag aus, um anschließend mit doppelter Frequenz weiter zu schlagen. Was wollte die Staatsanwaltschaft von Marcel? Würden Sie ihm weh tun? Würden Sie...? Thimo wagte es nicht den Gedanken zu Ende zu denken.

,,Einspruch! Der Zeuge steht nicht auf der Liste.``

,,Der Umstand, dass der Zeuge der Sohn des wehrten Verteidigers ist und damit eine, sicherlich unbeabsichtigte, Beeinflussung denkbar wäre, ließ uns diesen Schritt als notwendig erscheinen.``

Richterin Cunningham rückte ihren Richterstuhl gerade, in dem sie es sich im bisherigen Verlauf der Verhandlung gemütlich gemacht hatte. Forschend sah sie über den Rand ihrer Brille.

,,Ist das war? Es der Zeuge ihr Sohn¿`

,,Ja, euer Ehren!``

,,Ok. Ich will beide Parteien in sofort in meinem Richterzimmer sehen. Die Handlung ist unterbrochen. Führen Sie die Geschworenen hinnaus.``


***


,,Also...``, Cunningham trohnte hinter ihrem Schreibtisch, ,,wer von ihnen beiden klärt mich über diese Aktion auf¿`

,,Euer Ehren...``, der Anklagevertreter wartete gar nicht erst, ob Jimmy Reynolds auch etwas zu sagen hatte, sonder platze sofort los, ,,Der Zeuge ist für uns eine Schlüsselfigur. Mit seiner Aussage, wird das Motiv für die Tat überdeutlich werden.``

,,Sie zwingen meinen Sohn dazu gegen seinen Freund auszusagen! Und sie wissen ganz genau, wie ich das meine.``

Auch der Richterin war das süffisante Grinsen des Klägers nicht verborgen geblieben.

,,Was soll das jetzt wieder bedeuten¿`

,,Mein Sohn ist nicht nur ein Freund, er ist sein Freund. Sie sind zusammen. Ein Liebespaar. Mit anderen Worten, mein Sohn ist auch schwul. Der Anklagevertreter weiß ganz genau, dass er bei einem heterosexuellen Paar den Zeugen nicht befragen könnte.``

,,Das Zeugnisverweigerungsrecht findet hier keine Anwendung.``

,,Nein, leider und das nutzen sie schamlos aus. Wo ist der Unterschied zwischen einem Jungen und einem Mädchen oder zwei Jungen¿`

,,Sie wollen doch nicht allen Ernstes zwei schwule Minderjährige mit einem normalen, anständigen Liebespaar gleichsetzen¿`

,,Die Minderjährigkeit hat bei Ihrer Klageerhebung, als sie nach Erwachsenenstrafrecht plädierten, auch keine Rolle gespielt. Außerdem, ja, ich will das gleichsetzen! Was Sie verlangen ist amoralisch!``

,,Nur weil ihr Sohn auch so eine Schwuchtel ist.``

,,Es reicht!``, Cunningham fauchte den Oberstaatsanwalt an, ,,Ich glaube Sie vergessen sich!``

,,Entschuldigung, euer Ehren!``

,,Entschuldigen Sie sich nicht bei mir, sondern bei Herrn Rynolds.``

Die Richterin nickte: ,,Der Punkt mit der Minderjährigkeit geht an Sie, Jimmy! Außerdem missfällt mir ihr homophober Unterton, Herr Staatsanwalt. Hm, schöne Scheiße. Warum bekomm ich immer solche Fälle. Nun gut...Gegen meine innerste Überzeugung bleibt mir nichts anderes übrig, als den Zeugen zuzulassen. Ich sehe nach den Gesetzen des Bundesstaates Maine keinen Grund der ein Rückgriff auf das Zeugnisverweigerungsrecht erlauben würde. Jimmy, es tut mir Leid. Auch für ihren Sohn! Ihr Einspruch geht ins Protokoll. Und noch was. Die Verteidigung erhält einen Rettungsanker, sollte der Fall wegen dieser Geschichte gegen den Angeklagten ausgehen. Ich werde mich zwar nicht gegen die Entscheidung der Geschworenen stellen, aber einer Revision keinen Widerstand entgegensetzen.``

,,...``, der Staatsanwalt wollte gerade wieder ansetzen.

,,Ich will von Ihnen nichts hören. Meine Entscheidung ist endgültig!``

,,Ich beantrage den Ausschluß der Öffentlichkeit.``, Jimmy Reynolds fand die Gelegenheit günstig.

,,Warum¿`, doch so leicht war die Cunningham nicht aus zu tricksen. Jimmy Reynolds räusperte sich und warf einen Blick in Richtung Anklagevertretung.

,,Hm, Herr Staatsanwalt, würden Sie uns für einen Moment allein lassen¿`

,,Ich denke ich solte dabei sein!``

,,Ich denke das nicht. Oder denken Sie ernsthaft, ich würde mit der Verteidigung paktieren¿`

,,Natürlich nicht euer Ehren!``, wiederwillig verließ der Oberstaatsanwalt das Richterzimmer.

,,Also, wo liegt das Problem¿`, Felicitas machte es sich hinter ihrem Schreibtisch bequem. Sie rollte ihren Stuhl zurück, ließ die Rückenlehne nach hinten klappen und legte ihre Beine hoch. Jimmy Reynolds sah sie verlegen und unsicher an.

,,Er hat meinen Sohn vergewaltigt!``

Es gab einen ,,Klack`` und die Rückenlehne des Richterstuhls stand wieder gerade. Vor Schwung und Schreck wäre Felicitas Cunningham fast die Brille von der Nase geschoben. Mit einer eleganten Handbewegung schob sie ihr Nasenfahrrad wieder an die richtige Stelle.

,,Wer¿`

,,Scott, das Opfer!``

,,Nochmal!``

,,Scott hat Marcel vergewaltigt. Über Jahre! Ich habe es nicht gewußt... nicht bemerkt. Marcel hat es vor mir verheimlicht...Er...Ach, ich weiß auch nicht.``, Jimmy schüttelte resigniert seinen Kopf, fand aber zu seiner Stärke zurück, ,,Ich weiß nur, dass ich ihn nicht Tanner zum Fraß vorwerfen will. Denn Tanner will ihn sezieren!``

,,Ha, unser Oberstaatsanwalt ist eine echte Kellerassel. Tanner will Thimos Kopf¸ dass er aber so weit gehen würde...``

,,Er will mehr! Er will auch meinen Kopf! Erinnern Sie sich: der Staat Maine gegen Sutherland...``

,,Jimmy, Sie meinen da spielt eine offene Rechnung zwischen Ihnen und Tanner eine Rolle¿`

,,Es hatte damals schon den Job als Oberstaatsanwalt so gut wie sicher gehabt. Bis ich ihm schlampige Ermittlungsarbeit nachgewiesen habe. Fehler in der Zeugenbefragung, zerstörte Beweismittel...Es gab sogar den Verdacht, er hätte Beweismittel manipuliert, weil er wusste, daß Sutherland unschuldig war. Er brauchte aber eine Verurteilung. Er verlor den Prozeß! Mit Pauken und Trompeten! Es hat ihn in seiner Kaiiere um ein par Jahre zurückgeworfen und dass, nimmt er mir immer noch persönlich übel. Mann stelle sich diese Schlagzeile vor: Schwuler jugendlicher Mörder zum Tode verurteilt! Sohn des Verteidigers war der Liebhaber des Mörders:,Er tat es nur aus Liebe zu mir!`Tanner will Thimo, er will Marcel und er will mich -- Er will uns alle vernichten!``

,,Ich muß mich korrigieren: Tanner ist keine Kellerassel, er ist eine Kakerlake. Ok, Jimmy, was soll ich tun¿`

,,Ich kenne auch das Recht...Und ich kann nichts Unmögliches von Ihnen verlangen...``

,,Und genau desswegen, weil Sie kein Winkeladvokat sind und das Recht kennen, führen wir überhaupt das Gespräch. Gut, ich werde ihren Antrag auf Ausschluß der Öffentlichkeit stattgeben. Mehr aber auch nicht! Mehr geht nicht...``, Felicitas seufzte, ,,Es sieht nicht gut aus für Ihren Mandanten.``

,,Ich weiß!``, sollte jemand Jimmy Reynolds in diesem Moment betrachtet haben, er hätte einen sehr alten und müden Mann gesehen.

Der Ankläger wurde wieder herreingebeten. Richterin Cunningham verkündete ihre Entscheidung.

,,Ich gebe dem Antrag auf Ausschluß der Öffentlichkeit statt! Und noch etwas. Ich werde den Geschworenen nur meine Entscheidung mitteilen, nicht aber die Gründe dafür. Sollten einer von ihnen beiden mit dem Zeugen irgendwelche miesen Tricks versuchen, werde ich das sofort unterbinden. Hab' ich mich klar ausgedrückt¿`

Beide Parteien nickten. Die Verhandlung wurde fortgesetzt.


***


,,Wie ist dein Name¿`

Oberstaatsanwalt Tanner begann seine Befragung freundlich, sogar ausergewöhnlich freundlich. Er hatte eine verbindliches Lächeln auf den Lippen. Sein Tonfall war fast kumpelhaft. Man mußte ihn einfach gern habe, ungefähr so gern, wie schwarze Witwen, Scorpione, oder Klapperschlangen.

,,Marcel James Reynolds.``, Marcel versucht sich zu entspannen und locker zu bleiben.

Es blieb bei dem Versuch.

Marcel wirkte fahrig und nervös. Thimo musste seinen Freund einfach anstarren. Sein Puls raste und hämmerte in seinen Schläfen. Marcel hilflos dem Ankläger ausgesetzt zu sehen, grenzte schon an Folter.

,,Marcel...Ich darf dich doch Marcel nennen? Kennst du den Angeklagten¿`

Jimmy Reynolds räusperte sich. Er räusperte sich sehr deutlich und sehr laut. Eine Warnung an Tanner: ,,Du nimmst dir da gerade meinen Sohn zur Brust! Vorsicht!``

,,Ja, wir gehen zusammen in die Liberty High, außerdem sind wir befreundet.``, Marcel warf Thimo einen schüchternen Blick zu. Warum glänzten seine Augen so? Eine eiskalte Hand griff nach Thimos Herz.

,,Kanntest du das Opfer¿`, Tanner, immer noch die Freundlichkeit in Person.

,,Scott, ja¿`, Marcel fixierte wieder den Staatsanwalt.

,,War Scott dein Freund¿`

,,Nein!``, ein lautes, hartes und entschlossenes Nein hallte durch den Gerichtssaal und weckte die Geschworenen. Marcel war selbst von seinem Ausbruch überrascht und zuckte unwillkürlich zusammen. Wieder unter Kontrolle fügte er leise hinzu: ,,Wir waren nicht befreundet.``

,,Aber das war einmal anders, oder¿`, Tanner versuchte sich in der gleichen falschen jovialen Art, wie Prinzipal Franklin.

,,Ja, aber das ist schon ewig her...``

,,Gut, kommen wir erst einmal zu etwas anderem.``, Tanner ließ das Thema fallen. Jimmy Reynolds und Thimo starrten gebannt zu Marcel, der aber weiterhin mit seinen Augen Oberstaatsanwalt Tanner fixiert hielt, während dieser seine nächste Frage formulierte: ,,Du warst beim Endspiel dabei¿`

,,Ja und Nein.``

,,Wie muß ich das verstehen.``

,,Nein, nicht als Spieler. Ja, ich war Zuschauer.``

,,Um den Angeklaten beim Spiel zu sehen¿`

,,Auch...Die Mannschaft war noch nie im Endspiel, geschweige in den Play Offs. Ich glaube diese gesammte Schule inklusive Anhang war da.``

,,Ähm, ja...``

Thimo entspannte sich ein klein wenig. Tanner schien im Nebel herumzustochern und Marcel hielt sich wacker.

,,Das ist wahr. Ich selbst war anwesend. Ein wirklich beeindruckendes Spiel...``

,,Einspruch! Führt daß noch zu etwas konkreten oder möchte uns der ehrenwerte Staatswalt nur an seine Freunde über ein gutes Footballspiel teilhaben lassen¿`

,,Das fragte ich mich auch gerade...``, Richterin Cunningham lugte über ihren Brillenrand.

,,Natürlich...``, Tanner nickte, hielt kurz inne und setzt wieder an: ,,Es mag ja sein, dass halb Portland bei diesem Spiel anwesend war, aber...``, dramaturgische Pause, ,,nicht halb Portland, sondern nur du, Marcel, der Angeklagte und das Opfer hatten nach dem Spiel eine Auseinandersetzung.``

Die Freundlichkeit war futsch. Tanner zischte wie eine Schlange. Eine Cobra, die zum Sprung auf ihr Opfer ansetzte: ,,Es war doch eine Auseinandersetzung, oder¿`

Marcel wurde bleich, fast grünlich: ,,Nein!``

,,Was nein? Ihr ward doch zu dritt zusammen, oder? Es gibt Zeugen, die euch gesehen haben. Es gibt sogar Fotos!``

,,Nein, wir hatten keine Auseinandersetzung.``, Marcel wurde immer leiser. Dieses Thema, Scott, es ließ ihn nicht los. Immer und immer blubberte die Vergangenheit an die Oberfläche.

,,Nein? War es nicht¿`, Tanner wurde laut. Sein Ton scharf und schrill. Mit schnellen Schritten rannte er zu seinem Schreibtisch, öffnete seinen Aktenkoffer und holte einen Stapel Fotos herraus. Eines dieser Fotos knallte er Thimo auf dem Tisch, eins Marcel, der Richterrin und den ganzen Rest den Geschworenen. Das Foto mußte mit einem Teleobjektiv gemacht worden sein. Es war ein typisches Sportfoto, so wie sie von den Sportreportern der Lokalzeitung geschossen werden. Es zeigte Thimo, Marcel und Scott, wie sie heftig miteinander diskutierten. Wer nicht selbst dabei war, mußte es zwangsläufig für einen Streit halten.

,,Sieht das nicht aus, wie eine heftige Auseinandersetzung? Ein Streit¿`

,,Es war kein Streit...``, Marcels Stimme wurde dünn. Mit Entsetzen sah Thimo, wie sich Marcels Augen mit Wasser füllten. Verdammt, er ist noch nicht so weit! Laßt ihn in Ruhe!

,,Nein? Kein Streit? Was war es denn, dass ihr so ernst miteinander diskutiert¿`

,,Eine Entschuldigung...``, Marcel zitterte am ganzen Körper. Seine Stimme hatte sich auf ein Flüstern reduziert. Im gleichem Maß wie seine Stimmkraft schwand schnürte sich Thimos Brust zu. Thimo spürte wie Marcel litt. Ein Gefühl von Ohnmacht machte sich breit. Tatlos zusehen zu müssen, wie sein Freund, sein Engel, sein ein und alles, von diesem skrupellosen Staatsanwalt gegen ihn benutzt wurde, war das Unerträglichste, was Thimo seit langer Zeit ertragen mußte. Hör auf!

,,Eine Entschuldigung? Wer hat sich entschuldigt? Und warum¿`

,,Scott! Scott hat sich bei mir entschuldigt...Er hat um Verzeihung gebeten...Ich...``, Marcel konnte seine Tränen nicht mehr zurückhalten.

,,Einspruch! Der Staatsanwalt quält den Zeugen!``

,,Wir kommen zum Motiv!``

,,Dann beilen Sie sich damit und behandel Ihren Zeugen bitte angemessen!``, Richtering Felicitas Cunningham war nicht amüsiert. Sie verabscheute Schlammschlachten, insbesondere ihn Ihrem Gerichtssaal.

,,Wofür hat sich Scott entschuldigt¿`, Tanner sprang auf Marcel zu, wie ein Jagdhund der Witterung aufgenommen hatte. Cunninghams Ermahnung wurde zu Kenntnis genommen und ignoriert. Das Ziel war so nah, fast greifbar:,,Was hat er getan, dass er dafür um Verzeihung bitten mußte¿`

,,Einspruch!``

Dieses war einer der wenigen Momente¸ in denen Filicitas Cunningham ihren Job hasste. So sehr sie auch mit Marcel und Thimo Mitleid hatte, sie stand nicht über dem Gesetzt, sie war das Gesetzt und das Gesetzt ist neutral: ,,Abgelehnt, der Zeuge möge antworten!``

,,Er hat mich um verge...``, Marcel war vor Tränen kaum zu verstehen.

Der Moment war schon dramatisch genung, Tanner holte zu seinem finalen Vernichtungsschlag aus: ,,Ist es nicht so, dass Scott etwas sehr Schreckliches getan hat? Etwas, dass auch der Grund dafür ist, dass ihr keine Freunde mehr seid¿`

Die Bombe war kurz davor zu platzen. Im Gerichtssaal wurde es totenstill. Alles hielt den Atem an, nur Marcel hörte man leise schniefen. Thimo krallte sich an seinem Tisch fest, biß sich auf seine Lippen und spürte, wie er jeglichen Halt verlor. Auch seine Augen füllten sich mit Tränen. Verdammt, der Staatsanwalt sollte aufhören Marcel zu quälen, dass hatte Scott schon genug getan. Er sollte dies nicht noch einmal durchleben müssen. Auf keinem Fall!

,,Aufhören! Laßt ihn zufrieden. Ich war es! Ich habe Scott umgebracht!``

Alle Blicke richteten sich auf Thimo: Marcels entsetzt, Jimmy Reynolds bestürtzt, Tanner triumphirend, Cunningham verblüfft und die Geschworenen irritiert.

,,Ich war's! Ich hab's getan! Das ist es doch, was Ihr alle hören wollt, oder? Nun gut, dann war ich es eben! Nur laßt Marcel zufrieden!``